von Oliver Cruzcampo
   

Von Juden und Friedenstauben

Die letzten Züge vor dem zeitintensiven Wahlkampf nutzt die NPD für einen Strukturausbau durch ein neues „Bürgerbüro“ in Wismar. In Neustrelitz setzten die Rechtsextremen ihre Kümmerer-Strategie fort und führten unbehelligt ein Kinderfest durch.

An fünf verschiedenen Orten listet die Fraktion der NPD ihre „Bürgerbüros“ auf: Lübtheen, Grevesmühlen, Rostock, Anklam und Ueckermünde. Die Einrichtungen sind in Privatbesitz, meist in der Hand von Parteikadern. Durch Steuergelder können so über diesen Umweg weitere Gelder in die Szene fließen, zudem kann die Partei ihre Strukturen erweitern.

In der Hansestadt Wismar ist am Wochenende nun ein weiteres Objekt dazugekommen. Am Schilde 3 lautet die Adresse des neues Büros des einzigen NPD-Europaabgeordneten Udo Voigt. In derselben Straße, nur 30 Meter weiter, befindet sich das Büro des Kreisverbands Nordwestmecklenburg der Partei Die Linke.

Udo Voigt und die NPD hatten breit geladen zu der Eröffnung am Samstagmittag. Der langjährige Bundeschef war annähernd mit seinem gesamtem sechsköpfigen Mitarbeiterstab abgereist. Rainer Schütt aus Wismar, der seit einigen Monaten als „wissenschaftlicher Referent“ von Voigt gelistet wird, eröffnete die Veranstaltung; Uwe Meenen, Frank Rohleder und Florian Stein gesellten sich dazu.

Holocaustleugnerin Haverbeck auf NPD-Veranstaltung

Als Überraschungsgast ließ sich die bekannte Holocaustleugnerin Ursula Haverbeck ebenfalls in Wismar blicken, die umgehend in vertraute Gespräche mit den beiden wegen Volksverhetzung verurteilten Udo Voigt und Udo Pastörs einstieg. Später soll die in Vlotho wohnhafte Haverbeck auf die nächste Veranstaltung weitergezogen sein.

Anschließend trat der Landesvorsitzende Stefan Köster als erster von drei Rednern vor dem Büro auf, wenig später übernahm dann Voigt. Das Büro, so der 64-Jährige, sei ein Anlaufpunkt, „um Menschen die Wahrheit zu erzählen.“ Stolz berichtete er von 162.000 Menschen, die 2014 durch ihre Stimme seine Wahl ins Europaparlament ermöglichten. Während die Mehrheit der NPD-Gäste Voigt nach dieser Aussage Applaus spendeten, blieb eine Person auffällig ruhig. Udo Pastörs wollte seinerzeit selbst Spitzenkandidat werden, unterlag aber in der parteiinternen Abstimmung gegen seinen Kontrahenten Voigt.

„Deutschland nicht das Land der Juden“

Von dem Fraktionsvorsitzenden kamen dann Worte, die wie gewöhnlich hart an der Grenze zwischen Meinungsfreiheit und Volksverhetzung liegen. Die Rede war von einem „Lügenmaul der Bundeskanzlerin“, auch wem Deutschland „gehöre“ stellte Pastörs unmissverständlich klar: „Deutschland ist nicht das Land der Maghrebiner, Deutschland ist nicht das Land der Juden, der Afro..afrikaner oder anderer Volksstämme, Deutschland gehört uns.“ Anschließend brachte ihm ein Sympathisant zwei Friedenstauben, die Pastörs in den „stahlblauen Himmel“ entlassen wollte. Doch diese seien laut dem 63-Jährigen kein Symbol des Friedens, sondern der „Friedfertigkeit und Wehrhaftigkeit“.

Wenig später hatten weitere Parteifunktionäre zum Kinderfest nach Neustrelitz geladen. Zu gerne inszeniert sich die im Verbotsverfahren befindliche NPD als Kümmerer vor Ort, Kinderfeste sind seit Jahren fester Bestandteil dieser Strategie; rund ein halbes Dutzend solcher Feste führt der Landesverband jedes Jahr durch. „Neben Luftballonstechen, Dosenwerfen und Hüpfburg warten auch Bratwurst, Kuchen und Softeis und viele andere Sachen auf euch“, so wirbt die rechtsextreme Partei im Internet für die Veranstaltung – mehrere Dutzend Eltern folgten mit ihren Kindern der Einladung.

Um die Organisation kümmerten sich Parteikader wie Marko Zimmermann, Norman Runge oder Dirk Arendt, Kameradschaftsmitglieder liefen Streife, um unliebsame Personen fernzuhalten. Die Rechtsextremen konnten am Samstagnachmittag größtenteils unter sich bleiben, Gegendemonstranten waren nicht in Sichtweite – auch die Polizei schien keinen Bedarf an der Absicherung des Events zu haben.

Für die musikalische „Bereicherung“ sorgte dann am Abend die Hooligan-Band „Kategorie C“, die für ein Konzert im Raum Westmecklenburg/Hamburg geworben hatte. Der Veranstaltungsort wurde bis zuletzt geheim gehalten, über einen Schleusungspunkt wurde die genaue Location am frühen Abend bekanntgegeben. Das Konzert fand letztendlich wenige Kilometer jenseits der Landesgrenze statt, in der Gemeinde Koberg, westlich von Ratzeburg.

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