Kneipen-Abschied mit Kategorie C

Eines ihrer letzten Kapitel – mit einem Konzert der rechtsradikalen Hooliganband „Kategorie C“ um Hannes Ostendorf – beging der rund 16 Jahre bestehende Neonazi-Treffpunkt „Titanic“ am Samstag in Neumünster. Die Kneipe soll in den nächsten Tagen ihren Betrieb beenden.

Montag, 27. September 2021
Horst Freires

Horst Micheel, seit 2018 Ratsherr der NPD, muss das Lokal aufgeben, weil der neue Besitzer der Immobilie in den Kneipen-Räumlichkeiten Wert auf eine neue Nutzungsverwendung legt. Genauere Informationen, auch inwieweit die Stadt Neumünster dabei involviert ist, wollte Mark Michael Proch, zweiter NPD-Ratsherr und auch Landesvorsitzender seiner Partei, zuletzt mit einer Anfrage in der Ratsversammlung herausbekommen, erhielt jedoch keine Auskunft.

NPD-Parteitreffen, Liederabende und Konzerte

Die „Titanic“ wurde im Verlauf des Jahres 2005 Anlaufpunkt der rechten Szene in der Innenstadt, weil der damals noch existierende „Club 88“ sich für viele einfach viel zu weit am Stadtrand befand. Ständige Polizeieinsätze wegen von „Titanic“-Besuchern begangener Straftaten gegen Andersdenkende und Aktivisten aus links-alternativen Strukturen prägten fortan den Alltag. Selbst der interne Rockerkrieg zwischen den rivalisierenden Bandidos mit Beteiligung unter anderem des Rechtsextremisten Peter Borchert und den Hells Angels verlagerte sich 2009 bis hinein in die Kneipe.

2010 wechselte die „Titanic“ wegen eines bevorstehenden Wohnungsbauprojektes an alter Stelle seine Räumlichkeiten, zog nur einen Straßenzug weiter und vergrößerte sich dabei platzmäßig sogar noch. Mit Schließung des „Club 88“ Anfang 2014 nach 18-jähriger Existenz wurde man vollends zur Pilgerstätte für die rechte Szene. Letzteres beinhaltete dann diverse Parteitreffen der NPD, aber auch Liederabende und Rechtsrockkonzerte. Ein Streit zwischen NPD und Micheel mündete für diesen im Engagement für den ins Leben gerufenen „Bund für Deutschland“, blieb aber nur eine kurzzeitige Episode des Gastwirts.

Um Aufbesserung des braunen Rufs bemüht

Um das braune Image in der Öffentlichkeit aufzupolieren, versuchte man sich mit Darts-Angeboten, Skatturnieren, Schlagerpartys und anderen vermeintlich unverfänglichen Angeboten. Gesteuert von Personen aus dem „Titanic“-Umfeld gehörten aber auch Fußball-Kleinfeldturniere der rechten Szene zu den Aktivitäten. 2011 sollte in diesem Zusammenhang auch ein „Kategorie C“-Konzert stattfinden, wurde aber wegen behördlich zu hoher Auflagen wieder abgesagt. Band und „Titanic“-Umfeld kennen sich also, genauso wie Proch und Ostendorf sich 2017 bei einem Konzert im Bandidos-Klubhaus in Wahlstedt (Kreis Segeberg) begegnet sind, als der NPD-Mann Besucher dorthin schleuste. Aktuell hat Proch, der fast in Sichtweite der „Titanic“ wohnt, über soziale Netzwerke das „Kategorie-C“-Konzert persönlich beworben.

Zuletzt trat vor Pandemiebeginn am 15. Februar 2020 die dem Blood & Honour-Netzwerk zuzurechnende Dortmunder Combo „Oidoxie“ um Sänger Marko Gottschalk in Micheels Kneipe auf, während vor der Tür Hitler-Grüße zu beobachten waren. Wie unterschiedlich Ostendorf & Co. behördlich eingeschätzt werden, dafür lohnt ein Blick nach Sachsen. Vom Landratsamt Zwickau wurde im Vormonat ein für den Raum Zwickau angekündigter Balladenabend aus Gründen der Gefahrenabwehr untersagt. In Neumünster sicherte ein großes Polizeiaufgebot die Veranstaltung in der „Titanic“, die trotzdem an Zugkraft verloren hat, zählte die Polizei doch gerade mal 50 Besucher.

Weiterer Auftritt wird beworben

Mit dem 1. Oktober wird seitens der „Titanic“ für ihre mutmaßlich letzten Öffnungstage bereits ein weiteres Konzert beworben. Auftreten soll eine einheimische Rockabilly-Kapelle, die den Gig auf ihrer Facebook-Seite aber wohl nicht ohne Grund verschweigt, denn wer in Neumünster lebt und in der „Titanic“ auftritt, weiß genau, wohin er sich begibt.

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