"Gruppe Ludwig"

Vor 40 Jahren: Rechtsextremer Anschlag in München

Vor 40 Jahren, am 7. Januar 1984, verübten Rechtsextremisten in München einen Anschlag.

Sonntag, 07. Januar 2024
Anton Maegerle
Ein Millionenschaden entstand in der Nacht vom 07.01.1984 in der Münchner Diskothek Liverpool. Acht Personen wurden dabei verletzt und eine Angestellte erlag später ihren schweren Verletzungen. Foto: picture alliance / dpa | Erk Wirginings
Ein Millionenschaden entstand in der Nacht vom 07.01.1984 in der Münchner Diskothek Liverpool. Acht Personen wurden dabei verletzt und eine Angestellte erlag später ihren schweren Verletzungen. Foto: picture alliance / dpa | Erk Wirginings

Die rechtsextreme „Gruppe Ludwig“ beging zwischen 1977 und 1984 vor allem in Norditalien eine Mord- und Brandanschlagsserie. Mindestens 15 Menschen wurden getötet, viele verletzt. Vor 40 Jahren, am 7. Januar 1984, verübten die Attentäter auch in München einen Anschlag. Es war der einzige in der Bundesrepublik Deutschland und fand über Jahrzehnte hinweg in der Politik und der Öffentlichkeit kaum Beachtung.

Anlässlich des 40. Jahrestages sucht die Stadt München nun nach Zeitzeugen und Hinweisen. „Das Kulturreferat sucht weiterhin nach Spuren und Quellen zum 7. Januar 1984“, sagte Referatsmitarbeiter Moritz Kienast dem Bayerischen Rundfunk.

Am 7. Januar 1984 warf die „Gruppe Ludwig“ Brandsätze in den Eingangsbereich der Tanzbar „Liverpool“. Im „Liverpool“, so das Bekennerschreiben, abgefasst in Runenschrift, „wird jetzt nicht mehr gefickt“. Acht Menschen wurden verletzt. Wochen später starb die 20-jährige Garderobenfrau Corinna Tatarotti an den schweren Verbrennungen. Tatarotti war das letzte Opfer der rechtsterroristischen „Gruppe Ludwig“.

Neun Mord- und Brandanschläge

Der folgenreichste Anschlag der „Gruppe Ludwig“ fand am 14. Mai 1983 statt: ein Brandanschlag mit sechs Toten in Mailand. Die Täter hatten zwanzig Liter Benzin in dem mit dreißig Personen besetzten Sexkino "Eros" entzündet. Sechs Männer erstickten. Es ist die Tat mit den meisten Opfern der „Gruppe Ludwig“, die alleine aus dem Münchner Wolfgang Abel (Jg. 1959) und dem Italiener Marco Furlan (Jg. 1960), zwei Akademikern aus reichen Elternhäusern, bestanden haben soll.

Als „Gruppe Ludwig“, deren Weltbild eine Melange aus militantem Rechtsextremismus, fanatischer Homophobie und fundamentalistischem Katholizismus gepaart mit einer kruden christlich-traditionalistischer Sexualmoral bildete, begingen der Doktor der Mathematik, Abel, und der Doktorand Furlan seit 1977 neun Mord- und Brandanschläge in verschiedenen Städten Norditaliens und in München.

30 Jahre Haft

15 Menschen, Sinto, Homosexuelle, SexarbeiterInnen, Drogenkonsumenten, Priester sowie Sexkino- und DiskothekenbesucherInnen, haben sie bis 1984 ermordet. „Eine Todesschwadron hat die Männer ohne Ehre hingerichtet“, teilte die „Gruppe Ludwig“ nach dem Anschlag in Mailand in einem zweisprachigen Bekennerschreiben an die Nachrichtenagentur „Ansa“ mit und übernahm „die Verantwortung für den Scheiterhaufen der Schwänze“. „Unser Glaube ist der Nazismus, unsere Justiz der Tod, unsere Demokratie die Ausrottung“ schrieben sie. Die Schreiben der „Gruppe Ludwig“ zierte die Parole „Gott mit uns“.

In ihren Bekennerschreiben bekannten sich die Neonazis offen zum Nazismus und machten deutlich, dass sich ihr Kampf u. a. gegen den Sittenverfall richte. Den Adler mit einem Hakenkreuz in den Klauen nutzten sie als Logo. Eindeutige Bekenntnisse, sogenannte Selbstbezichtigungen, sind in der rechtsextremen Szene nach Morden und Anschlägen bis heute nicht üblich. Auch der NSU hinterließ keine Bekennerschreiben. Die Tat ist die Botschaft. Bei dem Versuch am 4. März 1984 bei einer Karnevalsveranstaltung in der Diskothek „Melamare“ in Castiglione delle Stiviere einen Brandanschlag zu verüben, konnten Ordner die Rechtsterroristen endgültig stoppen. 1987 verurteilte ein Gericht in Verona die beiden Akademiker zu 30 Jahren Haft. Die Täter sind nach Medienberichten seit 2009 wieder auf freiem Fuß.

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