Rechtsextremistischer Geschichtsrevisionismus

„Rechter Geschichtsrevisionismus in Deutschland“ ist ein neuer Sammelband überschrieben, worin die einzelnen Aufsätze politisch motivierte Geschichtsumdeutungen auch im neueren Rechtsextremismus untersuchen. 

Dienstag, 12. August 2025
Armin Pfahl-Traughber
Dresden im Februar: die größte alljährlich stattfindende geschichtsrevisionistische Demonstration in Deutschland
Dresden im Februar: die größte alljährlich stattfindende geschichtsrevisionistische Demonstration in Deutschland

In Deutschland stehen rechte Extremisten in „Hitlers Schatten“. Anders formuliert: Einschlägige Akteure werden von außen häufig in einem derartigen historisch-politischen Kontext wahrgenommen, was angesichts der vom nationalsozialistischen Herrschaftssystem ausgehenden politischen Verbrechen unangenehm wirkt. Bereits früh in der bundesdeutschen Geschichte dieses politischen Lagers setzte daher eine Relativierung und Verharmlosung der gemeinten Zeitgeschichte ein. So wurde die Hauptschuld am Kriegsausbruch auf die Westmächte geschoben, es kam aber auch zur Leugnung der antisemitischen Massenmorde in der Shoah. 

Dafür stand die „Auschwitz-Lüge“ als Schlagwort. Heute sind rechtsextremistische Akteure etwas zurückhaltender, lässt sich das Offensichtliche doch schwerlich leugnen. Dafür gibt es dann Relativierungen zum Stellenwert, etwa wenn die NS-Diktatur nur ein historischer „Vogelschiss“ gewesen sei. Derartige Auffassungen werden meist unter dem Begriff „Geschichtsrevisionismus“ subsumiert.

Erscheinungsformen eines älteren und neueren Geschichtsrevisionismus

Lange haben sich nur wenige einzelne Historiker damit näher befasst, wollte man doch einschlägige Positionierungen nicht öffentlich ernstnehmen. Umso erfreulicher ist daher das Erscheinen eines einschlägigen Sammelbandes, der „Rechter Geschichtsrevisionismus in Deutschland. Formen, Felder, Ideologie“ betitelt wurde. Herausgegeben haben ihn Sybille Steinbacher und Jens-Christian Wagner. Er enthält die Aufsatzfassungen von Vorträgen, die anlässlich der „Dachauer Symposien zur Zeitgeschichte“ 2023 gehalten wurden. 

Die neun Beiträge beabsichtigen keine Gesamtdarstellung, was angesichts der Komplexität der einschlägigen Phänomene auch nicht einfach wäre. Eher hat man es mit Fallstudien zu bestimmten Fragestellungen zu tun, wobei der Blick sowohl auf frühere wie heutige Erscheinungsformen des gemeinten Geschichtsrevisionismus geworfen wird. Dabei findet man auch berechtigte Einwände gegen den Terminus, er hat sich indessen als Bezeichnung für rechtsextremistische Geschichtsmanipulationen eingebürgert.

Blicke auf Formen, Felder und Ideologie

Die Aufsätze sind entsprechend der Strukturierung aus dem Untertitel gegliedert: Da geht es bei „Formen“ um den Geschichtsrevisionismus im Milieu der Pandemieleugner (Fabian Virchow), aber auch um den Geschichtsrevisionismus im Rechtsterrorismus (Imanuel Baumann). Bei „Felder“ stehen Kampagnen gegen eine kritische NS-Vergangenheitserinnerung (Volker Weiß) im Zentrum, der Blick fällt aber auch auf den Geschichtsrevisionismus der AfD (Markus Linden). 

Ebenfalls finden die „Alternativmedien“ gesonderte Aufmerksamkeit als digitale Parallelwelten (Maik Fielitz/Hendrik Bitzmann), dem sich ein Blick auf die Neue Rechte und deren Verlage (Justus H. Ulbricht) anschließt. Und dann geht es bei der „Ideologie“ um die alt- und neurechte Negierung der Vergangenheitsbewältigung (Maik Tändler), wonach abschließend der Geschichtsrevisionismus in der Reichsbürgerwelt (Sophie Schönberger) ein gesondertes Thema ist. Insofern entstand eine interessante Gesamtschau.

Statt einfache Leugnung, subtile Relativierung

Gleichwohl machen die Aufsätze der Experten auch deutlich, wie sehr es hier noch mehr Forschung zu unterschiedlichen Gesichtspunkten geben muss. Dazu gehört auch die detaillierte Korrektur und Kritik einschlägiger historischer Zerrbilder, die über das Internet ohne kritische Kommentierung große Verbreitung finden. Einzelne Autoren erinnern an die Beiträge früherer Historiker, die in den 1960er Jahren kritisch Quellenrezeption und Weltbilder hinterfragten. Es wird durch den Band aber auch deutlich, dass es neue Formen gibt. Statt einfacher Leugnung erfolgt die subtile Relativierung. 

Mitunter werden gar Ähnlichkeiten mit dem Nationalsozialismus den Rechtsextremismuskritikern unterstellt. Ein Beitrag verweist auf linke „post-koloniale“ Diskurse, die bezogen auf die Besonderheiten der Shoah ähnliche „Verwandlungen“ aufwiesen. „Free Palestine from German guilt!“ von links entspreche dann dem „Schuldkult“-Verständnis von rechts. Insgesamt ist ein interessanter Sammelband entstanden, eher fragmentarisch, aber das sind die meisten Sammelbände. 

Jens-Christian Wagner/Sybille Steinbacher (Hrsg.), Rechter Geschichtsrevisionismus in Deutschland. Formen, Felder, Ideologie, Göttingen 2025 (Wallstein-Verlag), 205 Seiten

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