von Armin Pfahl-Traughber
   

Oktoberfest-Anschlag von 1980: Zweifel an der Alleintäter-These

Der Journalist Ulrich Chaussy hatte bereits 1985 ein Buch mit dem Titel „Oktoberfest. Das Attentat“ veröffentlicht, worin er ausführliche Kritik an der Einzeltäter-These bei der Deutung des Anschlags vom 26. September 1980 formulierte. Die Neuausgabe macht erneut auf Lücken und Ungereimtheiten bei der seinerzeitigen Aufarbeitung der Ereignisse ohne die Präsentation einer Gegen-Geschichte, aber auch ohne die Spekulationen von Verschwörungsvorstellungen deutlich.

Cover des Buches "Oktoberfest. Das Attentat"

Am 26. September 1980 explodierte mitten auf dem Münchner Oktoberfest eine Bombe. 13 Menschen starben, mehr als 200 wurden verletzt. Dabei handelte es sich bis heute um den opferreichsten Anschlag in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Kurz nach der Tat konnte Gundolf Köhler, ein früherer Aktivist der „Wehrsportgruppe Hoffmann“, als Verantwortlicher ausgemacht werden. Eine Planung oder Steuerung des Bombenlegers durch die rechtsextremistische Organisation ließ sich nicht bestätigen. Daher galt und gilt die Tat bis heute offiziell als Handlung eines Einzeltäters. Im Schlussbericht der Bundesanwaltschaft führte man Köhlers Vorgehen auf eine schwere persönliche Krise und einen übersteigerten Geltungsdrang zurück. Indessen berichteten seinerzeit aber auch Augenzeugen, sie hätten Köhler einige Zeit vor der Explosion im Gespräch mit zwei anderen Männern gesehen. Darüber hinaus gab es noch andere Ungereimtheiten wie etwa eine aufgefundene Hand, die weder Köhler noch einem Opfer zugerechnet werden konnte.

Diese und andere Merkwürdigkeiten motivierten bereits seinerzeit den Journalisten Ulrich Chaussy zu eigenen Recherchen, worüber er 1985 in seinem Buch „Oktoberfest. Ein Attentat“ berichtete. 2014 erschien der Text unverändert, aber ergänzt um neue Kapitel. Den Anlass dafür bot einerseits die Nichterkennung der NSU-Serienmorde und andererseits die Verfilmung des Buchs unter dem Titel „Der blinde Fleck“. Chaussy berichtete seinerzeit ausführlich von seinen Bemühungen, Licht ins Dunkel des Anschlags zu bringen. Er sprach mit Augenzeugen des Anschlags und Bekannten von Köhler, untersuchte Akten von Gerichten und Dokumente der Polizeibehörden. Seine Bilanz aus heutiger Sicht lautet: „Der Anschlag auf dem Oktoberfest in München ist nach wie vor nicht aufgeklärt. Es gibt nichts als den Verlust der Gewissheit, dass er die unpolitische Tat eines einzelnen verzweifelten jungen Mannes aus Selbsthass und persönlicher Frustration gewesen ist“ (S. 256). Chaussy kann und will aber auch keine Gegen-Geschichte zur offiziellen Version belegen.

Er weist indessen immer wieder auf Defizite und Widersprüche bei der Aufarbeitung der Ereignisse hin. Bereits zu Beginn seien die Ermittlungsbehörden auf die Einzeltäter-Hypothese fixiert gewesen: „Aber komplementär zu der Versessenheit, mit der Gundolf Köhler zum Einzeltäter gestempelt wurde, herrschte das Desinteresse, mögliche Komplizen in Erwägung zu ziehen und alle Möglichkeiten auszuschöpfen, sie ausfindig zu machen“ (S. 76). Immer wieder macht der Autor darauf aufmerksam, dass manche Hinweise und Indizien sehr wohl für eine Gruppentat sprechen können. Gleichwohl heißt es bei ihm: „Eine schlüssige Gegentheorie zum Ermittlungsergebnis der Behörden hätte ich nur mit den Methoden anbieten können, die ich an der Polizei und Justiz in meiner Reportage kritisiere: mit Spekulationen erwünschte Zusammenhänge herzustellen, mit Auslassungen unerwünschte Zusammenhänge zu ignorieren. Festmachen lassen sich für mich nur sehr ernste Zweifel“ (S. 194). Demnach neigt der Autor nicht zu Verschwörungsvorstellungen.

Auch wenn Chaussy insgesamt keine Alternativ-Erklärung anbieten kann und will, ist gerade die damit einhergehende Zurückhaltung ein Qualitätsmerkmal seines Rechercheberichts. Indessen liefert er mit neu entstandenen Kapiteln in der Neuausgabe dazu einige Anregungen, geht es darin doch etwa um geheimnisvolle Gladio-Strukturen und verschwundene Unterlagen. Auch hier hält sich der Autor mit Andeutungen und Spekulationen wohltuend zurück. Indessen macht er überzeugend deutlich, dass die Behörden seinerzeit einseitig und voreingenommen in Richtung einer Einzeltat ermittelten. Dabei blieben manche Aktivitäten kritikwürdig und viele Fehler unverständlich. So etwas nähert dubiose Konspirationsvorstellungen, die auch den Repräsentanten des Rechtsstaates nicht angenehm sein können. Insofern hätte es ein größeres Engagement für die Aufarbeitung des Anschlags geben müssen. Denn wirklich überzeugend aufgeklärt ist der opferreichste Anschlag in der bundesdeutschen Geschichte bis heute immer noch nicht.

Ulrich Chaussy
Oktoberfest. Das Attentat. Wie die Verdrängung des Rechtsterrors begann
Berlin, 2014 (Ch. Links-Verlag)
269 Seiten, 19,90 Euro

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