Sonntag, 11. Januar 2015

Wieschke aussortiert

Der NPD-Landesverband Thüringen hat einen neuen Vorsitzenden: Tobias Kammler. Der bisherige Landesgeschäftsführer tritt in die Fußstapfen von Patrick Wieschke, der nicht für eine weitere Amtszeit kandidiert hatte. Intern dürfte der Wechsel an der Landesspitze mit Erleichterung aufgenommen werden, machen doch nicht wenige Anhänger den langjährigen Spitzenkader für das Scheitern bei der Landtagswahl im September verantwortlich.

Aussortiert: Patrick Wischke (Foto: Lars Klingenberg, Archiv)

Es war ein Rückzug auf Raten: Nachdem Patrick Wieschke sich nach der Schlappe bei der Landtagswahl in Thüringen bereits aus dem Bundesvorstand der NPD zurückgezogen hatte, kandidierte der 33-Jährige auf dem gestrigen Landesparteitag in Eisenach nicht mehr als Landeschef. Sein Nachfolger wird der bisherige Landesgeschäftsführer der thüringischen NPD und enge Wieschke-Vertraute, Tobias Kammler. Nach Parteiangaben wurde der Kreistagsabgeordnete des Wartburgkreises unter den Augen des blassen NPD-Bundesvorsitzenden Frank Franz und „Nazi-Hipster“ Patrick Schröder mit 93,6 Prozent der Stimmen gewählt.

Kammler soll von den Freien Kameradschaften, bei denen er seit seinem 15. Lebensjahr mitmischte, zur NPD gestoßen sein. Dort wurde er bereits 2006 in den örtlichen Kreisvorstand gewählt. Zuletzt arbeitete der frühere Student der Staatswissenschaften an der Universität Erfurt als hauptamtlicher NPD-Funktionär in der Landesparteizentrale in Eisenach. Für die NPD-nahe, von Wieschke verantwortete Postille „Wartburgkreisbote“ griff der 1986 geborene Kader, der zusätzlich die Pressestelle der Rechtsextremisten betreut, zur Feder. Zur Landtagswahl kandierte Kammler auf Platz 3 der NPD-Liste.

Neonazis unzufrieden

Unterstützt wird Kammler als Vize von Thorsten Heise, der im letzten Jahr als möglicher NPD-Bundesvorsitzender gehandelt wurde. Der einstige Aktivist der verbotenen FAP und Strippenzieher im Rechtsrock-Business ist mehrfach vorbestraft, u. a. wegen schwerer Körperverletzung, Landfriedensbruch, Nötigung oder Volksverhetzung. 2007 sicherten Spezialisten der Polizei bei einer Razzia auf seinem Anwesen in Fretterode drei Waffen, darunter einen Maschinenpistole. Ein Sprung in der Hierarchie gelang Landesorganisationsleiter Patrick Weber. Fortan fungierte der Anmelder eines der größten Rechtsrock-Konzerte des Jahres „In.Bewegung“ als stellvertretender Landesvorsitzender. Der bekannte niedersächsiche Neonazi Dieter Riefling kommentierte die Neuaufstellung mit den Worten, Thüringen sei nun auch verloren. 

Der Weimarer Stadtrat Jan Morgenroth, ein 39-jähriger Zahntechniker, komplettiert gemeinsam mit Hendrik Heller, Antje Vogt, David Köckert, Philipp Rethberg und Ralf Friedrich den Vorstand der NPD Thüringen. Köckert, früher nach eigenen Angaben Mitglied der „Alternative für Deutschland“ (AfD), gilt als treibende Kraft hinter den rassistischen Protesten in seiner Heimatgemeinde Greiz.

Vergangenheit holt Wieschke endgültig ein

In seinem Rechenschaftsbericht räumte Wieschke „Fehler“ in der Vergangenheit ein, die ihn eingeholt hätten. Wahrscheinlich meinte er damit die Ermittlungsverfahren, die ein linkes Rechercheprojekt in der heißen Wahlkampfphase öffentlich gemacht hatte. Laut den Akten von Polizei und Staatsanwaltschaft war gegen den wegen der Anstiftung zu einem Anschlag auf einen Döner-Imbiss vorbestraften NPD-Mann wegen des Verdachts des Missbrauchs eines 12-jährigen Mädchens und eines tätlichen Übergriffs auf seine Mutter und seine jüngere Schwester ermittelt worden. Die Schläge gegen seine Familie soll das frühere Bundesvorstandsmitglied laut Aktenlage eingeräumt haben. Trotzdem sprach er gestern in Eisenach von teilweise „erstunkenen und erlogenen“ Vorwürfen.

Bei der Landtagswahl am 14. September 2014 war die NPD trotz eines aufwendig geführten Wahlkampfes mit mehr als 90 Kundgebungen nicht über 3,6 Prozent der Stimmen hinausgekommen. Beobachter machen neben der verschlechterten Ausgangssituation – die Partei war zwei Wochen vorher in ihrem Stammland Sachsen an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert – die dunkle Vergangenheit ihres Spitzenkandidaten Wieschke dafür verantwortlich.