Donnerstag, 22. Januar 2015

Migrationsbericht 2013 – Kaum passende Zahlen für Pegida-Jünger dabei

Jährlich im Januar veröffentlicht das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) im Auftrag der Bundesregierung den Migrationsbericht für Deutschland. Aktuell dürfte die Aufmerksamkeit für den Bericht durch die fremdenfeindlichen Pegida-Demonstrationen und durch die insgesamt steigenden Zuzugszahlen deutlich höher ausfallen als in anderen Jahren. Dabei liefert die Publikation eher Zahlen, die gegen die Aktivitäten der Pegida sprechen.

Grafik Wanderungssaldo (Grafik: ENDSTATION RECHTS.)

Die Zahl der Zuzüge ist 2013 im Vergleich zum Vorjahr um 13,5 Prozent auf 1.226.493 Personen gestiegen. Auch die Zahl der Fortzüge aus Deutschland nahm 2013 um 12,1 Prozent zu und lag bei 797.886 Personen. Im Saldo ergibt dies für Deutschland ein Wanderungsplus von 428.607 Personen.

Nach Deutschland kommen vor allem Europäer

61,5 Prozent der Zuzüge erfolgten 2013 aus Mitgliedsländern der Europäischen Union. Im Wanderungssaldo beträgt der Anteil von Personen aus der EU ganze 66 Prozent. Betrachtet man den gesamten Kontinent, so gehen 2013 drei Viertel des deutschen Wanderungsplus auf europäische Länder zurück. Da hierzu mehrheitlich keine muslimisch geprägten Länder zählen, ist eine Islamisierung qua Zuzug, wie sie von Pegida suggeriert wird, derzeit mehr als unwahrscheinlich. Der Anteil der Zuwanderung aus den beiden einzigen mehrheitlich islamisch geprägten Ländern Albanien und dem Kosovo liegt bei gerade einmal 2,1 Prozent der europäischen Zuwanderung.

Weiterhin unangefochten an der Spitze bei den Zuwanderungsländern steht Polen mit einem Saldo zwischen Zu- und Fortzügen von inzwischen 71.610 Personen. Auf Platz zwei liegt wie bereits 2012 Rumänien, ebenfalls mit einem leichten Plus im Wanderungssaldo. Auf dem dritten Platz folgt dann Italien mit einem Wanderungssaldo von 32.748 Personen.

Was auf den ersten Blick wie die verschärfte Auswirkung der Finanzkrise in Südeuropa aussieht, wird bei genauerem Hinschauen zu einem Effekt der Krisen in Afrika und im mittleren Osten. Zwar ist auch der Zuzug von Italienern gestiegen. Die Werte lagen aber nicht wesentlich höher als in anderen südeuropäischen Ländern. Deutlich gestiegen ist hingegen gegenüber 2012 der Anteil von Nicht-Italienern, die über Italien nach Deutschland kamen. Hier gab es im Saldo ein Wanderungsplus von 4.070 Personen auf 9.443 Personen. Italien ist, das machen die Zahlen bereits im Migrationsbericht 2012 deutlich, Transitland für Flüchtlinge aus Gegenden südlich und östlich des Mittelmeeres. Ein Anstieg dieser Zahlen im Migrationsbericht 2014 kann somit bereits heute prognostiziert werden.

2013 kamen weniger Bulgaren als noch im Vorjahr

Insgesamt sind die sieben Hauptzuzugsländer dieselben wie bereits 2012, mit bis auf Italien lediglich leichten Verschiebungen zum Vorjahr. Ungarn, Bulgarien und Griechenland verzeichnen beim Wanderungssaldo sogar ein leichtes Minus, aus diesen Ländern kamen in der Summe 2013 somit weniger Menschen nach Deutschland als noch im Vorjahr.

Deutlich gestiegen ist die Abwanderung in Richtung Türkei. 2013 gingen 7.254 Menschen mehr in Richtung Türkei, als von dort zuzogen. Auch das übrigens ein Argument, das deutlich gegen die Argumente von Pegida-Jüngern spricht. Zudem ein Indiz, dass Deutschland für die größte ethnische Gruppe von Muslimen im Land an Attraktivität verliert.

Gemessen an der Bevölkerung im Herkunftsland erfolgte der höchste Zuzug aus Bulgarien. Die 59.323 Zuzüge aus dem Balkanland entsprechen 0,8 Prozent der Landesbevölkerung – zumindest nach Stand von 2011. Sowohl Bulgarien als auch Rumänien haben die letzten offiziellen Bevölkerungszahlen 2011 veröffentlicht. Wer sich die Wanderungsbewegungen allein nach Deutschland anschaut, kann erahnen, warum dies so ist.

Im Wanderungssaldo liegt gemessen an der Wohnbevölkerung aber ein anderes Land ganz vorn: Kroatien. Bei gerade einmal 4,3 Millionen Einwohnern entspricht der für Kroatien negative Wanderungssaldo von 12.447 Personen beinahe 0,3 Prozent der Bevölkerung. Kroatien hat mit einem Plus im Wanderungssaldo von 11.384 Personen im Vergleich zum Vorjahr auch den höchsten Anstieg eines europäischen Landes zu verzeichnen.

Die Ursache hierfür ist eine ganz einfache: Kroatien wurde am 1. Juli 2013 Vollmitglied der Europäischen Union. Bei einer Arbeitslosenquote von 15,3 Prozent im Jahresdurchschnitt 2013 ist es daher mehr als nachvollziehbar, dass die Kroaten die Möglichkeiten der europäischen Freizügigkeit nutzen.

Der syrische Bürgerkrieg, der 2012 im Migrationsbericht noch keine Rolle spielte, wird im Migrationsbericht 2013 deutlich sichtbar. Für 2013 erstaunt weniger, dass Deutschland insgesamt einen Zuzug von 18.789 Personen aus Syrien zu verzeichnen hatte, sondern vielmehr, dass trotz aller Widrigkeiten knapp 2.000 Personen zurück nach Syrien gegangen sind. Auch hier, ähnlich wie bei Italien, liegt die Prognose von steigenden Zuzugszahlen im Migrationsbericht 2014 geradezu auf der Hand.

Unterm Strich geht das Abendland nicht unter – überm Strich auch nicht

Und unterm Strich? Der Migrationsbericht 2013 macht deutlich, dass das Abendland weder untergeht noch seine Islamisierung fürchten muss. Deutschland verzeichnet eine weiterhin steigende Zuwanderung vorwiegend aus dem europäischen Raum, wobei diese im Saldo durchaus Werten entspricht, die Mitte der 90er Jahre noch als notwendiger Zuzug zur Bewältigung des demografischen Wandels angesehen wurden. Der Anteil an Asylbewerbern an allen Zuzügen lag 2013 bei knapp oberhalb von zehn Prozent. Und: Zuwanderung trägt, betrachtet man die Altersstruktur der Zugewanderten, zur Verjüngung der deutschen Bevölkerung bei.

Ein Argument können sich Pegida-Anhänger dann aber doch noch aus dem Migrationsbericht 2013 zusammenklauben – zumindest, wenn sie in der Lage sind, die letzte Ausgabe daneben zu legen und die richtigen Tabellen zu vergleichen. Der Anteil der ausländischen Bevölkerung in Sachsen stieg nämlich 2013 um ganze 0,3 Prozentpunkte auf 2,5 Prozent an, was einem Plus von 9.430 Personen entspricht. Trotz dieses Zuzugs nahm die sächsische Bevölkerung um 3.819 Personen ab.

Und muss diese Entwicklung nicht zwangsweise zum Untergang des Abendlandes führen? Nein, muss sie und wird sie auch nicht.

Stellt man sich einmal dumm und nimmt völlig realitätsfern an, dass die absoluten Zahlen des Bevölkerungsrückgangs und der Zuwanderung konstant blieben, dann würde in Sachsen im Jahr 2045 der Ausländeranteil erstmals die Marke von zehn Prozent an der Gesamtbevölkerung erreichen.

Und selbst wenn man diese Milchmädchenrechnung fortführt und eine völlige Integrationsunwilligkeit aller Ausländer als zwingend voraussetzte, dauert es von heute an noch 168 Jahre, bis der Ausländeranteil in Sachsen höher wäre als der Anteil der Deutschen.

Es ist völlig hanebüchen, eine Bevölkerungsprognose für das Jahr 2183 abzugeben. Zu prognostizieren, dass Pegida bis dahin wieder in der Versenkung verschwunden sein wird, ist deutlich realistischer. Und vielleicht berichtet die AfD dann auch wieder als erstes von der Auflösung des Pegida-Vereins.