Rechte Buchmesse „Seitenwechsel“ - „Zu viel am BRD-Saft genippt“
Am vergangenen Wochenende lockte die rechte Buchmesse “Seitenwechsel” mehrere tausend Menschen nach Halle an der Saale. Im Vorfeld waren zwei neonazistische Verlage ausgeschlossen worden, doch von einer Distanzierung zur äußersten Rechten war nichts zu spüren.
Am Samstagmorgen stauen sich die Autos vor der Zufahrt des bewachten Parkplatzes am Hallenser Messegelände. Sie kommen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum. Rentnerpaare in Mercedes-Limousinen und vollvermummte Gruppen in Kleinbussen werden von den Sicherheitsleuten nach und nach auf das Gelände gelassen, wo sie unerkannt durch einen Hintereingang die Messehalle betreten können.
Auf der anderen Seite der großen Halle schieben sich die Menschenmassen in das Gelände, sie sind mit dem Zug gekommen oder haben außerhalb geparkt. Insgesamt 6.000 sollen es nach Angaben der Veranstalter*innen am Wochenende gewesen sein. Große Namen wie Uwe Steimle, Matthias Matussek, Vera Lengsfeld und Hans-Georg Maaßen sorgten für Andrang. In der Schlange vor dem Eingang sieht man vor allem ältere Menschen, oft allein oder in kleinen Gruppen.
Zahlreiche Besucher aus neonazistischen und völkischen Kreisen
Einige sind bekannte Gesichter von Pegida und Querdenken, manche von ihnen in der AfD und immer wieder sind auch Personen zu sehen, die von ganz rechtsaußen bekannt sind. Unter ihnen sind Funktionäre der Jungen Nationalisten, ehemalige Mitglieder der verbotenen völkischen Jugendbünde „Heimattreue Deutsche Jugend“ und „Wiking-Jugend“ und Menschen, die an Veranstaltungen der ebenfalls verbotenen „Artgemeinschaft“ teilnahmen. Manche Neonazis sind mittlerweile in bürgerliche Positionen gerückt, wie der Mannheimer Julian Keil, der als ehrenamtlicher Geschäftsführer beim lokalen Ableger des Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge arbeitet. Er nahm in den Jahren 2018 bis 2023 am neonazistischen „Ausbruch“-Marsch in Ungarn teil, Bilder zeigen ihn dort in Wehrmachtsuniform. Der Landesgeschäftsführer des Volksbunds in Baden-Württemberg zeigte sich überrascht. Man habe von Keils Unternehmungen nichts gewusst und werde sich nun mit dem Thema auseinandersetzen, so ein Sprecher gegenüber ENDSTATION RECHTS.
Bevor der Einlass beginnt, ist die NS-Szenegröße Alexander Deptolla einer der ersten am Eingang. Nur wenige Meter hinter dem früheren thüringischen Verfassungsschutz-Chef Helmut Roewer kommt Thomas Sattelberg an, ehemals Rädelsführer der verbotenen „Skinheads Sächsische Schweiz“. Eine vereinigte Rechte, von Konservativen bis zu vorbestraften und aktiven Neonazis, wie es sich Organisationen wie „Ein Prozent“, die Partei „Freie Sachsen“ und manche Funktionäre der AfD wünschen. Unter ihnen sind Vollzeitaktivist*innen, Parteimitarbeiter*innen, Schulleiter und Firmenchefs, so wie der Leipziger Nicolas Schulmann. Der IT-Unternehmer vermittelte offenbar den Kauf der von der “Identitären Bewegung” genutzten Immobilie im Nahen Schkopau, wo am Samstagabend noch eine Feier mit Götz Kubitschek und anderen Szenegrößen stattfand.
Verkaufsstart von Buch über Holocaustleugnerin fehlgeschlagen
Das vereinte Bild war jedoch nur zwei Tage vor der Buchmesse ins Wanken geraten. Ursprünglich hatte sich auch der neonazistische „Sturmzeichen“-Verlag des Dortmunder Neonazis Sascha Krolzig im Ausstellerverzeichnis der Messe befunden. Der Verlag kündigte sogleich den für die Messe geplanten „exklusiven Verkaufsstart“ der Biografie der verstorbenen Holocaustleugnerin Ursula Haverbeck an.
Nachdem in den Medien über die Teilnahme des Verlags, der auch die Zeitschrift „N.S. Heute“ herausgibt, berichtet worden war, kündigte der Veranstalter Krolzig zufolge die Verträge. Krolzig führte dies vor allem auf das Betreiben des Chefredakteurs der an der Messe beteiligten „Jungen Freiheit“, Dieter Stein, zurück und kündigte umgehend an, rechtlich gegen den Ausschluss vorgehen zu wollen. Stein war nicht der Organisator der Messe, allerdings eines der Schwergewichte unter den knapp 100 Ausstellern. Die Organisatorin der Messe, die Dresdner Buchhändlerin und AfD-Politikerin Susanne Dagen vom „Buchhaus Loschwitz“, sparte man bewusst von der Kritik aus. Michael Brück von den „Freien Sachsen“ und ehemaliger Dortmunder Weggefährte von Krolzig, lobte Dagen gar, „ein noch nie in der Breite da gewesenes Spektrum zu einem gemeinsamen Großevent zu versammeln“. Dagen bezeichnete die Anmeldung von Sturmzeichen allerdings in einem Video der rechten Medienplattform „Utopia TV“ als „allerletzten Gegenschlag gegen diese Messe“ und stellte sich damit klar hinter den Ausschluss.
„Dann rennen Ihnen die Verrückten die Bude ein“
Auf der Website der Messe war ein kurzes Statement zu lesen, der Sturmzeichen-Verlag sei über eine „unzulässige Datenmanipulation“ ins Ausstellerverzeichnis gelangt. Offenbar hatte die Betreiberin des ebenfalls klar neonazistischen „Klosterhaus-Verlags“, Margret Nickel, den Stand von „Sturmzeichen“ mit angemeldet. Krolzig wies die Darstellung der Messe zurück und bezeichnete das Statement als „glasklare Verleumdung“. Die leeren Stände würden zu einem „Mahnmal der Meinungsfreiheit“ und „Zeichen der Cancel Culture von rechts“. Der Eilantrag Krolzigs beim Amtsgericht Halle blieb unterdessen erfolglos, da das Gericht keine Eilbedürftigkeit in der Sache sah.
Dieter Stein selbst äußerte sich auf einer von ihm moderierten Gesprächsveranstaltung auf der Messe und verteidigte den Ausschluss Krolzigs: „Wenn Sie eine Veranstaltung machen und sagen, hier kann jeder mitmachen und es ist eine rechte Veranstaltung, dann rennen Ihnen die Verrückten die Bude ein.“ Er kämpfe deshalb „massiv dagegen, dass hier ein neonazistischer Verlag teilnehmen kann“.
Rechtes Stelldichein
Dass Steins vermeintlicher Kampf zumindest ohne große Wirkung blieb, zeigte sich an den übrigen Ausstellern: Direkt gegenüber von Steins „Junger Freiheit“ betreuten unter anderem Alexander Markovics, ein extrem rechter Historiker aus Österreich, sowie die früheren Funktionäre der „Jungen Nationalisten“ Paul Rzehaczek und Pierre Dornbrach den Stand des Metapol-Verlags. Die extrem rechte Partei „Freie Sachsen“, in der zahlreiche Kader der Partei „Die Heimat“ (ehemals NPD) aktiv sind, war unter anderem mit Michael Brück und Robert Andres vor Ort, die ebenfalls beide eine lange Geschichte in der Neonazi-Szene haben. Der Freiburger Rechtsanwalt und frühere AfD-Politiker Dubravko Mandic gab dem Medienaktivisten Sebastian Schmidtke, der selbst bis vergangenes Jahr stellvertretender Vorsitzender von „Die Heimat“ war, ein Interview, in dem er „Liberalen“ (gemeint war Dieter Stein) vorwarf, „zu viel am BRD-Saft genippt“ zu haben.
In Hinblick auf die enge Einbindung des Netzwerks um Götz Kubitscheks „Sezession“ und der Identitären Bewegung, die beide mit eigenen Ständen vertreten waren, lässt sich Steins Abgrenzung eher als taktische Selbstentlastung vor der erwartbaren Kritik lesen denn als klarer Ablehnung antidemokratischer Akteure. Selbst auf dem Parkplatz setzte sich dieses Bild fort: Während Kubitscheks Sohn Wieland, selbst in führender Position bei den Wiener Identitären, als Parkplatzeinweiser fungierte, war der Thüringer Neonazi René W. als Security im Einsatz.
Am Ende frohlockte der Sturmzeichen-Verlag am Ende noch auf Telegram: „Mehrere Vertragshändler“ von „Sturmzeichen“, die Aussteller gewesen seien, hätten „Sturmzeichen“-Bücher an ihren Ständen angeboten. Dass der Konflikt, der zunächst nur als gewöhnliches szeneinternes Scharmützel erscheinen mag, noch eskalieren könnte, lies Krolzig auch schon durchblicken: „Kriegserklärung angenommen“, schrieb er auf Telegram. „Er wird noch zu spüren haben, was es heißt, wenn Nationalisten mit der von ihm selbst so bezeichneten `äußersten Härte´ gegen ihn vorgehen!“