von Mathias Brodkorb
   

Scharnierfunktion von Rechts: Zur Ausgabe Nr. 11 der JN-Theoriezeitschrift „hier&jetzt“

Mit der Sommerausgabe 2008 des JN-Magazins „hier&jetzt“ wurde wieder einmal ein neuer Seitenrekord aufgestellt. Ganze 50 Seiten umfasst das aktuelle Heft, das sich diesmal ganz den Identitätsfragen der politischen Rechten stellt.  

So erteilt zunächst der JN-Bundesschulungsleiter und ehemalige Praktikant der NPD-Landtagsfraktion MV, Matthias Gärtner, jenen Überlegungen Jürgen Schwabs eine klare Absage, die sich seinerzeit in der ersten Ausgabe des Jahres 2008 der Plausibilität einer möglichen „Querfront“-Strategie zwischen Rechts und Links widmeten. Gärnters simples Argument gegen eine Querfront-Option, das er – mit zwei Attacken gegen die Menschenrechte geschmückt – auf reichlichen vier Seiten ausbreiten darf: Die politische Linke sei nicht mehr recht antikapitalistisch, also könne eine antikapitalistische und antiimperialistische Rechte mit ihr auch nicht kooperieren. Schwab hingegen nimmt aus seiner Sicht anschlussfähige Linke in seinem Beitrag „Faschismus kommt, aber anders“ etwas genauer unter die Lupe. Insbesondere in Jürgen Elsässer will er einen Linken entdecken, der wie Rechte den Missbrauch der Menschenrechte als imperialistisches Herrschaftsinstrument der USA geißele. Ihnen stellt er die „Antideutschen“ gegenüber, die aus seiner Sicht lediglich einen „umgekehrten Rassismus“ praktizierten. Inzwischen drohe gar „ein völlig neuer Typus von Faschismus“ und ein „imperialer Rassismus“ (42). Dieser sortiere die Menschen nicht mehr anhand biologischer Merkmale, sondern nach Kriterien der „Verwertbarkeit für den kapitalistischen Arbeitsmarkt“ (43). Auch Linke wie Jürgen Elsässer hätten inzwischen begriffen, dass der Nationalismus für den Kapitalismus in Zeiten der Globalisierung dysfunktional geworden sei.

In das gleiche globalisierungskritische Horn stößt auch Uwe Ihnen, der sich in seinem Beitrag den Möglichkeiten des Nationalliberalismus widmet. Auch hier die Schlussfolgerung: „Der Liberalismus löscht (...) mit seinem Primat des freien Marktes notwendig den Nationalstaat auf (sic!)“ und somit „notwendigerweise alle Grundprinzipien einer nationalistischen Weltanschauung“ (21). Das ist zwar intellektuell pointierter, aber wie schon bei Gärtner ebenfalls Ergebnis eines vierseitigen Ringens. Dass dabei „Liberalismus“ und „Neoliberalismus“ keinesfalls dasselbe sind, unterschlägt Ihnen angesichts der üppigen, teils sinnfreien und ihn wohl selbst überwältigenden Zitation von Spengler, Sloterdijk, Mohler, Moeller van den Bruck, Evola, Tönnies und Hegel schlichtweg. Dabei wäre es für die Sache allemal besser gewesen, den Gegenstand denkerisch gründlicher zu durchdringen als ein Feuerwerk der Belesenheit abfackeln zu wollen.

Aufschlussreicher ist da schon die Auseinandersetzung der Chefredakteurin Willig mit dem angesichts der Eröffnung von netz-gegen-nazis.de veröffentlichten Dossier zum Thema Rechtsextremismus. Dies vor allem deshalb, weil sie hier gegen ein gründliches Missverständnis der publizistischen Öffentlichkeit ironisierend anschreibt, wonach die Rechte keinerlei Binnenpluralität aufweise und letztlich stets „biologistisch“ sei. Doch genau hier widerspricht Willig und gesteht dem Menschen zu, dass dieser aufgrund seiner Vernunft „sicher keine Tierart wie alle anderen“ (32) sei. Allerdings sieht sie sich abschließend auch zu einer Kritik an der real-existierenden Rechten veranlasst, die – nach historisch-materialistischer Manier – die Probleme den Umständen und nicht den Menschen selbst zuschreibe: „Auch ‚Ausländer raus und Schutzzölle’ nützt nichts, wenn die Deutschen selber bei der Geiz- und Giermentalität (um nicht zu sagen einer ‚jüdischen’ Mentalität) bleiben. Um sich alles kaputt zu machen, braucht man nicht unbedingt die Globalisierung. Sie ist nicht die Ursache, sondern umgekehrt Folge der allgegenwärtigen Unersättlichkeit.“ (33) Was genau Willig dem geneigten Leser mit dem Verweis auf eine „jüdische“ Mentalität sagen will – ob sie spöttisch an Marx’ Schrift „Zur Judenfrage“ erinnern oder vielleicht doch ein paar Ressentiments schüren will –, bleibt vorerst ihr Geheimnis.


Über diese Reflexionen hinaus gehend enthält das Heft ein aufschlussreiches Interview mit dem Münchner hofiert werde. Hierzu dürfte auch beitragen, dass sich die Macher von „hier&jetzt“ seit jeher um eine Intellektualisierung der rechtsextremen Szene bemühen – ein Unterfangen, das in keiner Partei am rechten Rand Begeisterungsstürme unter den Mitgliedern hervorrufen dürfte. Hinzu kommen durchaus unorthodoxe Debatten, die sich bspw. einem nationalen Anti-Antisemitismus verschrieben haben und nicht nur der nationalen Szene Mühe Verständnisprobleme bereiteten.

Bei dem Blatte aus Pirna darf also durchaus von einem intellektuellen „Scharnier“ zwischen rechtsextremer und rechtsradikaler Szene gesprochen werden. Denn so wie der für rechtsextreme Kreise ambitionierte Anspruch der Zeitung in der Partei, so stößt die parteipolitische Bindung der Macher von „hier&jetzt“ in der rechtsradikalen Intellektuellenszene auf erhebliche Skepsis. Das Blatt ist so im Grunde in jeder Ausgabe von einem stillen Disput mit der rechtskonservativen Wochenzeitung „Junge Freiheit“, dem „Institut für Staatspolitik“ und dem Verlag „Edition Antaios“ getragen.

In der aktuellen Ausgabe vervollständigen dieses Bild nicht nur eine Rezension des Buches „Zurüstung zum Bürgerkrieg“ des JF-Autors Thorsten Hinz, sondern auch Berichte über die „Konservativ-Subversive Aktion“ (KSA) (Blog-Link) sowie ein Aufruf Per Lennart Aaes an Deutschlands Rechtskonservative. Aaes einfache wie unmissverständliche Botschaft anlässlich der Causa Krause: Die hegemoniale Linke sei in Deutschland derzeit in der Lage, nach dem Muster des „divide et impera“ unliebsame politische Gegner aus dem Diskurs zu verbannen. Die weniger Geächteten würden derartige Gelegenheiten aufgreifen, um sich an der Ächtung zu beteiligen und so die eigene gesellschaftliche Stellung zu sichern. Im Ergebnis, so kann man den Mitarbeiter der NPD-Landtagsfraktion Sachsen Aae wohl interpretieren, zersplittere sich die politisch Rechte unter dem Druck der Linken selbst. „Bürgerliche Konservative sollten sich dies stets vor Augen halten, besonders wenn sie die Erkenntnis teilen, daß unser Volk vor einem biologischen und kulturellen Abgrund steht (...).“ (25) Offenbar wartet man beiderseits auf eindeutige Signale. Was für ein Dilemma.

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