Donnerstag, 01. Dezember 2016

„Bürgerliche Scharfmacher“ – ein journalistisches Buch über AfD, Pegida & Co.

Der Fachjournalist Andreas Speit legt mit „Bürgerliche Scharfmacher. Deutschlands neue rechte Mitte – von AfD bis Pegida“ ein Buch über die Entwicklung der im Untertitel genannten Akteure vor. Einerseits beeindruckt es durch die vielen Detailkenntnisse des Autors, andererseits fehlt es ihm an Analyse und Deutung.

Buchcover: Bürgerliche Scharfmacher

Vor fünf Jahren gab es noch keine „Alternative für Deutschland“ (AfD), die regelmäßig mit über 10 Prozent der Stimmen in die Parlamente einzog. Vor fünf Jahren gab es auch noch keine „Patrioten Europas gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (PEGIDA), die bis um die 20.000 Demonstranten mobilisieren konnten. Und vor fünf Jahren fand eine intellektuelle Neue Rechte wie die um das Magazin „Sezession“ kaum öffentliche Aufmerksamkeit, war aber mit Konferenzen und Zeitschriften schon präsent. Der Blick zurück macht deutlich, dass sich auf der Erscheinungsebene des Politischen ein „Rechtsruck“ vollzogen hat. Latent waren einschlägige Einstellungen und Potentiale bereits länger vorhanden, sie wurden aber erst durch die erwähnten Bestrebungen manifest. Für den Fachjournalisten Andreas Speit, der auch für die taz und den Zeit-Blog Störungsmelder schreibt, handelt es sich dabei um „Bürgerliche Scharfmacher“. So lautet jedenfalls der Titel seines Buchs zum Thema: „Bürgerliche Scharfmacher. Deutschlands neue echte Mitte – von AfD bis Pegida“.

Der von den beiden letztgenannten Akteuren „befeuerte Rechtstrend“, so die Einschätzung von Speit, „wird die Mitte der Gesellschaft und die Parteien der Mitte weiter erfassen“ (S. 10). Er geht davon aus, dass ein Aufgreifen oder Nachahmen ihrer Positionen und Themen einen aufputschenden Effekt habe. Um diese Dimension zu verstehen, muss man die Protagonisten kennen. Dazu lädt das Buch, das aus drei großen Kapiteln besteht, ein. Zunächst behandelt der Autor die AfD und deren Entwicklung. Dabei erinnert er noch einmal an die Anfänge unter Bernd Lucke und beschreibt danach den „Rechtsruck“ in der Partei unter Frauke Petry. Dem folgt ein ausführliches Kapitel zur „Neuen Rechten“ und dem „Institut für Staatspolitik“, das sich als „Denkfabrik“ für eine „Kulturrevolution von rechts“ versteht. Speit beschäftigt sich auch ausführlicher mit den Vordenkern in Gestalt der „Konservativen Revolution“. Darüber hinaus wird ebenso die Bedeutung der „Identitären Bewegung“ und der „Jungen Freiheit“ in diesem Kontext angesprochen

Und schließlich behandelt der dritte Teil die PEGIDA-Bewegung. Speit geht auf die Entwicklung von der Facebook-Gruppe bis zum Orga-Team ein, thematisiert den Führungsstreit und die Trennungen, aber auch die Nachahmer und Nachzieher. In diesem Kontext gibt es auch Ausführungen zu Randfiguren im Umfeld wie etwa Jürgen Elsässer oder Akif Pirincci. Am Ende finden sich noch abschließende Betrachtungen, welche die erwähnten Akteure als „Autoritäre Revolte einer sozialen Bewegung von Rechts“ (S. 289) deuten. Bilanzierend heißt es dann zu deren Dimensionen und Wirkung: „In den vergangenen zwei Jahren hat diese soziale Bewegung unterstützt durch die Neue Rechten, die politische Atmosphäre nachhaltig verändert. Die Grenzen zu den rechten Spektren haben sie alle von AfD, übe Pegida und Compact bis Neue Rechte selbst entgrenzt. Sie bilden die Falange der neuen Rechten in Deutschland. Ihr Kulturkampf ist nicht beendet. Diese Auseinandersetzung wird nicht nur in den Parlamenten geführt“ (S. 332).

Speit legt zu dieser Entwicklung ein anschaulich geschriebenes Buch vor. Er ist Journalist und daher handelt es sich auch um ein journalistisches Werk. Denn der Autor beschreibt die erwähnten Entwicklungen reportagenartig. Detailliertere Analysen und Einschätzungen findet man demgegenüber nicht. Zwar referiert Speit immer wieder die Ergebnisse der Forschung, aber bei eigenen Einschätzungen hält er sich eher zurück. So formuliert der Autor zwar die Aussage, wonach es eine „Entkultivierung durch Neoliberalismus“ (S. 325) gegeben habe, ohne dass diese Feststellung genauer belegt oder in einen Wirkungskontext integriert wird. Auch die Formulierung „Autoritäre Revolte einer sozialen Bewegung von rechts“ hätte eine Einbettung des Geschilderten in die Kontroverse um Rechtsextremismus aus Sicht der Bewegungsforschung nach sich ziehen können. All dies hat Speit nicht gemacht, wohl auch nicht beabsichtigt. Insofern darf man die Erwartungen nicht zu hoch hängen: Es handelt sich um ein kompetentes journalistisches Buch zum Thema, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Andreas Speit
Bürgerliche Scharfmacher. Deutschlands neue rechte Mitte – von AfD bis Pegida

Orell Füssli Verlag, Zürich, 2016
349 Seiten, 19,95 Euro