Dienstag, 04. Oktober 2016

Pegida als Spiegel und Projektionsfläche – ein Sammelband

Der von dem Soziologen Tino Heim herausgegebene Sammelband „Pegida als Spiegel und Projektionsfläche. Wechselwirkungen und Abgrenzungen zwischen Pegida, Politik, Medien, Zivilgesellschaft und Sozialwissenschaften“ enthält Beiträge, die Relationen und Wechselwirkungen von Pegida zu anderen Akteuren und Institutionen untersuchen wollen. Die dabei genutzten Analyseansätze machen den Erkenntniswert des Bandes aus, können sie doch auch auf andere Phänomen wie die AfD angewandt werden; kritikwürdig wird es immer dann, wenn weniger analysiert und mehr ideologisiert wird.

Um Pegida ist es ruhig gewesen. Zeitweilig brachte die Protestbewegung von „rechts“ um die 20.000 Menschen in Dresden auf die Straße. Längere Zeit gelangen an den Montagen erstaunliche Mobilisierungserfolge. Da die Bewegung aber in dieser Form aktuell keine Perspektiven mehr hat, gehen die Teilnehmerzahlen zurück. Dafür nutzen die Akteure in Gestalt der AfD eine andere Artikulationsmöglichkeit, um ihre fremdenfeindlichen Ressentiments politisch auszudrücken. Doch wofür stand bzw. steht Pegida? Dieser Frage gehen die Autoren des Sammelbandes „Pegida als Spiegel und Projektionsfläche. Wechselwirkungen und Abgrenzungen zwischen Pegida, Politik, Medien, Zivilgesellschaft und Sozialwissenschaften“ nach. Unter der Herausgeberschaft des Soziologen Tino Heim versammeln sich elf Beiträge, die meist von jungen Sozialwissenschaftlern aus Dresden stammen. Bereits der Haupttitel macht die Absicht deutlich, die Relationen und Wechselwirkungen von Pegida zu anderen Akteuren und Institutionen zu untersuchen.

Es geht los mit einem Beitrag von Antifa Recherche Team Dresden zur Entwicklung der rechten Bewegung. Stefan Fehser deutet Pegida als eine Entfesselung bestehender Dispositionen, Philipp Knopp fragt nach der Deutung gesellschaftlicher Krisen im Pegida-Diskurs, Francesca Barp und Hannah Eitel sehen im Extremismus-Paradigma eine Verharmlosung der Bewegung und Maria Steinhaus, Tino Heim und Anja Weber fragen nach den Besonderheiten Sachsens als Ursprungsland der Bewegung. Danach folgt ein Interview mit Justus H. Ulbricht als Modertor kommunalpolitischer Bürgerversammlungen und ein Erfahrungsbericht von Petra Schickert und Markus Kemper als Mitarbeiter Mobiler Beratung. Anschließend gibt Peter Ullrich einen Einblick in die gegenwärtige Protestforschung, Marc Drobot und Martin Schroeder sehen in Pegida ein Fundamentalismus-Phänomen, Luisa Keller und David Berger gehen auf die Instrumentalisierung von Angst durch Pegida ein und Tino Heim schließt mit einer Erörterung zum Verhältnis von Pegida, Politik und Massenmedien.

Allein die in den Angaben enthaltenen Fragestellungen machen deutlich, dass durchaus innovative Ansätze genutzt und neue Erkenntnisse formuliert wurden. Bereits die Deutung von Pegida als Element einer Entfesselung bestehender Dispositionen macht klar, dass sich hier etwas manifest artikulierte, was latent bereits längere Zeit zuvor bestand. Aber auch die Beiträge zur Deutung gesellschaftlicher Krisen durch Pegida und deren Umfeld verdienen Beachtung. Denn die dort gewonnenen Erkenntnisse können auf Analysen zu den Erfolgen der AfD übertragen werden. Gleiches gilt für die Frage nach der Instrumentalisierung von Angst. In den damit einhergehenden Deutungen besteht der Erkenntniswert des Bandes. Gleiches gilt auch für die Betrachtung von Pegida über die Fundamentalismus-Kriterien, wobei man sich auch eine ähnliche Analyse mit den Extremismus-Kriterien hätte vorstellen können. Etwas zu einfach machen es sich aber manche Autoren, wenn sie monokausal und stereotyp auf den Einfluss des Kapitalismus auf das gemeinte Phänomen verweisen.

Dies erklärt sich mit dadurch, dass die Beiträge einen vom Herausgeber selbst betonten politischen Charakter (vgl. S. 17) haben. Immer dann wenn aber die analytische Dimension von der politischen Motivation überlagert wird, kommt es zu Schiefen und Verzerrungen. Mustergültig dafür ist der Beitrag über das Extremismus-Paradigma, das die Bewegung nicht erkläre und sie verharmlose. Dabei beziehen sich die Autoren auf die Deutungen von Werner Patzelt, der aber selbst gar kein Extremismusforscher ist. Dafür kommen die Analysen zu Pegida aus der Perspektive der Extremismusforschung noch nicht mal im Literaturverzeichnis vor. Hätte man mehr bibliographiert und weniger ideologisiert, wäre vielleicht ein differenzierteres Bild entstanden. Denn wenn es dann mit der „Logik der Kapitalakkumulation“ (S. 370) weitergeht, wird es ein wenig platt. Zwar haben ökonomische und soziale Aspekte sehr wohl etwas mit dem Phänomen zu tun. Aber eine differenzierte Analyse müsste diese Faktoren doch differenzierter betrachten.

Tino Heim (Hrsg.), Pegida als Spiegel und Projektionsfläche. Wechselwirkungen und Abgrenzungen zwischen Pegida, Politik, Medien, Zivilgesellschaft und Sozialwissenschaften, Weisbaden 2016 (Springer VS), 450 S.