von Elmar Vieregge
   

Neonazi-Aussteiger Manuel Bauer und seine Zeit „Unter Staatsfeinden“

In den beiden vergangenen Jahrzehnten veröffentlichten mehrere aus der rechtsextremistischen Szene ausgestiegene Personen ihre Erfahrungen. Es entstand eine Aussteiger-Literatur, die Bücher von so unterschiedlichen Verfassern wie dem einstigen Ost-Berliner Neonazi Ingo Hasselbach oder dem Düsseldorfer Rechtsrock-Musikproduzenten Torsten Lemmer umfasst. Nun berichtet der sich mittlerweile den Medien als Interviewpartner präsentierende Manuel Bauer aus seinem Leben „Unter Staatsfeinden“. Ein Gastbeitrag.

Der 1979 geborene Bauer wuchs nach eigenen Angaben in einer soliden Familie in einem Dorf nahe dem sächsischen Torgau auf. Als sich nach der Wiedervereinigung die rechtsextremistische Form der Skinheadszene in vielen Kleinstädten und Dörfern der untergegangenen DDR ausbreitete, stieß der damals orientierungslose 11-Jährige zunächst aus einem eher modischen Interesse und dem Wunsch nach Zugehörigkeit zu dieser. In den folgenden Jahren war er Teil einer von Alkoholexzessen, Gewalttaten und sonstigen Straftaten geprägten neonazistischen Skinheadgruppe. Er erlebte einen scheinbar „wie von einer bierseligen Nebelwolke umhüllt(en)“ Lebensabschnitt (S. 61). Dazu gehörte, dass er die Schule ohne Abschluss verließ, keine Berufsausbildung absolvierte und permanent Straftaten verübte. Der versuchte Aufbau eines „Bundes Arischer Kämpfer“ (BAK) und einer „Wehrsportgruppe Racheakt“ blieben trotz angeblichen Wehrsportübungen in Tschechien und Polen fruchtlos. Zu den zahlreichen Verbrechen des rassistischen Schlägers gehörten ein Angriff auf ein indisches Ehepaar und deren etwa fünfjähriges Kind sowie die Beteiligung an einem Überfall auf eine türkische Hochzeit. Trotz allem verurteilte ihn die Justiz nicht zu einer einschneidenden Haftstrafe. Eine solche erhielt der Gewohnheitsverbrecher erst, nachdem er mit Gesinnungsgenossen einen homosexuellen Ladenbesitzer räuberisch erpresst und er persönlich diesen schwer zusammengeschlagen hatte.

Zu einer Entfremdung vom Rechtsextremismus sei es gekommen, als dem Neonazi die in der Szene üblichen Widersprüche gewahr wurden. So habe Bauer im Gefängnis Drogen konsumierende Gesinnungsgenossen erlebt und die zuvor viel beschworene Kameradschaft entpuppte sich als Illusion, als die vermeintlichen Kameraden, die zuvor schon bereitwillig gegen ihn ausgesagt hatten, diesen im Gefängnis nicht durch Pakete oder Briefe unterstützten. Als eine Knastschlägerei seine vorzeitige Entlassung gefährdete, nahm er Kontakt zur nichtstaatlichen Aussteigerhilfsorganisation EXIT-Deutschland auf. Letztendlich kam Bauer trotz des schweren Verbrechens nach nur fünf Monaten frei. Dabei spricht es für ihn, es für „äußerst fragwürdig“ zu halten, „dass ein Rechtsstaat, einen Straftäter, der einen unschuldigen Menschen halb tot schlägt, nur fünf Monate einsitzen lässt“ (S. 154).


Bauers Buch bietet einen Rückblick auf die nach der Wiedervereinigung in den östlichen Bundesländern entstandene und für tausende Gewalttaten verantwortliche neonazistische Skinheadszene. Einigen Angaben sollte allerdings mit großer Vorsicht begegnet werden, denn er erwähnt außergewöhnliche Sachverhalte, für die er jedoch die Belege schuldig bleibt. So setzt er das Handeln seiner Gesinnungsgenossen mehrfach in einen Zusammenhang zum „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU), ohne dass es auch nur die geringsten Verbindungen zur Terrorzelle gab und er einräumt, „über die Zwickauer Gruppe … nur … spekulieren“ zu können (S. 92). Ebenso abwegig erscheint seine nicht durch konkrete Beispiele belegte Behauptung, „in der Regel“ über die vom Verfassungsschutz eingesetzten V-Leute informiert gewesen zu sein. Bauer gibt dazu an, dass man diese gewissermaßen umgedreht habe, um den Staat mit Falschinformationen zu täuschen oder sich über deren Honorare zu finanzieren (S. 177). Vor dem Hintergrund der - höflich ausgedrückt - begrenzten Fähigkeiten Bauers und seiner Mittäter ist es aber zweifelhaft, dass ihnen dies gelungen sein soll.

Zwischen den Schilderungen dieser außergewöhnlichen Sachverhalte und der einstigen Stellung Bauers innerhalb der rechtsextremistischen Szene besteht ein starker Kontrast, denn er spielte in ihr nur eine gewöhnliche Rolle. Manuel Bauer war lediglich ein nahezu klischeehafter Skinhead, dessen Leben von Alkoholmissbrauch und Gewaltverbrechen geprägt war. Er war ein Intensivtäter, der von der Justiz zu nachsichtig behandelt wurde und nach seiner endlich erfolgten Inhaftierung bemerkenswert schnell den Weg zur Aussteigerhilfsorganisation fand. Mit den nicht belegten Behauptungen macht er seine Veröffentlichung interessanter und will damit möglicherweise seinen Wert als Interviewpartner steigern. Vor dem Hintergrund der schlechten Berufsaussichten des Schulabbrechers und vorbestraften Gewaltverbrechers wäre dies zwar nachvollziehbar, doch mindert es den Nutzwert des Buches erheblich.

Unter-Staatsfeinden_klManuel Bauer
Unter Staatsfeinden. Mein Leben im braunen Sumpf der Neonaziszene
Riva Verlag, München, 2012
192 Seiten, 17,99 Euro

Kommentare(14)

made in germany Mittwoch, 13.Februar 2013, 09:33 Uhr:
Da will ein verurteilter Gewaltverbrecher also nochmal die schnelle Mark abgreifen und schreibt ein Märchenbuch. Und das System (und exit) fördert dieses, indem er schnell wieder auf freien Fuß gelassen wird, anstatt seine Strafe zu verbüßen.
Mich wundert, dass er das "NSU" Kürzel im Titel vermeidet.
 
Elvira Mittwoch, 13.Februar 2013, 09:34 Uhr:
Zu Tränen gerührt.
Hier zeigt sich der Charakter jenes Menschen.
Im Leben zu nichts gebracht. Das zeigt nicht das Bild eines echten Deutschen.
Nun versucht er mit seinem Buch zu Geld zu kommen, auch eine Idee, wenn man sonst nichts kann.
 
Bürger Mittwoch, 13.Februar 2013, 09:46 Uhr:
Naja,die Geschichte klingt sehr unglaubwürdig.

"Zu den zahlreichen Verbrechen des rassistischen Schlägers gehörten ein Angriff auf ein indisches Ehepaar und deren etwa fünfjähriges Kind sowie die Beteiligung an einem Überfall auf eine türkische Hochzeit. Trotz allem verurteilte ihn die Justiz nicht zu einer einschneidenden Haftstrafe. Eine solche erhielt der Gewohnheitsverbrecher erst, nachdem er mit Gesinnungsgenossen einen homosexuellen Ladenbesitzer räuberisch erpresst und er persönlich diesen schwer zusammengeschlagen hatte."

Gibt es zu diesen Angriffen denn wenigstens Presseberichte? Wann sollen sich diese Überfälle denn abgespielt haben?

"Zu einer Entfremdung vom Rechtsextremismus sei es gekommen, als dem Neonazi die in der Szene üblichen Widersprüche gewahr wurden. So habe Bauer im Gefängnis Drogen konsumierende Gesinnungsgenossen erlebt und die zuvor viel beschworene Kameradschaft entpuppte sich als Illusion, als die vermeintlichen Kameraden, die zuvor schon bereitwillig gegen ihn ausgesagt hatten, diesen im Gefängnis nicht durch Pakete oder Briefe unterstützten. Als eine Knastschlägerei seine vorzeitige Entlassung gefährdete, nahm er Kontakt zur nichtstaatlichen Aussteigerhilfsorganisation EXIT-Deutschland auf."

Erinnert mich an den Film "American History X".Da war die Handlung sehr ähnlich.
Das Buch eignet sich vielleicht um Jugendlichen Angst einzujagen,aber für realistisch halte ich diese Geschichte nicht.
 
T. Schwarz Mittwoch, 13.Februar 2013, 12:00 Uhr:
Ich habe Bauer vor 3 Jahren als Podiumreferent in Trier erlebt. Vieles klang für kundige Szenebeobachter mehr als fraglich. Nachfragen konnten nicht befriedigend beantwortet werden. Auch meiner Meinung nach versuchte er, seine "Rolle" hervorzuheben.
 
JayBee Mittwoch, 13.Februar 2013, 12:48 Uhr:
@ made in germany

Euro, das heißt Euro...

@ made und Elvira

Ihr müsst das Buch ja nicht kaufen...
 
Marling Mittwoch, 13.Februar 2013, 12:54 Uhr:
Nicht nur, aber auch da ich in München wohne, würde mich eine solche oder ähnliche Publikation von Felix Beneckenstein interessieren. - Vorausgesetzt, er behält den bislang erkenntlichen stark differenzierten, selbstkritischen und nicht reisserischen, faktisch und nicht spekulativ begründeten Schreibstil bei. Vielleicht liest er das ja als ER.- Autor? Bücher von Aussteigern könnten wirklich sehr wertvoll sein, aber was da so auf dem Markt erscheint, lässt seit Ingo Hasselbach doch sehr zu Wünschen übrig. Dieses Buch hätte ich mir auch ohne dieser Inhaltsangabe nicht durchgelesen. Bauer ist jemand, der an Ostdeutschen Schulen vor Xenophobie warnen kann, mehr aber auch nicht. Solange es solche Bücher durch EXIT- Aussteiger gibt, wird EXIT bei mir mit Vorsicht genossen. Destruktive Fehlinformationen sind fatal für die Bildungsarbeit!
 
John Mittwoch, 13.Februar 2013, 20:37 Uhr:
Großartig - wie immer beißen die verlassenen KameradInnen an. Lediglich der übliche VS-Verdacht wird nicht geäußert?! Was ist da los? Ansonsten alles dabei: NSU-Verschwörung, Love-and-Peace-Phantasien der Kameradschaftsabende....herrlich

"Gibt es zu diesen Angriffen denn wenigstens Presseberichte? Wann sollen sich diese Überfälle denn abgespielt haben?"

Nanu? Hat die "Systempresse" nun doch was zur Sache zu vermelden? Ansonsten schön gefragt - na bring das doch mal in Erfahrung. Vielleicht kommst da an Infos zur Verurteilung z.B..

"Mich wundert, dass er das "NSU" Kürzel im Titel vermeidet."

Warum auch? Mit Deinen mordenden und raubenden KameradInnen vom NSU hat er offenbar nichts zu tun gehabt. Oder meinst Du jetzt die Automarke?

Elvira, wird das jetzt wieder Bewerbung zum braunen Comedy-Award:

"Hier zeigt sich der Charakter jenes Menschen.
Im Leben zu nichts gebracht. Das zeigt nicht das Bild eines echten Deutschen."

Ich hoffe Du bringst es zu deutlich mehr als zu diesen Kommentaren hier. Kläre uns auf - und gleichzeitig erheitere uns doch bitte mit einem Vortrag zum Thema: Was ist ein echter Deutscher?
Also was ist das denn eigentlich, so ein "echter Deutscher"?
 
John Mittwoch, 13.Februar 2013, 20:40 Uhr:
PS: Und liebe Elvira - verbunden damit die spannende Frage: Was ist ein unechter Deutscher.
 
Roichi Mittwoch, 13.Februar 2013, 21:22 Uhr:
Spannend, da wird ein solches Buch schon sachlich kritisiert, und dennoch folgt aus der üblichen Richtung nichts weiter, als unsachliches Gelaber.


@ made in

Wo liest du etwas von einer Förderung des Buches durch Exit, oder "das System"?
Muss wohl auf der Rückseite des Artikels stehen.


@ Elvira

"Im Leben zu nichts gebracht. Das zeigt nicht das Bild eines echten Deutschen."

Also wenn man sich die Kamerraden so ansieht ist das ein guter Durchschnitt.
Aber die würden von sich behaupten, die einzig "echten" Deutschen zu sein, und du auch.


@ Bürger

"Gibt es zu diesen Angriffen denn wenigstens Presseberichte?"

Laut Text sogar ein Urteil. Nämlich das zur Bewährung oder weniger.
 
made in germany Mittwoch, 13.Februar 2013, 21:39 Uhr:
@John
"Warum auch? Mit Deinen mordenden und raubenden KameradInnen vom NSU hat er offenbar nichts zu tun gehabt. Oder meinst Du jetzt die Automarke?"

Mit dem "NSU" Verweis würde er sicher ein paar mehr Bücher verkaufen. Ist doch dieses Thema nach wie vor schwer angesagt und wird immer absurder:http://www.focus.de/politik/deutschland/nazi-terror/nsu-ermittler-fanden-bei-beate-zschaepe-kinderpornos_aid_918096.html

@ Klugscheisser JayBee
"Euro, das heißt Euro.."
Bist du schon so weit gehirngewaschen, dass du den Begriff Mark nicht kennst??

"Ihr müsst das Buch ja nicht kaufen.."

Nö, da ziehe ich "Er ist wieder da" vor..
 
John Donnerstag, 14.Februar 2013, 08:06 Uhr:
Und jetzt Made? Ein zusammenhangloser Beitrag verlinkt, gewürzt mit dem üblichen verharmlosenden Kommentar. Großartige Leistung. Stattdessen hättest auch Du Dich der spannenden Frage widmen können, was ein "echter Deutscher" und ein "nicht-echter Deutscher" ist. Hier sehe ich das größte Unterhaltungspotenzial ;)
 
JayBee Donnerstag, 14.Februar 2013, 08:09 Uhr:
@ made in germany

Na klar kenn ich den Begriff Mark, Mark Brandenburg zum Beispiel.
Mich wundert nur Deine Rückwärtsgewandtheit. Passt gar nicht zu den anderen rechten Schreibern hier, die immer alles Vergangene verteufeln.
 
Marlies Donnerstag, 14.Februar 2013, 20:17 Uhr:
@john
"PS: Und liebe Elvira - verbunden damit die spannende Frage: Was ist ein unechter Deutscher."

Schau in den Spiegel John!
 
John Freitag, 15.Februar 2013, 08:49 Uhr:
@Marlies

Ganz Prima. Nun werde konkreter. Was soll denn nun passieren wenn ich in den Spiegel gucke? Also, ich bin in Deutschland geboren, meine Eltern sind in Deutschland geboren. Ich habe einen deutschen Pass - also da sind jetzt schon einige Sachen dabei, die ganz gut passen (nach euren Maßstäben!, Blut und so, bla bla).
Also, warum bin ich nun kein "echter Deutscher"? Gib mir Futter - das kann nur lustig werden. Elvira, Du auch, ich bin ganz gespannt.
 

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