Neuer Fretterode-Prozess

Verteidigung will Neonazi-Opfer zu Tätern machen

Bei der Neuverhandlung des sogenannten Fretterode-Prozesses hat der erste der beiden Journalisten, die von Neonazis aus dem nächsten Umfeld von Thorsten Heise attackiert und schwer verletzt wurden, seine Aussage begonnen. Die Verteidigung versucht die dramatischen Schilderungen zu relativieren, indem sie die Recherchen der Rechtsextremismus-Experten mit den Angriffen auf Neonazis im „Antifa Ost“-Komplex in Verbindung bringt. Belege für diese Unterstellung haben die Szene-Anwält*innen keine.

Montag, 12. Januar 2026
Joachim F. Tornau
Zwei Personen haben sich vor dem Landgericht in Mühlhausen mit den beiden angegriffenen Journalisten solidarisiert, Foto: Joachim F. Tornau
Zwei Personen haben sich vor dem Landgericht in Mühlhausen mit den beiden angegriffenen Journalisten solidarisiert, Foto: Joachim F. Tornau

Bevor der Mann erzählen kann, wie ihm ein Neonazi mit einem Traktorschraubenschlüssel den Schädel eingeschlagen hat, wird er von der Verteidigung erst einmal vom Opfer zum Täter gemacht. Bei der Neuauflage des sogenannten Fretterode-Prozesses um den brutalen Überfall von Rechtsextremen auf Journalisten in Thüringen will das Landgericht in Mühlhausen am zweiten Verhandlungstag den ersten der beiden Betroffenen befragen. Doch kaum hat der 34-Jährige seinen Namen und sein Alter angegeben und erklärt, dass er mittlerweile nicht mehr als Journalist, sondern als Feuerwehrmann arbeitet, da meldet sich Szene-Anwältin Nicole Schneiders zu Wort: Sie habe einen unaufschiebbaren Antrag.

Schneiders verteidigt den einstigen NPD-Aktivisten Gianluca K. (32), der zusammen mit Nordulf H., dem 26 Jahre alten Sohn des einflussreichen Neonazi-Kaders und „Die Heimat“-Vizevorsitzenden Thorsten Heise, auf der Anklagebank sitzt. Im April 2018 sollen die Angeklagten regelrecht Jagd auf zwei freie Journalisten aus Göttingen gemacht haben, die sich auf Recherchen über die rechte Szene spezialisiert hatten und an jenem Tag ein mutmaßliches Treffen von Neonazis auf dem Anwesen von Thorsten Heise in dem Dörfchen Fretterode dokumentieren wollten. Am Ende waren beide Journalisten schwer verletzt, ihr Auto zerstört, ihre Kamera weg.

Antrag scheitert

Verteidigerin Schneiders fordert: Der Ex-Journalist auf dem Zeugenstuhl müsse vor seiner Befragung belehrt werden, dass er sich nicht selbst belasten müsse. Denn: Es könne doch sein, dass er etwas mit der boulevardesk als „Hammerbande“ titulierten Gruppierung im „Antifa Ost“-Verfahren zu tun habe. Schließlich hätten deren Mitglieder ihre rechtsextremen Opfer ja auch vorher ausgespäht. „Das Ausspähen gehörte da zum modus operandi“, sagt Schneiders. Für ihren Kollegen, den ebenfalls fest in der neonazistischen Szene verwurzelten Wolfram Nahrath, ist es sogar schon verdächtig, dass die Journalisten kein Navi in ihrem Auto hatten.

Bessere Belege für ihre wüste Unterstellung hat die Verteidigung nicht. „Der Antrag ist genauso gehaltvoll wie die Annahme, mein Mandant wäre Teil des IS“, kommentiert Nebenklageanwalt Sven Adam. Das sieht dann auch das Gericht so: Es gebe keinerlei Anhaltspunkte, dass der Zeuge mit einer kriminellen Vereinigung zu tun haben könnte. Antrag abgelehnt. Aber bis dahin hat die versuchte Täter-Opfer-Umkehr schon sehr viel Raum und Zeit eingenommen, hat das Gift des Misstrauens wirken können. Mehr dürfte sich die Verteidigung auch gar nicht erwartet haben.

Als der Zeuge endlich sprechen darf, berichtet er, was er fast genauso bereits vor mehr als vier Jahren einer anderen Strafkammer des Mühlhäuser Gerichts gesagt hat. Das milde und von viel Verständnis für die angeklagten Neonazis getragene Urteil, mit dem dieser erste Prozess 2022 endete, war vom Bundesgerichtshof aufgehoben worden. Deshalb wird nun noch einmal ganz von vorn verhandelt. 

 „Immer noch beängstigend“ 

„Was damals passiert ist, ist immer noch beängstigend“, sagt der Mann. Sie hätten mit ihrem Auto vor dem Heise’schen Gutshaus gestanden, da sei Gianluca K. „energisch“ auf sie zugekommen, dazu eine Stimme aus dem Haus: „Sind die Fotzen noch da?“ Er vermute, dass das die Stimme von Thorsten Heise gewesen sei. So bedrohlich habe das gewirkt, dass sie lieber das Weite gesucht hätten. 

Als sie kurz darauf noch einmal durch das Dorf gefahren seien, hätten die Neonazis bereits auf sie gelauert. In diesem Moment sei das vielgedruckte Foto von Nordulf H. entstanden, der, einen mächtigen Schraubenschlüssel in der Hand und einen Schlauchschal der „Arischen Bruderschaft“ vor dem Gesicht, auf die Journalisten zurennt. Es folgte eine halsbrecherische Verfolgungsjagd über die Straßen rund um Fretterode. „Die sind uns so dicht aufgefahren, dass ich das Kennzeichen von denen nicht mehr sehen konnte“, sagt der Nebenkläger. „Das war übelst gefährlich.“ Zweimal hätten ihnen die Neonazis mit ihrem BMW den Weg abgeschnitten und sie zu panischen Umkehrmanövern gezwungen. 

Blutübertrömt

Und als er und sein Kollege sich mit ihrem Wagen in einem Graben festgefahren hatten, hätten sich die Angeklagten auf sie gestürzt, vermummt und bewaffnet mit Reizgas, Klappmesser, Baseballschläger und einem riesigen Schraubenschlüssel. Hätten die Autoscheiben eingeschlagen, Reifen zerstochen, Pfefferspray ins Wageninnere gesprüht. Und zugeschlagen und zugestochen. Ein Foto, das im Gerichtssaal projiziert wird, zeigt den Mann nach der Tat blutüberströmt. Er erlitt einen Schädelbruch, sein Kollege einen Stich ins Bein.

Körperlich, sagt der Zeuge, gehe es ihm heute wieder gut. Aber die Narbe auf seiner Stirn erinnere ihn jeden Tag an das traumatisierende Erlebnis. „Psychisch hat mich das sehr belastet. Ich bin nachts aufgeschreckt, weil ich davon geträumt hatte. Hatte Angst, verfolgt zu werden, und habe die Tat immer wieder durchlebt.“

Kamera bleibt verschwunden

Vom strafrechtlich schwerwiegendsten Vorwurf, dem Raub der Fotoausrüstung, sind die Angeklagten im ersten Prozess freigesprochen worden. Der ehemalige Journalist aber hat keinen Zweifel, dass Nordulf H. sich die teure Spiegelreflexkamera geschnappt und zum eigenen BMW gebracht hat. „Da bin ich zu hundert Prozent sicher.“ Gefunden wurde die Kamera nie: Die Bemühungen der Polizei beschränkten sich auf ein einmaliges Abfahren der Strecke, auf der die Angeklagten vom Tatort nach Fretterode zurückgekehrt waren, sowie auf eine späte und halbherzige Durchsuchung bei Heises.

 

Nach der ursprünglichen Planung hätten an diesem zweiten Prozesstag gleich beide Betroffenen aussagen sollen. Doch die Zeit reicht nicht einmal, um die Befragung des ersten abzuschließen. Aus Rücksicht auf die Wetterlage bricht das Gericht die Vernehmung am frühen Nachmittag ab. Am 29. Januar soll es weitergehen.

Kategorien
Tags