von Julian Barlen
   

Klamotten für die „Frontstadt Rostock“ - Ein Rostocker Bekleidungsgeschäft als Bindeglied zwischen NPD und freier Szene

Heute hätte der Szene-Laden in der KTV seinen dritten Geburtstag feiern können – tut er aber nicht. Nachdem sich zunächst die ersten Eigentümer und der englische Name des Klamottenladens verabschiedeten und der NPD-Landtagsabgeordnete Birger Lüssow die Geschicke übernahm, schloss das ungeliebte Geschäft vor wenigen Wochen nun endgültig. ENDSTATION RECHTS. erinnert an den Wirbel, den die Eröffnung in den ersten Monaten ausgelöst hat mit einem Beitrag aus dem Buch "Provokation als Prinzip".

Am 15. Juni 2007 eröffnete im eher alternativ und studentisch geprägten Rostocker Stadtviertel Kröpeliner-Tor-Vorstadt (KTV) das rechte Musik- und Bekleidungsgeschäft „East Coast Corner“ – kurz „ECC“ genannt. Das Motto des Geschäfts: „Aus der Bewegung für die Bewegung“. Die Produktpalette reicht von moderner Sport- und Freizeitbekleidung über CDs und Poster bis hin zum Schlüsselanhänger. Eines haben alle Produkte gemein. Sie werden in der rechten Szene und primär für die rechte Szene produziert; Gewinne können also im Sinne eines Wirtschaftskreislaufes direkt und ohne Umwege in den weiteren Ausbau der rechten Infrastruktur investiert werden. Nach Angaben des NDR zieren runenähnliche Logos wie die der bekannten Marke „Thor Steinar“ oder auch die Zahlenkombination „88“ die angebotene Ware. „88“ ist ein Szenecode für „Heil Hitler“, die „8“ steht für das „H“ als achten Buchstaben des Alphabets.

Der Inhaber des „ECC“, Torben Klebe, und dessen Geschäftsführer, Thorsten de Vries, sind keine Unbekannten: Klebe, ein ehemaliges Mitglied der verbotenen Organisation „Blood&Honour“, Thorsten de Vries, langjähriger Aktivist der norddeutschen Neonazi-Kameradschaftsszene und Anführer des „Deutschen Kameradschaftsbundes“ in Wilhelmshaven, welcher 1992 verboten wurde. Aus dieser Zeit stammen auch die engen Kontakte zur Hamburger Neonazi-Szene um Christian Worch und Thomas „Steiner“ Wulff. Bis Anfang 2007 war Thorsten de Vries Mitglied des zerstrittenen Hamburger NPD-Vorstandes. Torben Klebe und Thorsten de Vries selber dürften sich spätestens seit 1994 aus ihrer gemeinsamen Zeit in der Kameradschaft „Hamburger Sturm“ kennen. Diese wurde im August 2000 ebenfalls offiziell verboten.

Schon am Tag der Eröffnung des „ECC“ wurde klar, dass es sich bei diesem Laden offenbar nicht um eine „gewöhnliche“ Geschäfts-idee aus der Mitte des nationalistischen Milieus, sondern um eine gezielte Provokation, ein politisches Projekt der rechten Szene handelte. Waren doch zur Eröffnung mit dem Landtagsabgeordneten Birger Lüssow (NPD) und dessen Wahlkreismitarbeiter David Petereit, Jura-Student in Rostock, bereits führende „Kameraden“ anwesend. Petereit leitet die Mecklenburgische Aktionsfront (MAF), ist Herausgeber der rechten Zeitschrift „Weißer Wolf“ und wurde nach seinem NPD-Eintritt 2005 Kandidat für die Landtagswahl 2006. Was bei der Eröffnung des „ECC“ zumindest noch kein Außenstehender erwartete: Nur wenige Monate später eröffnete Birger Lüssow offiziell sein NPD-Wahlkreisbüro in demselben Gebäude.

Dass besagten Inhaber Klebe und den Abgeordneten Lüssow offenbar eine engere politische Bekanntschaft verbindet, wurde bereits auf verschiedenen Veranstaltungen deutlich – wie z.B. beim NPD-Wahlkampfauftakt im Mai 2006 in Neubrandenburg.
Als im Laufe des 15. Juni 2007 eine Demonstration Rostocker Bürgerinnen und Bürger gegen die Ladeneröffnung die Nähe des neuen Geschäftes erreichte, schnappten sich einige der anwesenden Eröffnungsgäste sogleich Metallstangen und postierten sich demonstrativ vor dem Eingang, hierunter auch Lüssows Mitarbeiter Petereit. Der Eröffnungstag ging trotzdem ruhig zu Ende. Kein Demonstrant ließ sich zu gewalttätigen Auseinandersetzungen hinreißen.

Schon in den folgenden Tagen sollte sich dies jedoch grundsätzlich ändern. Das „ECC“ wurde immer wieder angegriffen und z.T. erheblich demoliert. Gegenangriffe aus dem Umfeld des „ECC“ ließen naturgemäß nicht auf sich warten. Der vorläufige Höhepunkt der Eskalation hatte nur eine Woche nach der Eröffnung ein zerborstenes Schaufenster, demolierte Jalousien, 40 Festnahmen durch die Polizei, eine Videobotschaft sowie hitzköpfige Interviews von Thorsten de Vries zur Folge: Man werde sich unter keinen Umständen wieder aus dem Stadtbild vertreiben lassen, es werde bundesweit mobilisiert, zum Schutz des „ECC“ nach Rostock zu kommen und glücklicherweise habe sich nun ein NPD-Landtagsabgeordneter – nämlich Birger Lüssow – bereiterklärt, Demonstrationen gegen die „anhaltende Gewalt der linken Chaoten“ anzumelden. Der Fokus der Wahrnehmung in linken und rechten Kreisen lag zu dieser Zeit zweifelsfrei auf dem „ECC“. Kurz darauf wurde der Slogan „Frontstadt Rostock“ zum Schlachtruf des ECC-Umfeldes erhoben.

Ein Zurückweichen seitens der rechten Ladenbetreiber war zu diesem Zeitpunkt strategisch unmöglich und wohl auch nicht gewollt. Die seitens der „großen Schwester“ NPD angekündigte Unterstützung der freien nationalen Bewegung (hier in Gestalt eines Bekleidungsgeschäftes) war herzlich willkommen. Volle Kraft voraus. Und auch für die frisch in den Landtag eingezogene, auf dem politischen Parkett völlig unerfahrene und desorientierte NPD war das „ECC“ ein gefundenes Fressen. Schließlich konnte man sich nun für die Wahlkampfunterstützung aus der freien Szene revanchieren, etwas zurückgeben und zeitgleich von parlamentarischen Startschwierigkeiten ablenken.


NPD und Kameradschaften gegen den „linken Straßenterrorismus“

Bereits für Dienstag, 26. Juni 2007, wurde der Besuch des Szeneladens durch die NPD-Landtagsfraktion angekündigt. Nun sollte neben Birger Lüssow und seinem Mitarbeiter Petereit also auch der Rest der NPD-Abgeordneten und Hauptamtlichen den „vorbildlichen nationalen“ Eckladen in der Rostocker Innenstadt in Augenschein nehmen und seine Solidarität bekunden. Angaben des NPD-Landesverbandes zufolge wollten sich die Abgeordneten nach den „linken Krawallen“ nun selbst ein Bild von der Lage vor Ort machen. „In meiner Heimatstadt Rostock wird sich die NPD unbeirrt für die Durchsetzung von Sicherheit, Recht und Ordnung einsetzen. Es darf kein Zurückweichen der Bürger vor dem linken Terror geben“, so Birger Lüssow in einer Pressemeldung der NPD-Fraktion am 25. Juni 2007.1 Über den genauen Namen „ihres“ nationalen Geschäftes herrschte in Partei und Fraktion der NPD jedoch offenbar lange Unklarheit: In diversen Pressemitteilungen wurde die „Ostküste“ regelmäßig zu „Ostkosten“ – dem „east cost corner“2 nämlich.

Statt der angekündigten sechs NPD-Abgeordneten erschienen mit dem NPD-Fraktionsvorsitzenden Udo Pastörs, seinem Vize-Fraktionsvorsitzenden Tino Müller und Stefan Köster letztlich nur drei zum Vor-Ort-Termin in Rostock. Mit dabei allerdings auch NPD-Fraktionsgeschäftsführer Peter Marx und wieder David Petereit. Die Abgeordneten Andrejewski, Borrmann und dieses Mal auch Lüssow zogen es vor, dem Laden fernzubleiben. Die NPD-Delegation sah sich derweil etwa 150 friedlichen Rostocker Gegendemonstranten gegenüber, die spontan ihren Unmut bekundeten. Zwischen T-Shirts und Kapuzenpullovern und beschützt von ca. 100 Polizisten nutzte Pastörs die mediale Bühne und machte schnell die demokratischen Parteien als eigentliche Verantwortliche für den „linken Terror“ gegen nationale Gewerbetreibende aus. Das Recht würde gebeugt, bei den Protesten gegen das „ECC“ handele es sich um staatlich geduldetes „faschistisches Verhalten“3gegenüber rechtschaffenen nationalen Geschäftsleuten. Was sich abspiele, erinnere „an totalitäre Zustände einer Bananenrepublik“, so Pastörs. Dies dürfe man sich unter keinen Umständen bieten lassen.4

Prompt konnte die NPD also den ersten Wahlscheck einlösen. In einer Pressemitteilung rief die NPD alle Nationalisten gegen den „roten Terror“ in Rostock auf die Straße5 , schürte mit gezielter Berichterstattung über antifaschistische Aktivitäten das nationale Feuer und nur vier Tage später – am 30. Juni 2007 – fand unter der Parole „Linken Gewalttätern kein rechtsfreier Raum“ die erste der von Birger Lüssow angemeldeten Demonstrationen im Rostocker Stadtteil KTV statt. 

Neben Anerkennung in eigenen Reihen erhoffte sich die NPD durch ihr Auftreten für Ruhe und Ordnung offenbar auch bei der Bevölkerung des Stadtteils punkten zu können. Nach stundenlanger Verzögerung und begleitet von heftigen Niederschlägen versammelten sich ca. 160 Demonstrationsteilnehmer aus der rechten Szene am so genannten „Werftdreieck“ unweit des ECC. Darunter der NPD-Landesvorsitzende Stefan Köster, NPD-Fraktionsvorsitzender Udo Pastörs samt Frau, die NPD-Landtagsabgeordneten Tino Müller und Birger Lüssow samt Mitarbeitern, Thorsten de Vries, Torben Klebe sowie vereinzelte Funktionäre von NPD-Gliederungen. Aus der großen Solidaritätsdemo mit 500 angekündigten Teilnehmern wurde also nichts, wenngleich es sich aufgrund der Kürze der Zeit um einen nicht zu unterschätzenden Mobilisierungserfolg der rechten Szene handelte.

Der Demonstration standen zeitgleich insgesamt etwa 750 Gegendemonstranten auf einem eigens organisierten Straßenfest gegenüber. Organisiert wurden die Gegenveranstaltungen von „Schöner leben ohne Nazi-Läden“, einem nach der „ECC“-Eröffnung gegründeten Bündnis gegen Rechts zunächst bestehend aus SPD, DGB, LINKEN, Grünen, ENDSTATION RECHTS., Jusos und zahlreichen Privatpersonen. Ein massives Polizeiaufgebot trennte beide Seiten und verhinderte ein Zusammentreffen. Gegen 19.00 Uhr war der NPD-Spuk vorbei: Die Veranstaltung wurde von Birger Lüssow mit „Rücksicht auf die Kameraden“ beendet, die noch ihre Züge erreichen müssten.

Der Grund für die stundenlange Verzögerung war in gewaltsamen Zusammenstößen am Bahnhof Pölchow zu suchen: In einem Zug, der sich u.a. mit linken und rechten Demonstrationsteilnehmern auf dem Weg nach Rostock befunden hatte, kam es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen. Insassen des Zuges waren offenkundig auch die fehlenden rechten Demonstrationsteilnehmer, darunter Udo Pastörs, Stefan Köster und Tino Müller. Auf der Bahnstrecke war es dann im Örtchen Pölchow zu gewalttätigen Übergriffen gekommen. Grund waren offenbar wechselseitige Provokationen zwischen linken und rechten Zuginsassen.

Unvermittelt sollen anschließend Rechte begonnen haben, den Zug zu demolieren, Fensterscheiben zu zerschlagen und Zuginsassen zu bedrohen. Köster, Pastörs und Müller beteiligten sich an den gewaltsamen Auseinandersetzungen nicht. Sie griffen aber auch nicht ein, um diese zu verhindern. Einer der Anführer des Übergriffs war nach Zeugenaussagen der inzwischen bei der NPD-Landtagsfraktion beschäftigte Michael Grewe. Mindestens eine Person musste infolge von „Pölchow“ im Krankenhaus behandelt werden. Unter dem Titel „Erneut dreiste Lobbi-Lügen gegen Nationale“6 ließ es sich die NPD im Nachgang nicht nehmen, selbst diese sprichwörtliche Entgleisung zu instrumentalisieren und sich als Opfer der Verfolgung durch die „Blockparteien“ darzustellen. In der NPD-Parteizeitung „Deutsche Stimme“ brüstete sich der NPD-Landesvorsitzende Köster sogar, er habe Jusos vor Linksautonomen beschützt.

Nur wenige Tage später, am 7. Juli 2007, folgte der zweite Akt der NPD-Solidaritätskundgebungen. „Wir wenden uns gegen staatlich geförderte kriminelle Antifaschisten“7 , erneut die NPD-Losung im entsprechenden Aufruf. Dieses Mal waren 500 Neonazis vollmundig angekündigt worden. 300 „Kameraden“, hauptsächlich aus Mecklenburg-Vorpommern und Nationale Autonome aus Wolmirstedt (Sachsen-Anhalt), Leipzig, Borna und Delitzsch (alle Sachsen), kamen bereitwillig, um das zu erreichen, was in der Woche zuvor nicht so recht gelungen war: Stärke und Einheit zwischen Partei und freier Szene zu demonstrieren.

Prominent besetzt war die nationale Demonstration allemal. Den Ordnungsdienst leitete das NPD-Bundesvorstandsmitglied Manfred Börm aus Lüneburg, von der NPD-Landtagsfraktion waren Köster, Lüssow, Andrejewski und Müller anwesend. Hauptredner auf der Kundgebung am Doberaner Platz waren Michael Andrejewski und Stefan Köster. Außer Hetze gegen die etablierten Parteien, vor allem gegen SPD und DIE LINKE, war beiden Redebeiträgen nichts Informatives zu entnehmen. Anwesend war neben NPD-Funktionären auch ein großer Block nationaler Autonomer. Ob alle „Parteisoldaten“ mit dieser Einheit nun glücklich waren, sei einmal dahingestellt – drehten sich doch einige ungläubig um, als der nationale Block lautstark in Sprechchören „die Abschaffung der BRD“ forderte.

Gegen den Naziaufmarsch demonstrierten erneut über 1.000 Bürgerinnen und Bürger. Federführend hierbei war wieder das Bündnis „Schöner leben ohne Nazi-Läden“.


Zivilgesellschaftlicher Protest – „Schöner leben ohne Nazi-Läden“

Die großen Auftritte der NPD waren damit zunächst vorbei. Nach den spontan organisierten Gegenveranstaltungen zu den beiden NPD-Demonstrationen entwickelte sich „Schöner leben ohne Nazi-Läden“ kontinuierlich zu einem breiten Bürgerbündnis aus der Rostocker Zivilgesellschaft, Jugend, Kultur, Gewerkschaften und Politik – über die meisten Parteigrenzen hinweg. Die FDP zeigte sich selten, von der CDU fehlte jedoch jede Spur.

Mit einer Mischung aus kulturellen Angeboten, inhaltlicher Arbeit und Aktionen direkt vor dem Szeneladen gelang es dem Bündnis seit Eröffnung des „ECC“ bis heute, auch eher unpolitische Bürger-innen und Bürger zu Protesten zu motivieren und eine öffentliche Debatte über Rechtsextremismus in der Hansestadt anzustoßen. Bestes Beispiel: „Lieber Braut statt braun“. Ein Brautpaar aus der Rostocker KTV hatte Mitte August 2007 seine Hochzeit für ein ganz besonderes Zeichen gegen Rechts genutzt. Nach der kirchlichen Trauung ging es mit der gesamten Hochzeitsgesellschaft zum rechten Szeneladen „ECC“. Mit Plakaten wie „Lieber Gatte als Nazi-Ratte“ oder „Braut statt Braun“ protestierten die Brautleute gegen Rechtsextremismus und den Nazi-Laden in Rostock. Die Hochzeitsgäste hielten zusätzlich Plakate, auf denen ihre jeweiligen internationalen Herkunftsstädte zu lesen waren. Die Aktion fand Anklang und brachte es zu einem Bericht samt großem Foto in der „Welt am Sonntag“.

Erfolgsrezept des Bürgerbündnisses ist die Vielfalt der teilnehmenden Organisationen, Verbände, Gewerkschaften, Parteien und Einzelpersonen – vereint im Konsens gegen Rechts und gegen Gewalt als Mittel der politischen Auseinandersetzung. Diese Diversität führte dazu, dass sich die verschiedensten Gesellschaftskreise repräsentiert fühlten und eine aktive Beteiligung am Kampf gegen Rechts somit erleichtert wurde. „Wir lassen uns unsere Straße und unser Stadtviertel nicht von Rassisten, Antisemiten und gewaltbereiten Neonazis wegnehmen. In der KTV, in Rostock und überall ist kein Platz für Fremdenhass und Intoleranz.“, so der Tenor auf den Veranstaltungen.

Die Liste der Bündnisaktivitäten in Rostock ist lang. Die Bandbreite reicht von der Sammlung von über 4.000 Unterschriften und der Durchführung von Infoständen über Straßen- und Kinderfeste bis hin zu Demos, Mahnwachen sowie Musik- und Tanzveranstaltungen. „Techno gegen Rechts“ am Matrosendenkmal im Rostocker Stadthafen war nach den Gegenaktivitäten zu den Naziaufmärschen der Beginn einer ganzen Kette von Veranstaltungen. Noch im Juli 2007 folgten ein „Flashmob“8 vor dem „ECC“, eine Mahnwache und ein erster Freiluftkinoabend, auf dem die Filme „Wochenende für Inländerfreunde“ und „Kein Bock auf Nazis“ gezeigt wurden. Mehr als 200 interessierte Rostockerinnen und Rostocker erschienen. 
Im August fanden sogleich ein weiterer „Flashmob“, eine Mahnwache und eine Kundgebung der „Front Deutscher Äpfel“ vor dem „ECC“ statt. Ende des Monats folgte das zweite Open-Air-Kino. Gezeigt wurden dieses Mal „Boskopismus” und „Der Kick“. Das Interesse und die Beteiligung der Rostocker Bürgerinnen und Bürger stieg stetig.

Immer wieder trat auf Veranstaltungen des Bündnisses nun auch die Satiregruppe „Front Deutscher Äpfel“ in Erscheinung. So nahmen Ende August mehr als 300 Menschen an der Protestveranstaltung „Vorsicht in der KTV! Braunes Täterfallobst!“ vor dem „ECC“ teil. Symbolisch wurde mit Kisten eine Sperrzone um den Laden errichtet. Hinweisschilder warnten die Passanten vor dem Verlassen des „toleranten Rostock“. Zentrale Forderungen der „Apfelfront“: „Weg mit faulem Fallobst!“, „Südfrüchte raus!“ und „Keine Überfremdung des deutschen Obstbestandes mehr!“.

Ende August 2007 wurden erneut auch die Polizeibehörden aktiv. Nach zahlreichen nächtlichen Attacken, Rangeleien und einigen unangemeldeten Versammlungen vor dem „ECC“ wurde das Umfeld des rechten Szeneladens von der Polizei kurzerhand zu einem „gefährlichen Ort“ erklärt und eine öffentliche Überwachungskamera installiert. Diese sollte sowohl abschreckend wirken als auch bei der Aufklärung von Straftaten helfen. Darüber hinaus könne man so auch überwachen, welche Personen aus der rechten Szene mit dem rechten Szeneladen Beziehungen unterhielten, so ein Polizeivertreter.


Und wieder hilft die NPD – Lüssow eröffnet Wahlkreisbüro

Die Situation drohte aus Sicht der rechten Ladenbetreiber zu kippen. Inszenierten sich „ECC“ und NPD zu Beginn regelmäßig als Opfer, sahen sich Klebe, Thorsten de Vries und deren Umfeld aus der freien Szene immer häufiger friedlichem und kreativem Protest der Rostocker Bevölkerung „ausgeliefert“.

Anwesende „Kameraden“ waren angesichts der Masse engagierter Rostockerinnen und Rostocker direkt vor ihrer Ladentür nervös. Krampfhaft wurden oftmals eilig „national gesinnte“ Freunde herantelefoniert, um sich gegen die vermeintlich „linken Straßenterroristen“ zu wehren. Die Tatsache, dass es gegen eine friedliche und bunte Form des Protestes keine „Wehr“ gab, verwirrte die Nazis oftmals endgültig. Regelmäßig waren seitens der Rechten hilflos Knüppel und Eisenstangen im Einsatz, um sich zu schützen und von ihrem „Hausrecht Gebrauch zu machen“. In Anbetracht einer Menschenmenge bewaffnet mit Handzetteln und Trillerpfeifen ein groteskes Bild. Diese wiederholten und gewaltsamen Reaktionen in aller Öffentlichkeit konnte die NPD unmöglich lange tolerieren. Zu groß der Imageverlust durch zahllose Fotos und Videoaufnahmen von Mitgliedern der rechten Szene, die mit Knüppeln bewaffnet und hassverzerrten Gesichtern fröhlichen Demokraten gegenüberstanden. Die strapazierte Parole von den „linken Gewalttätern“ verlor – selbst in rechten Kreisen – zunehmend an Glaubwürdigkeit. Und schlimmer noch: Die NPD konnte ihren „ECC-Kameraden“ auf lange Sicht nicht helfen.

Die vermeintliche Lösung: Am 7. September 2007 eröffnete der NPD-Landtagsabgeordnete Birger Lüssow in Rostock sein Wahlkreisbüro in der Doberaner Straße. Ein Wahlkreisbüro mit nationalem Ankleidezimmer – in der Geschichte des deutschen Parlamentarismus wohl einmalig.

Er habe sein Büro gezielt in den alternativen Rostocker Stadtteil KTV gelegt, erklärte Lüssow auf der Homepage der NPD: „[...] Zum einen halte ich es für ungeheuerlich, welchen Attacken von Pseudodemokraten und Linksextremisten nationalgesinnte Menschen gerade in diesem Stadtteil ausgesetzt sind. Niemand sollte sich von linker Gewalt aus dem Stadtteil vertreiben lassen. Mit der Hetze und der Gewalt sollte Vertreibung erreicht werden, das Gegenteil tritt nun ein. Die Eröffnung hier ist meine Antwort auf die Vorfälle der vergangenen Wochen. Zum anderen soll die unmittelbare Nachbarschaft zu dem Ladengeschäft East Cost Corner [sic!] noch einmal die Solidarität meiner Fraktion mit den Betreibern desselben bekunden.“9 Unmittelbare Folge: Gewaltbereite, imageschädliche „Kameraden“ wurden augenscheinlich als Türsteher weitgehend abgezogen – im Gegenzug konnte sich das „ECC“ samt angegliedertem Wahlkreisbüro Lüssow nun auf den besonderen Schutz durch den Staat verlassen.


Ein Grund mehr – Der Protest ging weiter

Wenngleich die Anwesenheit des Abgeordneten Lüssow den einen oder anderen „Kameraden“ beruhigt haben mochte, die Proteste seitens der Rostocker Bevölkerung gingen unvermindert weiter. Bereits am Tag nach der Eröffnung traten unter dem Motto „Rap gegen Rechts“ viele lokale MCs und DJs am Matrosendenkmal auf, um ein musikalisches Zeichen gegen den Nazi-Laden „ECC“, das Wahlkreisbüro und Rechtsextremismus zu setzen. Mit dabei waren u.a. „Falkenschneider + szener moet“ sowie „Dymon“. Letztere Künstler hatten sich bereits zuvor mit expliziten Texten gegen die Rostocker Naziszene und rechten Lifestyle einen Namen gemacht. So geht es im Titel „Faktor Steinar“ von „Falkenschneider + szener moet“ konkret um die in der rechtsextremen Szene weit verbreitete Marke „Thor Steinar“, welcher im Auf- und Ausbau der rechten Jugendkultur eine identitätsstiftende Rolle zukommt. Organisiert wurde diese Veranstaltung erneut durch „Schöner leben ohne Nazi-Läden“.

Auch wurde im Bündnis fortan verstärkt eine Vernetzung der Anwohnerinnen und Anwohner im Umfeld des rechten Szeneladens vorangetrieben und versucht, mit dem Vermieter des „ECC“ Kontakt aufzunehmen und ihn zur Sonderkündigung zu bewegen. Dieser behauptete steif und fest, nichts von der wahren Identität seiner Mieter gewusst zu haben, weigerte sich jedoch, den Betreibern des „ECC“ die Kündigung auszusprechen. In einem Gespräch mit dem Rostocker Oberbürgermeister Methling forderte der Hamburger Vermieter offenbar eine Art Abfindung sowie das Angebot eines Alternativstandorts für das Geschäft, bevor er mit der Stadt über eine Kündigung des Mietvertrags verhandeln wolle. Dieser Forderung konnte wiederum die Stadt nicht nachkommen.

Die Zusammenarbeit des Bündnisses mit den betroffenen Anwohnerinnen und Anwohnern war indes von großer Zurückhaltung und Sorge geprägt. Zu groß die Angst der Nachbarschaft vor gezielten Übergriffen des „ECC“-Umfeldes. Immerhin hatten Rechte demonstrativ alle Namen auf den Klingelschildern erfasst und grüßten ihre Nachbarn fortan namentlich.
Zweifelsfrei die größte Protestaktion organisierte das Bündnis am 22. September 2007. Fast 2.000 Bürgerinnen und Bürger folgten dem Aufruf zur Demonstration mit anschließendem Straßenfest „Stadt der Kulturen“. Neben einiger politischer Prominenz von Landes- und Bundesebene beteiligte sich erstmals auch der Rostocker Oberbürgermeister aktiv an den Protesten gegen Rechts. Das „ECC“ musste auf Anweisung der Ordnungsbehörde verschlossen bleiben und wurde von einer Hundertschaft der Polizei bewacht. Ein Verkauf von rechten Devotionalien war aufgrund friedlicher Proteste nicht möglich.
Zahlreiche weitere Aktionen, wie eine Mahnwache anlässlich des Jahrestages der nationalsozialistischen Novemberpogrome, folgten. Die Lage zwischen rechtem Ladenumfeld und zivilgesellschaftlicher Protestbewegung entspannte sich kurzfristig erstmals über den Jahreswechsel 2007/2008.


Erneute Eskalation: Höhepunkt und Katharsis durch die Feuerwehr

Bereits am Dienstag, 15. Januar 2008, sollte diese kurze Ruhepause ein abruptes Ende haben. Gegen 19 Uhr verübten ca. zehn Personen einen Buttersäureanschlag auf den rechtsextremen Rostocker Bekleidungsladen „East Coast Corner“ in der Doberaner Straße – trotz Videoüberwachung.

Den Erkenntnissen der Polizei zufolge waren mehrere vermummte Unbekannte in das Geschäft eingedrungen und hatten eine größere Menge Buttersäure und Farbe in den Geschäftsräumen verteilt. Thorsten de Vries wurde von den Tätern verletzt und laut Augenzeugenberichten wenig später in der Notaufnahme der Rostocker Universitätsklinik behandelt. Dort bemängelte Thorsten de Vries offenbar lautstark, er werde nicht korrekt behandelt und bedrohte daraufhin angeblich das Krankenhauspersonal. Erst nach Eintreffen der zur Hilfe gerufenen Polizei beruhigte sich Thorsten de Vries wieder, so Augenzeugen.
Ein Großaufgebot von Polizei und Feuerwehr war derweil am Naziladen im Einsatz. Spezialkräfte der Feuerwehr betraten den Laden mit Atemschutzmasken und Schutzanzügen und bargen die mit Buttersäure kontaminierten Gegenstände und nahezu sämtliche Kleidungsstücke.


„Kann mal jemand sein Haus abfackeln? Danke!“

Zur Begutachtung des Schadens befanden sich auch der NPD-Landtagsabgeordnete Birger Lüssow sowie dessen Mitarbeiter David Petereit vor Ort. Bereits am selben Abend wurde in einem einschlägigen rechten Internetforum über die Täter spekuliert: „Auch Matthias Brodkorb (SPD) und Betreiber der Internetseite Endstation-Rechts war kurz nach dem Überfall mit Photoapparat zur Stelle, was wohl kaum noch einen Zweifel daran lassen dürfte aus welcher Richtung der Überfall gekommen ist, und daß offenbar mehr als nur fünf Personen in der Organisation desselben involviert waren.“, hieß es auf einer bundesweit bekannten Internetseite, deren Kommentarteil innerhalb weniger Stunden nur so vor Gewalt- und Eskalationsankündigungen strotzte: „Dieser scheiß Brodkorb ist das Allerletzte! [...] Kann nicht mal jemand sein Haus abfackeln? Wäre nett! Danke!“

Ein weiterer Benutzer des Internetforums nannte sich „Friese Hamburg“ und gab vor, Thorsten de Vries persönlich zu sein. „Friese Hamburg“ meldete sich am nächsten Tag zu Wort: „BÜRGERLICHE HETZER DIE DIESEN ÜBERFALL ZU VERANTWORTEN HABEN WIE DER GENOSSE BROTKORB SOLLEN SICH DIE NÄSTEN MONATE ALLERDINGS BESSER ZWEIMAL UMSCHAUEN WENN SIE IHR HAUS VERLASSEN!“ Unzählige weitere Beiträge mit hasserfüllten, rassistischen und antisemitischen Inhalten folgten.

In der Doberaner Straße wurde an den Rollläden des „East Coast Corner“ derweil eine Pressemitteilung der NPD-Landtagsfraktion Mecklenburg-Vorpommern aufgehängt. In dieser wurden namentlich jene genannt, die nach dem Überfall vor Ort waren, um sich ein Bild von der Lage zu verschaffen. Die Zeilen der NPD-Pressemitteilung „Rotfrontterror als Lebensform. Nicht mit uns!“10 schürten ebenfalls die „Rachegelüste“ der „Kameraden“ – wenngleich etwas subtiler. 

Das Bündnis „Schöner leben ohne Nazi-Läden“ veranstaltete gemeinsam mit der „Apfelfront“ inzwischen die nächste Protestkundgebung. Diesmal wurde vor verschlossener Ladentür den „Nazis der Narrhalla-Marsch“ geblasen. Ein politischer Aschermittwoch gegen Rechts. Nach gründlicher Reinigung und teilweiser Renovierung wurde das „ECC“ Anfang März wiedereröffnet. Der geneigten Kundschaft wird nun jedoch erst nach Betätigen einer Klingel und erfolgter Gesichtskontrolle Einlass gewährt. Ein Nachteil für spontane Käufer. Klebe übrigens soll sich inzwischen nach Informationen von ENDSTATION RECHTS. von seinem Geschäftsführer Thorsten de Vries getrennt haben.

Das bürgerschaftliche Engagement in Rostock wird angesichts der anstehenden Kommunalwahlen 2009 wohl weitergehen – und auch müssen. Schließlich ist es das erklärte Ziel der NPD, in möglichst viele Kommunalparlamente einzuziehen, um dort ihre menschenverachtende Ideologie zu verbreiten. Und dabei wird die NPD wieder die Hilfe der freien Kameradschaftsszene benötigen – mit oder ohne „Thor Steinar“-Hosen aus dem „East Coast Corner“.

1 Pressemitteilung der NPD-Landtagsfraktion: „NPD-Fraktion morgen zum Vor-Ort-Termin in Rostock“, 25. Juni 2007
2 vgl. entsprechende Pressemitteilungen der NPD-Fraktion, u.a. vom 22. und 25. Juni sowie 11. September 2007
3 zu sehen im Bericht des NDR-Fernsehens im „Nordmagazin“, 26. Juni 2007
4 Pressemitteilung der NPD-Landtagsfraktion „NPD-Fraktion war vor Ort in Rostock“, 26. Juni 2007
5 Pressemitteilung der NPD M-V „Linken Gewalttätern kein rechtsfreier Raum!“, 25. Juni 2007
6 Pressemitteilung der NPD M-V „Erneut dreiste Lobbi-Lügen gegen Nationale“, 2. Juli 2007
7 Pressemitteilung der NPD M-V „ Rostock die Zweite – Erneute Demonstration am 07.07.2007 “, 4. Juli 2007
8Bei einem „Flashmob“ handelt es sich um einen spontanen Auflauf von Menschen im öffentlichen Raum. Die Aktionsform wurde im anglo-amerikanischen Raum beobachtet und hatte zunächst meistens einen völlig unpolitischen Charakter. Zu den in der Regel sehr kurzen und spontanen Veranstaltungen wird per SMS, in Internetforen und per E-Mail aufgerufen. Der Ursprung der Aufrufe lässt sich i.d.R. nicht rekonstruieren. In Rostock wurden sämtliche „Flashmobs“ von einzelnen Personen im Umfeld des Bündnisses organisiert.
9 Pressemeldung der NPD-Landtagsfraktion „NPD-Bürgerbüro nun auch in Rostock“, 11. September 2007
10 Pressemeldung der NPD M-V „Linker Anschlag auf nationales Ladengeschäft“, 16. Januar 2008

 


provokationalsprinzip-135.jpg Mathias Brodkorb/Volker Schlotmann (Hrsg.)
Provokation als Prinzip

Die NPD im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern

(Adebor Verlag) Paperback

260 S., 80 schw.-w. Fotos
ISBN: 978-3-9809375-5-9
Preis: 13,90 Euro

Kommentare(1)

Björn Dienstag, 15.Juni 2010, 16:52 Uhr:
Der Artikel ist ja der Hammer.
 

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