Dienstag, 29. Dezember 2015

"Wir wollen den Zünder ausbauen"

Millionenfach wurde Adolf Hitlers "Mein Kampf" bis 1945 in Deutschland unters Volk gebracht. Seither war hierzulande jede Neuauflage untersagt. Nun veröffentlicht das Münchner Institut für Zeitgeschichte eine wissenschaftlich kommentierte Ausgabe – um die kritische Auseinandersetzung mit der Propagandaschrift zu fördern.

Die kommentierte Ausgabe von "Mein Kampf", die das Institut für Zeitgeschichte erstellt hat, Foto: Institut für Zeitgeschichte

Im zweiten Stock des Instituts für Zeitgeschichte (IfZ) an der Leonrodstraße in München steht ein grauer Stahlschrank. Er ist so unscheinbar wie der ganze Raum, ein fensterloses Magazinzimmer, rohe Betonwände, an Mauern und Decke blecherne Lüftungsschächte, in Regalen und auf Tischen Stapel von Büchern und Zeitschriften. Aber dieser Schrank ist besonders, er ist abgeschlossen – möchte man den Inhalt sehen, muss erst ein Archivar den Schlüssel heranholen. In dem mannshohen Stahlschrank lagert Hitlers "Mein Kampf", dutzendfach, dicht an dicht: mal als Paperback, mal mit festem Einband, mal mit Hakenkreuz auf dem Buchrücken, mal die kleinformatige "Volksausgabe". Es gibt die edle "Jubiläumsausgabe" zur Gründung der NSDAP mit Hitlerfoto hinter einem Schutzblatt aus Pergament, die "Hochzeitsausgabe", die ab Mitte der 1930er Jahre statt der Bibel reichsweit allen Frischvermählten von der jeweiligen Gemeindeverwaltung geschenkt werden musste. Daneben "Mein Kampf" auf Finnisch, auf Holländisch, auf Spanisch; aus Frankreich gibt es gleich zwei Ausgaben, eine dicke mit dem ungekürzten Text, die sich aber nicht so gut verkaufte, außerdem eine spätere, schmale, bei der unter anderem Hitlers gröbste antifranzösische Tiraden gekürzt wurden. Im untersten Fach liegt ein unscheinbares Exemplar – die seltene Erstausgabe. Sie war die Grundlage für das ebenso aufsehenerregende wie umstrittene Projekt des Instituts: eine kritisch-kommentierte Neuauflage der NS-Propagandaschrift. 

Mit Ablauf des siebzigsten Jahres nach Hitlers Tod, also am 1. Januar 2016, erlöschen die Urheberrechte an "Mein Kampf". Sie lagen bisher bei der bayerischen Landesregierung, die Alliierten hatten sie nach dem Krieg an den Freistaat übertragen. Und der ging seither gegen jede Verbreitung des Textes vor – zum Beispiel gegen den britischen Verleger Peter McGee, der Anfang 2012 Auszüge aus "Mein Kampf" in einer Zeitung nachdrucken wollte. Ab 2016 jedoch ist das Buch, wie es im Urheberrecht heißt, gemeinfrei – das Werk gehört niemandem mehr, im Prinzip kann es jeder nachdrucken. Zwar hat Bayern angekündigt, künftig strafrechtlich gegen die Verbreitung vorzugehen, aber ein Projekt wie jenes des IfZ, das den Text wissenschaftlich und kritisch kommentiert herausbringt, ist davon nicht berührt. Die Edition sei ein "Beitrag zur historisch-politischen Aufklärung", betont das Institut. "Wir wollen den Zünder ausbauen, wie bei einer alten Granate", formuliert es Christian Hartmann, der das Gesamtvorhaben geleitet hat. "Wir sehen uns wie einen Kampfmittelräumdienst." 

Mit heiklen Projekten hat »das 1949 gegründete Institut« Erfahrung. Es betreute bereits die Herausgabe zahlreicher nationalsozialistischer Texte, etwa der Tagebücher von Joseph Goebbels oder des NSDAP-Chefideologen Alfred Rosenberg. Von 1991 bis 2003 edierte das IfZ eine Sammlung von Hitlers Reden und Schriften. "Mein Kampf" musste damals ausgelassen werden, der Urheberrechte wegen. Als aber deren Auslaufen näher rückte, machte man sich im Institut Gedanken. Das Buch sei nun einmal in der Welt, erklärt IfZ-Leiter Andreas Wirsching. Wer will, kann es in Antiquariaten erwerben, den Text mit ein paar Klicks im Internet finden und herunterladen, und ab 2016 wird er noch leichter verfügbar sein. "Mein Kampf" sei, sagt Wirsching, eine "zentrale Quelle zur Geschichte des Nationalsozialismus"; man müsse das Buch daher ernst nehmen, sich mit ihm auseinandersetzen, um es zu entmystifizieren. 

Die bayerische Landesregierung zog ihre anfängliche Unterstützung zurück 

Dem Institut gelang es, den bayerischen Landtag und die Staatsregierung zu überzeugen. Mit einem öffentlichen Zuschuss von einer halben Million Euro startete das Editionsprojekt 2012. Doch ein Jahr später vollzog Bayern eine Kehrtwende. Er könne nicht einerseits in Karlsruhe für ein Verbot der NPD kämpfen und andererseits die Verbreitung von "Mein Kampf" finanzieren, begründete Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) den Schritt. Der Rückzug habe die Wissenschaftler wie "ein Nackenschlag" getroffen, sagt Projektleiter Hartmann. Sie machten dennoch weiter. 

Drei Jahre lang arbeiteten sich Hartmann und drei feste Kollegen durch jede Zeile des Textes. Stimmt es, was Hitler hier schreibt? Woher hat er seine Thesen? Welchen gesellschaftlichen Rückhalt hatten die zu jener Zeit? Die Wissenschaftler fassten die bisherigen Kenntnisse der Geschichtsforschung zu Hitler und "Mein Kampf" zusammen, stiegen aber auch selbst in Archive, wälzten bergeweise Bücher, holten sich Hilfe von externen Experten, etwa aus Germanistik, Japanologie, Judaistik, Humangenetik, Kunst- und Wirtschaftsgeschichte. Ein Parasitologe wurde zum Beispiel zu Hitlers Vergleichen der Juden mit Ungeziefer befragt. So sezierte das IfZ-Team "Mein Kampf", spürte Quellen auf, entschlüsselte Bezüge, die für heutige Leser kaum erkennbar sind. Und es verglich Aussagen im Buch mit Hitlers späterer Politik. Mehr als 3.500 Anmerkungen sind so entstanden, pro Seite des Hitler-Originaltextes durchschnittlich fünf – mal wenige Zeilen lang, mal eine halbe Seite füllend. 

Einer, der mit dem Text gekämpft hat, ist Thomas Vordermayer, mit 32 Jahren der jüngste im Team. Er hat Geschichte studiert und in seiner Dissertation die völkische Bewegung untersucht, damals las er zum ersten Mal in "Mein Kampf". Das Buch sei, widerspricht er einem verbreiteten Vorurteil, nicht durchgängig miserabel geschrieben. "Es ist ein überraschend mannigfaltiger Text." "Relativ gut lesbar" seien beispielsweise die primär autobiografischen Kapitel, etwa zu Hitlers Elternhaus oder zum Ersten Weltkrieg. "Aber wenn es um abstrakte Sachen geht, etwa um Staatstheorie oder Rassenlehre, dann wird es lausig." Das gelte sowohl für den Stil als auch für den Inhalt. "Hitler hat viel schwadroniert. Er war der Überzeugung, über alles die letztgültige Wahrheit zu kennen." Aber an den meisten Stellen habe er lediglich abgeschrieben, was er sich in trüben Quellen, in der "Heftchen- und Traktatliteratur" seiner Zeit, angelesen hatte. "Er scheute sich nicht, vom Leder zu ziehen – egal, ob er darüber wirklich etwas wusste oder nicht." 

Dem IfZ-Team war es wichtig, "Mein Kampf" nicht nur im Lichte heutigen Wissens zu prüfen, sondern auch mit dem Wissensstand der 1920er Jahre abzugleichen. "Hitlers Rassenlehre zum Beispiel ist trivial und auf sehr sandigem Grund gebaut", erläutert Vordermayer. "Auch ist abwegig, was er etwa zur Evolution schreibt oder zur Menschwerdung – und das bereits vor dem damaligen Wissenshorizont." Hitler habe hier auf dem Stand des 19. Jahrhunderts argumentiert. "Schon in Lehrbüchern von 1920 oder in zeitgenössischen Lexika hätte man es besser nachlesen können. Das ist enorm entlarvend, wenn klar wird, dass Hitler offenbar nicht einmal in den Brockhaus geschaut hat." 

Hitlers Propagandaschrift durch tausende nüchterne Fakten entzaubern

Die Ausgabe des IfZ ist ein relativ großformatiges Buch, jede Seite entspricht fast einem A4-Blatt. Schlägt man es auf, findet sich auf den Doppelseiten jeweils rechts der Originaltext von "Mein Kampf" – auf der Basis der jeweils ersten Auflage der beiden Bände von 1925 bzw. 1927 und im ursprünglichen Seitenumbruch. Darüber steht in eckigen Klammern die jeweilige Seitenzahl des Originals. In einer Randspalte rechts neben dem Text sind in etwas schmalerer Schrift Abweichungen zwischen verschiedenen Auflagen notiert. "Wir haben natürlich nicht alle prüfen können, dafür gab es bis 1945 einfach zu viele", erklärt Thomas Vordermayer. Immerhin 38 verschiedene Ausgaben hat das Team an zwei Kapiteln stichprobenartig verglichen und so jene sieben identifiziert, bei denen die Differenzen am stärksten waren. Diese wurden dann durchgängig überprüft. 

Zahlreiche Veränderungen traten so zutage. Die meisten gehen wohl auf Lektoren des NSDAP-Propagandaverlages Franz Eher zurück. Im Jahr 1930 hat nachgewiesenermaßen aber auch Hitlers Vertrauter Rudolf Heß selbst Hand angelegt. Die meisten Veränderungen sind leichte Korrekturen bei Grammatik und Rechtschreibung, häufig wurde auch stilistisch nachgebessert. "'Mein Kampf' bleibt immer auch ein politisches Pamphlet, das natürlich mit Übertreibungen arbeitet", sagt Vordermayer. Aber manch sinnlose Zahlenangabe Hitlers wurde später stillschweigend korrigiert. In Bezug auf die jüngere Menschheitsgeschichte war in den ersten Auflagen beispielsweise davon die Rede, die Erde sei "vor Jahrtausenden menschenleer durch den Äther" gezogen – 1930 wurde dies geändert in "vor Jahrmillionen". 

Doch an einer Stelle geschah auch eine massive inhaltliche Änderung: So gibt es in den ersten Ausgaben noch eine Textstelle, wo Hitler im Zusammenhang mit der inneren Organisation der NSDAP vom "Grundsatz einer germanischen Demokratie" spricht und Wahlen in Aussicht stellt – 1930 wurde dies vollständig getilgt und das Führerprinzip festgeschrieben. Noch in einer Ausgabe von 1944 wurden winzige Grammatikfehler korrigiert, die bis dahin übersehen worden waren: Auf Seite 172 zum Beispiel vermerkt die IfZ-Edition, dass das Verb "kannte" ins korrekte "kannten" geändert wurde. Es wirkt bizarr, aber es muss also selbst im Angesicht der nahenden Niederlage im Verlag noch jemand Wert darauf gelegt haben, das Werk des "Führers" penibel nach Fehlern durchzuschauen. 

Der größte Platz in der Neuausgabe aber ist für die wissenschaftlichen Anmerkungen reserviert: die gesamte linke Hälfte jeder Doppelseite und auch rechterhand der Raum unter dem Originaltext. Hitlers Worte sind von den Kommentaren regelrecht umzingelt. Es gibt keine Seite von "Mein Kampf", bei der nicht irgendetwas anzumerken, richtigzustellen, zurückzuweisen war. 

Kommentierung soll den Leser schützen

"Mein Kampf" sei eine tückische Mischung aus Lügen, Halbwahrheiten und Unterstellungen, sagt Projektleiter Christian Hartmann. Dass die Leser ihr schutzlos ausgeliefert sind, sollen die tausenden Anmerkungen verhindern. Wissenschaftlich-nüchtern und präzise formuliert, sollen sie Hitlers absoluten Wahrheits- und Führeranspruch dekonstruieren und dem Buch seinen mythischen Nimbus nehmen. "Das Werk appelliert ja vor allem an die Emotionen, an Angst, an Hass", so Hartmann. "Wir setzen ihm Tausende gut recherchierte Fakten entgegen." Wenn Hitler beispielsweise Albert Leo Schlageter heroisiert, einen völkischen Aktivisten, dessen Hinrichtung durch französische Truppen während der Besetzung des Ruhrgebiets 1923 die Nationalsozialisten zum Märtyrergang verklärten, dann wird angemerkt, dass Schlageter den Franzosen nicht, wie behauptet, durch Verrat in die Hände fiel, sondern durch eigene Ungeschicklichkeit. 

Aber natürlich, sagt Thomas Vordermayer, besteht "Mein Kampf" "nicht nur aus plumpen Lügen, dann würde das Buch nicht funktionieren". Hitlers Propaganda sei in der Regel geschickter, arbeite mit Verdrehungen und Umdeutungen. Deshalb nehmen die wissenschaftlichen Kommentare auch nicht stets die Gegenposition ein, sondern ordnen Aussagen ein. "Ein wichtiger Teil unserer Arbeit war es auch, Hitlers Auslassungen offenzulegen und Informationen zu ergänzen, die Hitler bewusst ausgeklammert hat", sagt Vordermayer. Wenn Hitler beispielsweise schreibt, die Presse sei jüdisch dominiert, dann wird angemerkt, dass er zwar übertrieb, aber Juden tatsächlich während der Kaiserzeit in den Medien überrepräsentiert waren. Es wird aber erklärt, dass eine wichtige Ursache dafür fehlende Karrierechancen in Behörden oder dem Militär war. Außerdem waren die jüdischen Verleger und Journalisten politisch sehr unterschiedlich eingestellt, es gab nationale, kaisertreue, demokratische, kommunistische. Von der Behauptung einer jüdischen Verschwörung bleibt so nichts mehr übrig. An anderer Textstelle mokiert sich Hitler, dass kaum einer der Reichstagsabgeordneten im Ersten Weltkrieg gedient habe. Es stimme zwar, so die Anmerkung, dass lediglich zwei Abgeordnete an der Front waren – aber dass einer der beiden jüdischer Sozialdemokrat war, fiel bei Hitler unter den Tisch. 

Auch seine eigene Biografie hat Hitler stark geschönt, Spuren zu möglichen Zeugen verwischt, die seinen Selbststilisierungen später hätten widersprechen können. Beispielsweise fehlen bei der Schilderung des Elternhauses Hitlers Geschwister komplett. Auch August Kubizek, den wichtigsten Jugendfreund aus den Linzer und Wiener Jahren, verschweigt "Mein Kampf" – vielleicht, weil neben dessen erfolgreicher Musikerkarriere der gescheiterte Kunstmaler Hitler allzu jämmerlich gewirkt hätte. Wenn Hitler schreibt, er habe Österreich "aus politischen Gründen verlassen", erwähnt eine Anmerkung, welche persönlich-finanziellen Gründe Hitler für den Weggang hatte. Auch der Münchner Putschversuch von November 1923 fehlt – "bezeichnenderweise", wie Vordermayer sagt. "Da hätte Hitler das eigene Scheitern schildern müssen, und dabei wären auch Leute negativ zur Sprache gekommen, die 1925 beim ersten Erscheinen des Buches noch mächtig waren und ihm hätten gefährlich werden können." 

"Es war immer wieder eine Genugtuung, Hitler zu widerlegen"

Fast 2.000 Seiten dick ist die Neuausgabe wegen all der Anmerkungen letztlich geworden. Sie ist in zwei Bände aufgeteilt – das entspricht der originalen Erscheinungsweise, ist aber auch dem enormen Umfang geschuldet. Dem kommentierten Originaltext vorangestellt ist noch eine rund 80-seitige Einleitung, in der das IfZ-Team "Mein Kampf" grundsätzlich analysiert und einordnet, am Ende folgen Register und ein Anhang mit Kurzbiografien von hundert wichtigen Personen. 

Die technischen Details und das Äußere des Buches wurden vom Institut gründlich bedacht: Der Titel der Ausgabe lautet "Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition". "Adolf haben wir weggestrichen", sagt Projektleiter Hartmann, "weil es so etwas Persönliches, fast schon Devotes hat." Das Cover ist betont schlicht, kleine Schrift auf grauem Leinen, auf einen Schutzumschlag wurde verzichtet. In den Bibliotheks- und Buchhandelskatalogen wird in der Autorenspalte nicht "Hitler" erscheinen – stattdessen stehen da die Namen der vier Wissenschaftler des Projektteams als Herausgeber. Das Buch erscheint im Eigenverlag, damit das Institut wirklich frei und mit ausschließlich wissenschaftlicher Motivation agieren kann. Der Preis wurde mit 59 Euro bewusst moderat gehalten, damit es sich nicht nur Spezialbibliotheken leisten können. 

Fragt man Thomas Vordermayer, was während der dreijährigen Arbeit am überraschendsten für ihn war, muss er länger überlegen. "Ich hatte nicht erwartet", antwortet er schließlich, "dass Hitler teils sehr offen spätere Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes vorwegnimmt". Bei den Schilderungen des künftigen Staates etwa schreibt Hitler explizit über die angebliche Notwendigkeit von Zwangssterilisierungen: Da fordert er etwa, "daß defekten Menschen die Zeugung anderer, ebenso defekter Nachkommen unmöglich gemacht" werden müsse, und nennt eine Umsetzung dieser Forderung "die humanste Tat der Menschheit", die "Millionen von Unglücklichen unverdiente Leiden ersparen werde". Wenn er rhetorisch fragt, ob man "jedes erbärmliche Wesen am Leben erhalten müsse", lassen sich die späteren "Euthanasie"-Verbrechen an behinderten Kindern bereits erahnen. 

"Wir fanden es zwingend notwendig, hier nicht nur gedankliche Vorläufer Hitlers zu zeigen, sondern den Blick auch ins Dritte Reich zu richten", sagt Vordermayer. So entlarvt die Neuausgabe Hitler auch als Heuchler. An einer Stelle zum Beispiel echauffiert er sich über den angeblich schäbigen Umgang mit Kriegsveteranen im Kaiserreich. Durch intensives Aktenstudium konnte das IfZ nachweisen, dass dies nicht stimmt, sondern die Sozialfürsorge damals relativ gut war. Später hingegen, als Hitler regierte, wurden 5.000 traumatisierte Ex-Soldaten als Teil der "Euthanasie"-Programme vergast. Als Hitler sich selbst um sie hätte kümmern können, wurden sie also umgebracht. 

Vieles in dem Buch sei grässlich zu lesen, sagt Vordermayer. An einer Stelle am Ende des Zweiten Bandes etwa bemerkt Hitler, es wäre richtig gewesen, hätte man während des Ersten Weltkriegs "12.000 bis 15.000 hebräische Volksverderber unter Giftgas gesetzt". Der antisemitische Vernichtungswahn scheint hier bereits auf. "Es gibt wirklich widerwärtige Stellen, etwa wenn Juden mit Maden assoziiert werden – aber das ist zugleich", sagt Vordermayer mit der kühl-rationalen Distanz des Wissenschaftlers, "die typische Bildsprache der Völkischen". Er hatte sich schon für seine Dissertation damit befassen müssen, war einiges an menschenverachtenden Aussagen gewöhnt. "Ich konnte also eher abgehärtet an die Arbeit herangehen." 

Die Edition war, formuliert es Projektleiter Hartmann, zwar "eine sehr, sehr anstrengende Arbeit". Aber es sei schon ein gutes Gefühl, eine Art "Gegendarstellung" zu "Mein Kampf" geschrieben zu haben: "Es ist", sagt er, "immer wieder eine Genugtuung, wenn man es schafft, Hitler zu widerlegen."

by-nc-nd/3.0/de/ Autor: Toralf Staud für bpb.de