Dienstag, 07. Januar 2014

„Wiege des Schicksals“ - Wenn Neonazi-Musiker Kommunalpolitik machen

„Wiege des Schicksals“ gehört zu den umtriebigen Neonazi-Bands in Mecklenburg-Vorpommern. Die Aktivitäten der Mitglieder beschränken sich nicht nur auf die Verbreitung von Hassparolen in Liedform – mindestens ein Musiker soll Medienberichten zufolge auch kommunalpolitisch und in der örtlichen Freiwilligen Feuerwehr aktiv sein. Das bestätigt die Antwort des Innenministeriums auf eine kleine Anfrage der Linken-Abgeordneten Barbara Borchert. Jedoch ohne Ross und Reiter zu nennen.

Wiege des Schicksals-CD (Foto: Screenshot)

Die Vorankündigungen waren bereits Wochen vorher zu lesen, im letzten Dezember war es dann soweit. Beim Dresdner Rechtsrock-Label „OPOS Records“ erschien ein Solidaritätssampler, auf dem neun Bands aus dem Osten von Mecklenburg-Vorpommern vertreten sind. Die Gewinne des Projektes mit dem Motto „Aus Liebe zur Heimat“, so ist es auf der Webseite des Neonazi-Netzwerkes „Freies Pommern“ zu lesen, sollen ausschließlich in die lokale Arbeit vor Ort fließen. Mit ihrem Kauf würden die musikbegeisterterten Gesinnungsgenossen „den Erhalt und den Aufbau nationaler Projekte“ unterstützen, rührt die Seite kräftig die Werbetrommel.

Neben den bekannteren Hassbands „Stimme der Vergeltung“, „Thrima“, „Überzeugungstäter“ oder „Kommando Ost“ haben auch Gruppen, die bislang noch nicht so häufig in Erscheinung getreten sind wie „Mythos Pommern“, „Saw Cross Lanes“, „Ruf der Freiheit“ und „Mein Gang, ihr Untergang“, Songs beigesteuert. Stilistisch wird das gesamte Spektrum brauner Musik bedient. Neben klassischem Rechtsrock finden sich auch Balladen oder der momentan besonders angesagte „NSHC“ oder „Hatecore“.

Zwei Lieder – „Volkstod“ und „Es soll alles so sein“ – des Soli-Samplers stammen von „Wiege des Schicksals“. Mit der Band aus Vorpommern-Greifswald, die 2012 u. a. beim Pressefest der NPD-Postille Deutsche Stimme gemeinsam mit der neuen Band des vorbestraften Ex-Landser-Sängers Michael Regener, „Die „Lunikoff Verschwörung“, in Viereck aufgetreten war, beschäftigt sich nun eine Kleine Anfrage der Linken-Abgeordneten Barbara Borchardt (pdf-Dokument). Zuvor hatte ein umfassender Artikel der taz die Aktivitäten eines Bandmitgliedes öffentlich gemacht. Dem Blatt zufolge sitzt der gelernte Straßenbauer Ralf S. nicht nur als parteiloser Abgeordneter im Gemeindeparlament von Postlow, er sei außerdem stellvertretender Wehrführer der örtlichen Freiwilligen Feuerwehr. Der Sänger der Kapelle, Daniel R., habe laut dem Buch „Heile Welten. Rechter Alltag in Deutschland“ eine Hetzrede auf einer Wahlkampfveranstaltung eines ebenfalls parteilosen Kandidaten in Bargischow gehalten.

Indirekt bestätigt die Antwort des Innenministeriums auf die Kleine Anfrage die Informationen der beiden Recherchen – ohne jedoch Ross und Reiter zu nennen. Vielmehr verweisen die Verfasser des Dokuments auf die beiden Medienveröffentlichungen und berufen sich ansonsten auf ihren Geheimhaltungsvorbehalt. Darüber hinaus hält die Drucksache aber ein paar interessante Details über die Musiker bereit, die normalerweise auf der Bühne zu Stücken wie „Die Presse lügt“, „Germanien“ oder „Bunt statt braun“ lärmen.

So seien die Mitglieder von „Wiege des Schicksals“, die den Sicherheitsbehörden teilweise seit 2005 als Aktivisten der lokalen Neonazi-Szene bekannt sind, bislang sieben Mal strafrechtlich in Erscheinung getreten. Die Liste der Delikte ist mit einem besonderes schweren Fall von Landfriedensbruch, Sachbeschädigung, Volksverhetzung, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, einem Verstoß gegen das Versammlungsgesetz sowie gegen das Gaststättengesetz, das Pressegesetz und gegen das Waffengesetz (Mitführen einer Luftdruckwaffe ohne den erforderlichen Waffenschein) recht lang. Hinzu kommen darüber hinaus Üble Nachrede und Verleumdung gegen Personen des öffentlichen Lebens. Verstöße gegen das Straßenverkehrsgesetz und das Pflichtversicherungsgesetz, die am 8. Mai 2012 begangen wurden, runden die Zusammenstellung ab.

Mit einem eigenen Tonträger trat die Neonazi-Band – als solche wird sie auch von der Landesregierung bewertet – zum letzten Mal 2012 in Erscheinung. Verlegt wurde „Für des Volkes Freiheit“ ebenfalls bei „OPOS Records“. Untätig waren die Rechtsrocker trotzdem nicht. Neben den beiden Songs der „Pommern-CD“ stampfte ihr Sänger gemeinsam mit den „Überzeugungstätern“ eine neue Band aus dem Boden. In welche Richtung es bei dem selbstbetitelten Tonträger von „Ahnenblut“ geht, offenbart schon der erste Blick in die Trackliste. Das zehnte Lied heißt: „Deutschland den Deutschen“.