von Thomas Witzgall
   

Nur etwa 300 Neonazis beim „Tag der deutschen Zukunft“ in Karlsruhe

Deutlich weniger Teilnehmer als von den Behörden im Vorfeld erwartet fanden am Samstag ihren Weg in den Südwesten der Bundesrepublik. Im Vorfeld lehnte die Versammlungsbehörde neun von zehn vorgesehenen Rednern ab. Die Rechte-Parteichef Christian Worch war die miese Stimmung anzumerken. 2018 soll die Veranstaltung in Goslar stattfinden.

Die Teilnehmerzahl sank auf ein Drittel gegenüber dem Vorjahr, Foto: Thomas Witzgall

Beim sogenannten Tag der deutschen Zukunft (TddZ) handelt es sich um eine Kampagne hauptsächlich ost- und westdeutscher Neonazi-Gruppierungen, die mit einer Demonstration im Juni ihren jeweiligen Abschluss findet. Zur neunten Auflage wurde mit Karlsruhe ein Ort im Südwesten der Republik gewählt, also deutlich weiter weg von den Kerngebieten der die Veranstaltung tragenden Organisationen. Mit etwas mehr als 300 Teilnehmern – Angabe der Behörden – fiel die Versammlung auch deutlich kleiner aus.

Im Vorfeld machten utopische Schätzungen der Sicherheitsbehörden von angeblich tausend erwarteten Rechtsextremisten die Runde. Das wäre eine nochmalige Steigerung gegenüber den 900 Teilnehmern in Dortmund gewesen, einem Schwerpunkt der westdeutschen Neonazi-Szene. Teilnehmer aus NRW bildeten dann auch die größte Reisegruppe. Auch die Veranstalter planten offenbar größer als es dann wurde. Stolz wurde verkündet, es seien alleine 300 schwarz-weiß-rote Fahnen genehmigt worden.

Wie schon im Vorjahr bestimmten juristische Auseinandersetzungen die Tage vor der Veranstaltung. Im Gegensatz zu Dortmund wurden nicht nur vorgesehene Redner mit einem Sprechverbot belegt, die in der Vergangenheit wegen Volksverhetzung im Rahmen von Versammlungen aufgefallen waren, sondern auch Kader, die als „gewalttätig“ eingestuft seien oder Kennzeichnen verfassungswidriger Organisationen verwendet hätten. Auch eine ganze Reihe von vorgesehenen Ordnern wurde abgelehnt.

Redeverbote blieben bestehen – Worch auf 180

Die Veranstalter klagten gegen die Entscheidung und scheiterten in allen Instanzen. Laut der verbreiteten Begründung sei Christian Worch, Chef der Minipartei Die Rechte, nicht von der Maßnahme betroffen, also auch nicht klageberechtigt. Zu einer inhaltlichen Prüfung der weitgehenden Maßnahme kam es gar nicht.

Worch, der durch Klagen im Vorfeld und auch juristische Nachbereitung der rechten Szene viel Freiheiten erstritten hat und vermutlich sehr viel auf seine rechtlichen Kenntnisse gibt, war deshalb den ganzen Tag übellaunig unterwegs. Sein Ärger über die Richter war Schwerpunkt seiner eröffnenden Rede. Er war offensichtlich der einzige der zehn Redner, der bei den Behörden nicht auf justiziable Bedenken stieß. Als später noch ein Mann am Fronttransparent fehlte, wurden in einem Kasernenhofton sogar die Ordner angewiesen, einen Teilnehmer „dienstzuverpflichten“, in der vordersten Reihe mitzulaufen.

Nicht wahr machte er seine Drohung, nach Art des aus dem US-Senat bekannten Protestform der Dauerrede (Filibuster), den Feierabend der eingesetzten Polizei nach hinten zu verschieben. Zurück am Ausgangsort am Karlsruher Bahnhof Durlach folgte lediglich noch eine etwas längere Rückschau in die Familiengeschichte der Familie Worch – seine Großmutter habe Klaus Barbie, dem Schlächter von Lyon bei der Flucht geholfen. Der „Tag der deutschen Zukunft“ wurde somit inhaltlich mit Richterschelte und Rückblicken bestritten.

Nächstes Jahr in Goslar

Bei der abschließenden Übergabe des Demonstrationsbanners erfolgte offiziell immer die Bekanntgabe des nächsten Veranstaltungsortes. 2018, zur zehnten Veranstaltung, trifft sich die Szene in Goslar, von Worch im NS-Duktus als „Reichsbauernstadt“ vorgestellt, einem Beinamen, den die Stadt mit großer mittelalterlicher Tradition zwischen 1936 und 1945 trug.

Die Demonstration selbst verlief mit Ausnahme eines Störungsversuchs mit Hilfe von Pyrotechnik am Wendepunkt der Demonstration größtenteils reibungslos. Bei der Zwischenkundgebung am Hengstplatz sprachen neben Worch noch der Versammlungsleiter und eine nicht namentlich vorgestellte Rednerin. Ihre Rede war wegen der schlechten Anlage höchstens im vorderen Drittel der Versammlung zu verstehen. Die meisten Teilnehmer suchten dagegen eher den Schatten der Bäume. Während der Demonstration erfolgten größtenteils die seit Jahren bekannten Parolen. Beim Eintreffen am Ausgangspunkt wurde noch größer der Slogan „Wer Deutschland liebt, ist Antisemit“ angestimmt.

An mehreren Stellen der Demonstrationsroute waren Gegenveranstaltungen geplant. Die Behörden schätzten die Zahl der gegen den TddZ protestierenden Personen auf 2.700, wobei 700 der linken Szene angehört haben sollen Bei diesen Veranstaltungen kam es auch zu Auseinandersetzungen mit der Polizei; sowohl Behörden als auch „Demo-Sanis“ meldeten Verletzte etwa durch den Einsatz von Schlagstöcken oder Pfefferspray. Im Einsatz sollen über 3.000 Beamte gewesen sein, inklusive Hubschrauber und Reiterstaffel.  

Zur gesamten Fotogalerie bei Flickr

Kommentare(1)

Irmela Mensah-Schramm Montag, 05.Juni 2017, 18:01 Uhr:
Das sich nun die Polizei mal wieder damit "schmückt", die Ekelnazis so erfolgreich vor uns Demonstranten "geschützt" zu haben, dürfte mal wieder mehr als peinlich sein!
Ich bin gekommen um die Nazis wie in Halle weg zu blockieren - was ich Dank der massiven Polizeipräsenz leider nicht schaffte! diesen grandiosen Erfolg in Durlach!
Und die Polizei verhinderte auch
Daher meine ausdrückliche Unterestützung im nachhinein. Grüße an die mutigen und verletzten TeilnehmerInnen !
Meinbe solidarischen
In Goslar bin ich bächstes Jahr 'schlauer'!
 

Die Diskussion wurde geschlossen