„Mitte“-Studie

Nur drei Prozent mit einem „rechtsextremen Weltbild“?

Die vom Bielefelder Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung erstellten „Mitte-Studien“ informieren darüber, wie stark rechtsextremistische Einstellungen in der deutschen Gesellschaft verankert sind. Die Aussage, nur drei Prozent hätten ein „rechtsextremes Weltbild“ verwunderte, erklärt sich aber durch die gewählte Methode.

Freitag, 05. Dezember 2025
Armin Pfahl-Traughber
Ein junger Teilnehmer einer rechtsextremen Demo (Symbolbild)
Ein junger Teilnehmer einer rechtsextremen Demo (Symbolbild)

Angesichts der AfD-Erfolge lässt sich auf der politischen Ebene ein Rechtsruck konstatieren. Doch soll dem auf der Einstellungsebene, hier bezogen auf ein „rechtsextremes Weltbild“, ein Rückgang entgegen stehen. Bezogen auf 2022/23 mit 8,3 Prozent waren es 2024/25 nur noch 3,3 Prozent, also exakt fünf Prozent weniger. Diese Aussage findet sich in der neuesten „Mitte“-Studie, die im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung seit 2006 zweijährig auf der Grundlage von Repräsentativerhebungen erstellt wird. Es geht darin um die gesellschaftliche Akzeptanz demokratiegefährdender und rechtsextremistischer Einstellungen in der deutschen Gesellschaft. 

Wie erklärt sich aber nun das genannte Ergebnis, das scheinbar auch anderen Erkenntnissen widerspricht? Um eine Antwort auf diese Frage zu geben, muss bezüglich der Konzeption der Studien etwas ausgeholt werden. Dabei geht es auch um die Feinheiten der empirischen Sozialforschung. Gleichwohl sind solche Ausführungen zur Erläuterung nötig, will man das Gemeinte hinsichtlich seiner Relevanz einordnen.

Dimensionen eines „rechtsextremen Weltbildes“

Nach den Autoren, die meist vom Bielefelder Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung kommen, gibt es sechs Dimensionen eines „rechtsextremen Weltbildes“: Antisemitismus, Befürwortung einer Diktatur, Fremdenfeindlichkeit, Nationalchauvinismus, Sozialdarwinismus und Verharmlosung des Nationalsozialismus. Um deren jeweilige Akzeptanz zu messen, bedient man sich jeweils dreier Einstellungsstatements. Dazu kann schon hier die kritische Anmerkung gemacht werden, dass einzelne dieser Items gut und andere weniger gut messen. 

Beispiele dafür wären einerseits „Eigentlich sind die Deutschen anderen Völkern von Natur aus überlegen“ und andererseits „Wir sollten endlich wieder Mut zu einem starken Nationalgefühl haben“. Doch um derartige Fragen soll es hier zunächst nicht weiter gehen. Folgt man nun den Autoren, so ist die Einsicht wichtig: Insgesamt würden jeweils fünf unterschiedliche Antworten gegeben werden, jeweils bezogen auf insgesamt 18 Aussagen. Dabei können die Ergebnisse zwischen 18 und 90 Wertpunkten liegen.

„Graubereiche“ und „Weltbilder“

Die Autoren entschieden sich nun für einen Summenwert größer als 63, wonach dann in der Gesamtschau von einem „rechtsextremen Weltbild“ gesprochen werden könne. Aus ihrer Blickrichtung war dies 2024/25 der Fall bei 3,3 Prozent, während 20,6 Prozent dem Graubereich zugerechnet wurden. Die Anzahl der Befragten, die 2022/23 diesen Wert überschritten, war eben mit 8,3 Prozent fast doppelt so hoch. Blickt man aber nun auf die Akzeptanz bestimmter Einstellungen in 2024/25, so besteht nach wie vor ein  bedeutendes rechtsextremistisches Einstellungspotential in der Gesellschaft. 

Dies veranschaulichen einzelne Ergebnisse hinsichtlich bestimmter Items und deren ganzer oder teilweiser Zustimmung: „Was Deutschland jetzt braucht, ist eine einzige starke Partei, die die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert“: 25,8 Prozent oder „Wir sollten einen Führer haben, der Deutschland zum Wohle aller mit starker Hand regiert“: 15,1 Prozent. Demnach liegen die Einstellungen in solchen Fällen weit über den drei oder acht Prozent.

Akzeptanz von „libertärem Autoritarismus“ und „Gewalt“ 

Man findet demnach auch eindeutig extremistische Auffassungen in dem Bereich der „Graubereiche“, wo die Anhänger aber offenbar kein höher entwickeltes Konzept eines „rechtsextremen Weltbildes“ vertreten. Zwar erklären die Autoren viele Details in ihrer Studie näher, so führten mal beabsichtigt, mal unbeabsichtigt hier fehlende genaue Differenzierungen und Erläuterungen zu einer schiefen Wahrnehmung. Demgegenüber stehen in der vorliegenden Ausgabe der „Mitte“-Studien viele weitere wichtige Untersuchungsergebnisse. Dies gilt etwa für die Akzeptanz von Gewalt, die je nach politischen und sozialen Gruppen einen unterschiedlich hohen Stellenwert hat. Auch konstatieren die Autoren in der demokratietheoretischen Gesamtschau, dass eine Ablehnung von 76 Prozent gegenüber dem Rechtsextremismus existiere. Auch Akzeptanzpotentiale für einen „libertären Autoritarismus“ finden gesonderte Beachtung, könnte hierin doch eine „Brücke“ zu antidemokratischen Einstellungen und zum Rechtsextremismus bestehen. 

Andreas Zick/Beate Küpper/Nico Mokros/Marco Eden (Hrsg.), Die angespannte Mitte. Rechtsextreme und demokratiegefährdende Einstellungen in Deutschland 2024/25, Bonn 2025 (J. H. W. Dietz-Verlag), 428 S. 

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