Finanziers im Hintergrund

Radikal libertär zwischen Köthen und Könnern

Protagonisten des Afuera-Festivals in Sachsen-Anhalt beanspruchen einen immer stärkeren Machtanspruch des Rechtslibertarismus nach argentinischem Vorbild – auch in der AfD.

Mittwoch, 29. Juli 2026
Andrea Röpke/ Johann Frerichs
Blick auf das Afuera-Festival mit einer Mischung aus vorgeblich wohliger Atmosphäre zwischen Faulenzen, Ehrgeiz, Baden und Bitcoin. (c) isso.media.
Blick auf das Afuera-Festival mit einer Mischung aus vorgeblich wohliger Atmosphäre zwischen Faulenzen, Ehrgeiz, Baden und Bitcoin. (c) isso.media.

„Frisst die Kettensäge am Ende das eigene Volk?“, fragt der rechtsextreme Reporter Paul Klemm von Compact scheinbar kritisch. Doch in braver Manier berichtet Klemm dann vom libertären „Afuera-Fest“ an einem Badesee im sachsen-anhaltinischen Gerlebogk. 

Das politische „Kulturfest der Freiheit“ mit zahlreichen Rednern und Musik steht zum zweiten Mal unter dem Motto des argentinischen Präsidenten und Antidemokraten Javier Milei. „Afuera!“ steht für „Hinaus!“ Dahinter verbirgt sich die Politik einer radikalen Entfernung staatlicher Institutionen aus der Milei-Regierung. In Gerlebogk werden die Milei-Figur für 50 Euro oder eine Spielzeug-Kettensäge für 75 Euro angeboten. 

Faulenzen gegen Leistungsempfänger

Die Eintrittspreise für das libertäre Festival beginnen bei etwa 150 Euro. Auf dem kleinen See paddeln junge Leute mit Bier in der Hand über das Wasser. Andere räkeln sich in Liegestühlen. Das Polit-Fest soll eine wohlige Atmosphäre zwischen Faulenzen und Ehrgeiz, Baden und Bitcoin signalisieren.
 

Steht bei Libertären ebenfalls hoch im Kurs inklusive Verherrlichung der Verbrechen Augusto Pinochet - Shirt eines Teilnehmers einer Veranstaltung von Franz Schmid (AfD) in Weißenhorn
Steht bei Libertären ebenfalls hoch im Kurs inklusive Verherrlichung der Verbrechen Augusto Pinochet - Shirt eines Teilnehmers einer Veranstaltung von Franz Schmid (AfD) in Weißenhorn

Dahinter aber verbirgt sich eine radikalste Ablehnung sozialstaatlicher Errungenschaften. Insbesondere Rechtslibertarismus gilt als Herausforderung für Demokratien, denn so viel wie möglich soll vom Staat und seiner regulierenden Wirkung auf die Finanzmärkte abgeschafft werden.

Markenkern Sozialdarwinismus

Doch auch Sozial- und Bildungssysteme sind im Visier. Javier Milei strebt in Argentinien eine Gesellschaft an, in der es nur noch Unternehmen und ihre Macht gibt, sagt Soziologe Andreas Kemper. Polizei, Militär, Bildung und Gesundheit sollen dementsprechend privatisiert werden. Internationale Libertäre wie Elon Musk oder Yavier Milei scheinen nur Starke und Schwache, erfolgreiche Leistungsträger und parasitäre Versager zu sehen.

Seit Jahrzehnten wird der Begriff „libertär“ hierzulande genutzt, um sich von Liberalen und einer Politik staatlicher Eingriffe für das Gemeinwohl abzugrenzen. In der CEMAS-Studie „Freier Markt und Kulturkampf“ wird auf die Beziehungen zwischen Libertarismus und extrem Rechten in der Bundesrepublik hingewiesen. Sozialdarwinismus steht dabei im Zentrum rechtslibertärer Ansichten, ersehnt wird eine Hierarchie aus Marktstarken über Marktschwache. 

Was haben Argentiniens Kettensägen-schwingender Ministerpräsident Javier Milei, Tesla- und X-Boss Elon Musk und AfD-Vorsitzende Alice Weidel gemeinsam? Sie mögen Ideen des Libertarismus, wie die Idee eines minimalen Staates und kaum Beschränkungen für Unternehmer:innen. cemas.io/publikatione...

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— cemas_io (@cemas.io) 24. November 2025 um 09:22

Während der Querdenkenproteste ist ein neuer Typus des Autoritarismus deutlich geworden: der libertäre Autoritarismus. Sowohl die Autoren Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey als auch CEMAS weisen in ihren Veröffentlichungen darauf hin, dass sich dahinter ein starkes negatives Freiheitsverständnis und autoritäre Aggressionen gegen alle, die es vermeintlich einschränken würden, verbergen.

Insbesondere gemeinsame Feindbilder von Libertären und extremen Rechten sorgen für ein Erstarken. Dazu zählen neben Demokratien und ihren Institutionen die Themen Migration und Klimaschutz sowie queere Menschen, engagierte NGOs oder öffentlich-rechtliche Medien.

Weiterer Teilnehmer einer Veranstaltung von Franz Schmid (AfD) in Weißenhorn bei Ulm.
Weiterer Teilnehmer einer Veranstaltung von Franz Schmid (AfD) in Weißenhorn bei Ulm.

Für das dreitägige Event im entlegenen Gerlebogk zwischen den Orten Könnern und Köthen wurden zahlreiche Stände auf dem Gelände aufgebaut u. a. vom Landesverband der Kleinstpartei „Bündnis Deutschland“ um Claudius Borgmann aus Quedlinburg. Vertreten ist auch Frauke Petry mit ihrer Partei „Team Freiheit“, die sich zum Libertarismus bekennt.

Mit dem Schweizer Partner der rassistischen Identitären

„Brauchst du den Staat, bist du zu schwach“ steht auf deren schwarzem Banner. „Steuern sind Raub“, behaupten dagegen die Plakate von „Die Libertären“. Die Schweizer Partei „Mass-voll“ um Lars Ziegler verkauft Shirts mit Aufschriften, die besagen, dass wahlweise Sozialismus und Globalismus töten oder es steht da: „FCK EU“.  

Hinter dem Stand der „Atlas Initiative“ von Markus Krall unterhalten sich der AfD-Bundestagsabgeordnete Micha Fehre, Vorsitzender von Generation Deutschland Niedersachsen, und Otto Diederich Cornelius, ebenfalls im Vorstand der GD aus dem Ammerland.

Weidel von "liberal" zu "libertär und konservativ"

Die „Atlas Initiative-Förderung für Recht und Freiheit e.V.“ wird von Markus Krall angeführt. Krall arbeitete mehrere Jahre als CEO für Degussa Goldhandel, dessen milliardenschwerer Gründer, August von Finck Junior, galt bis zu seinem Tod 2021 als Libertärer und Finanzier der AfD. 
 

Libertarismus ist nicht extrem rechts – aber es gibt Anknüpfungspunkte bei den Fans von minimalstaatlicher Einmischung. Wo Berührungspunkte sind – und welche Akteur:innen in Deutschland sie befeuern – untersucht der Report „Freier Markt und Kulturkampf“. cemas.io/publikatione...

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— cemas_io (@cemas.io) 23. Dezember 2025 um 11:05

In der Finck-Firmenzentrale in München entstand 2012 das einflussreiche „Ludwig von Mises Institut Deutschland“. Die international tätige Denkfabrik feiert die sozialfeindliche Politik des Argentiniers Milei ebenso ab wie es auf dem Afuera-Fest geschieht. Die bayerische AfD-Landtagsfraktion lud Rechtslibertäre des Mises Institut 2025 in den Landtag ein.

Mit einer dubiosen Großspende soll der Schweizer von Finck - laut Enthüllungen des „Spiegel“ - den baden-württembergischen AfD-Landesverband der ebenfalls in der Schweiz lebenden Alice Weidel bereits in der Gründungsphase unterstützt haben. Sein Einfluss trägt postmortum Früchte. Im Gespräch mit dem Sender Bloomberg sagte Weidel 2024, die AfD sei nicht rechtsextrem, sondern „libertär und konservativ“.

Ziel laut Krall: den Staat verdampfen, seine Vertreter bestrafen

Soziologe Kemper weist daraufhin, dass Weidel ihre Partei zuvor immer als „liberal -konservativ“ bezeichnet habe. Bei den Richtungsstreitigkeiten innerhalb der AfD zwischen völkischer und rechtslibertärer Ideologie tendiert die Co-Vorsitzende zu Letzterer. Laut Kemper hat Weidel in Elon Musk einen mächtigen Menschen, der diese Ideologie mit ihr teilt, gefunden und zugleich unterstützte der reichste Mann der Welt ihre Partei öffentlichkeitswirksam. Weidels libertärer Flügel der Partei scheint im Aufwind.

„In dem Gespräch gab es bedenkliche Passagen, in denen Weidel und Musk sich in der Verbreitung extrem rechter Narrationen bestärkten. Herausragend erschien mir die Verharmlosung des Nationalsozialismus im Gesprächsteil über Hitlers Ideologie“, sagt der CeMAS-Researcher. www.merkur.de/politik/weid...

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— cemas_io (@cemas.io) 10. Januar 2025 um 11:41

Das zumindest behauptet auch Markus Krall bei einem Interview mit dem einschlägigen Internetportal „UtopiaTV“ auf dem Afuera-Festival in Gerlebogk. Er gibt mit seinem „propagandatechnischen Einfluss“ auf die demokratiefeindliche „Alternative für Deutschland“ an und sagt: „Die libertäre geistige Strömung ist die stärkste Strömung in der AfD geworden“.

Seiner Meinung nach sind noch zwei bis drei Jahre Zeit, „bis die AfD die Verantwortung übernimmt“. In der Zeit lautet sein Motto, die Partei „noch libertärer“ zu machen. Krall erklärt es im Gespräch so: „Unser Staat ist ein Wolf. Wir müssen ihn zum Hund umerziehen, damit er uns dient. Wir als Herrchen sagen dann, wo es langgeht. Es geht darum, dass wir ihn Hardcore erziehen und wir müssen den Staat und seine Vertreter hart bestrafen“. Ziel: in vierzig oder fünfzig Jahren soll der Staat "verdampft" sein und aus dem Leben der Menschen verschwunden. 

"Islam = Sozialismus"

Nicht weniger radikal argumentiert der „Crash-Prophet“ der Szene gegenüber Migration: „Diese Menschen haben eine Vorstellung von Beraubung aus einer Kultur der Beraubung. Der Islam ist ein System ähnlich dem Sozialismus, das auf Beraubung basiert. Es war eine Räuberbande in der Wüste, die sich zur Religion mutiert hat.“

Nun würden „diese Leute, diese Attitüde hierherbringen“ und für Krall ist klar: „Das lässt sich korrigieren mit Remigration“. Menschen, die sich für Asyl- und Migrationspolitik einsetzen, „können ja mit ihnen gehen, wenn wir remigrieren“.

Mit der Werbung: „Coinsnap POS Wallet – Bitcoin-Zahlungen im Geschäft leicht gemacht“ wirbt ein weiterer Stand auf dem Afuera-Fest, vom dem sich Anhänger der Generation Deutschland ebenso angezogen fühlen, wie Besucher der Denkfabrik in Schnellroda. Rechtslibertäre nutzen Finanzthemen zur Verbreitung ihrer Ideologie. „Diese Strategie adressiert insbesondere das Interesse an Kryptowährungen und den Wunsch nach schnellem Reichtum, um gleichzeitig das Vertrauen in staatliche Währungen zu schwächen“, heißt es in der CEMAS-Studie. 

Begeisterung beim Dating-Coach

Über die Kanäle von Finanz-Influencern erhalten Rechtslibertäre eine Plattform. Auch der selbsternannte Dating-Coach Maximilian Pütz (Casanova-Coaching: „Öffne dein Herz, aber vergiss deine Eier nicht“) verbreitet seinen Einfluss in diese politische Richtung. Begeistert berichtet Pütz gegenüber „Compact“: „Es ist ne Super-Crowd hier, ich bin ja freiheitlich orientiert, hier triffste Superleute, Badesee, Bier, was willste mehr !“

Libertäre treten gegen eine vermeintliche „Tyrannei der Mehrheit“ an, versteigen sich sogar soweit, den Ausschluss breiter Bevölkerungsgruppen vom Wahlrecht zu fordern. Libertäre Autoritäre empfinden laut Amlinger und Nachtwey Demokratisierungsprozesse gegen Diskriminierung als „kränkenden“ Freiheitsverlust.

Krah sieht Gemeinsamkeiten

Eher völkisch geprägte Rechtsextreme wie Maximilian Krah, Bundestagsabgeordneter der AfD, sehen beim Libertarismus ein „ethisches Problem“, denn er erkläre „eine Machtkonzentration zum Ideal“. „Die Skepsis gegenüber staatlicher Macht, ihre Beschränkung auf die Sicherung der natürlichen Ordnung und die Kontrolle der Beamten sind deshalb genuin rechte Anliegen, weshalb Libertäre und Rechte in vielen praktischen Fragen gemeinsam agieren werden, ohne dass rechte Politik die extreme Konsequenz des libertären Ansatzes teilt“, schreibt Krah in „Politik von rechts – Ein Manifest“.

Einer sieht die Zukunftschancen wohl weitaus rosiger: Titus Gebel. Geduldig steht der Unternehmer am Samstag letzter Woche vor dem Stand der „Free Cities Foundation“. Gebel ist das deutsche Gesicht des Libertarismus (auch Proprietarismus) und fordert den Aufbau privatunternehmerisch geführter Stadtstaaten, in denen die Gesetze der Nationalstaaten nicht mehr gelten.

Was wie eine wahnsinnige Utopie klingt, rückt mit Hilfe einflussreicher Milliardäre als Befürworter der Wiederkehr von Feudalherrschaften in immer größere Nähe.
 

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