Dienstag, 10. Februar 2015

Mvgida auf dem absteigenden Ast

Die Krise der Pegida-„Bewegung“ hat mittlerweile auch Mecklenburg-Vorpommern mit voller Härte getroffen. Die Teilnehmerzahlen des dortigen Ablegers Mvgida sind massiv eingebrochen. Gestern versammelten sich in Schwerin rund 250 selbsternannte Patrioten – darunter die Spitze der Landes-NPD mit ihrem Chef Stefan Köster und dem Fraktionsvorsitzenden Udo Pastörs.

Mvgida-Marsch durch Schwerin (Foto: ENDSTATION RECHTS.)

Es dauerte nur wenige Tage, bis Beobachter die Inszenierung durchschaut hatten. Bereits die ersten „Spaziergänge“ des Pegida-Ablegers in Mecklenburg-Vorpommern offenbarten die Dominanz extrem rechter Kräfte. Die hiesigen „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ sind nicht mehr als eine Mogelpackung: NPD-„Größen“ wie Udo Pastörs, Chef der Landtagsfraktion, oder der Vorsitzende des Landesverbandes, Stefan Köster, reihten sich in die Schweriner Protestzüge ein. Gleichzeitig dirigierte das frühere NPD-Landesvorstandsmitglied Michael Grewe bei der Premiere in der Landeshauptstadt die Mvgida-Anhänger. Mit dem bekannten Neonazi Thomas Wulff und seinen Anhängern war Verstärkung aus Hamburg angereist.

Außerdem brachten verschiedene Recherchen bald die Verbindungen des Demonstrationsanmelders Enrico Naumann zur NPD ans Tageslicht. Als, wie die Ostsee Zeitung berichtet, bei einer Veranstaltung des früheren DDR-Bürgerrechtlers Heiko Lietz, in dessen „Offenen Forum“ der Dialog mit den Mvgida-Sympathisanten gesucht werden sollte, zwei weitere Personen mit einer einschlägigen Vergangenheit die Wortführerschaft ergriffen, war der Lack endgültig ab. Dort seien der wegen seiner Mittäterschaft bei den Pogromen von Rostock-Lichtenhagen zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe verurteilte Ronny Sanne und Jens-Holger Schneider, ein Ex-CDU-Mitglied, das auch auf NPD-Demonstrationen mitgelaufen war, aufgetreten.

Extremisten distanzieren sich von Extremisten

Die hohe NPD-Kaderdichte, die sich, wie Augenzeugen berichten, auch mit Wortbeiträgen an den Veranstaltungen in Schwerin beteiligten, war und ist so manchem tatsächlichen und potentiellen Mvgida-Sympathisanten aus dem nicht rechtsextremistischen Milieu ein Dorn im Auge. Auf Facebook kritisierten sie gebetsmühlenartig die Rolle der NPD. Selbst die Veranstalter bemüh(t)en sich wenig glaubhaft um Distanz. Gestern sprach ein Redner auf der Eröffnungskundgebung an der Siegessäule davon, man halte Abstand zu allen Formen des Extremismus: Dem Rechtsextremismus, dem Linksextremismus und dem islamistischen Extremismus. Udo Pastörs und Stefan Köster, die sich erneut dem „Spaziergang“ angeschlossen hatten, mögen sich ihren Teil gedacht haben.

Nach Polizeiangaben kamen in Schwerin 250 „Patrioten“, und damit nur noch rund die Hälfte früherer Veranstaltungen, zusammen. Dabei handelte es sich mehrheitlich um junge Männer, teilweise vermummt, und ein paar wenige, junge Frauen. Hin und wieder waren Familien zu sehen, die ihre Kinder mitgebracht hatten. Ältere Männer, wohl zwischen 50 und 60 Jahren, schimpften derweil auf den Staat. Auffallend war erneut ein hohes Aggressionslevel gegenüber den wenigen Pressevertretern, die zwar seltener als „Lügenpresse“ beschimpft, dafür aber als „Stasi-BND“ verunglimpft wurden. Mit Porträtaufnahmen sollten die Journalisten eingeschüchtert werden.

Mvgida-Anhänger beobachten die eigene und die Gegenveranstaltung aus der Höhe

Der Lack ist ab

Das Ende des Protestzuges bildete eine Gruppe augenscheinlicher Kameradschaftsmitglieder, die Szenekleidung trugen. Hin und wieder versuchte einer von ihnen die Flagge des Deutschen Reiches in schwarz-weiß-rot zu entrollen. Eine Momentaufnahme, die mit Worten kaum besser formuliert werden könnte: Mvgida schmort im eignen, braunen Saft.

Neonazis marschieren auf

Der Anschluss an die Mehrheitsgesellschaft ist dem Pegida-Ableger an der Ostsee zu keinem Zeitpunkt gelungen. Da kann die NPD in ihren Pressemitteilungen noch so sehr von „normalen Frauen und Männern“ schwadronieren. Die Spaltung des Dresdner Originals und die Kontroversen um den dortigen Frontmann Lutz Bachmann streuen zusätzlichen Sand ins Getriebe – der Rückenwind ist genauso abgeflaut wie der Medienhype. Die kommenden Mvgida-Aufmärsche werden diesen Trend nicht umkehren.

UPDATE:

In einer früheren Version des Artikel hieß es, von Mvgida-Sympathisanten sei ein Gesprächsangebot in Form eines Plakates unterbreitet worden. Offensichtlich ging diese Initiative allerdings nicht von Mvgida aus.