Freitag, 13. Mai 2016

Mehr Veranstaltungen: Neonazi-Konzertsommer steht vor der Tür

Anfang Mai feierten gut 3.500 Neonazis auf dem größten Rechtsrock-Festival der letzten Jahre im thüringischen Hildburgshausen, schon stehen die nächsten Konzerte vor der Tür. Die Szene zeigt sich vital, Beobachter und Behörden registrieren wieder mehr Veranstaltungen als in den Vorjahren. Wahrscheinlich auch, weil mit der braunen Erlebniswelt gutes Geld zu verdienen ist.

Besucher eines Rechtsrock-Konzerts in Sondershausen (Foto: Oliver Cruzcampo, Archiv)

Am 28. Mai wird die Dortmunder Neonazi-Band „Oidoxie“ auf dem „Eichsfeldtag“ ihre neue CD vorstellen. Fans könnten bei dieser Gelegenheit „limitierte, signierte Exemplare erstmals vor Ort beim Händler eures Vertrauens“ erwerben, schreibt der örtliche NPD-Kreisverband in der Veranstaltungs-Ankündigung auf seiner „Weltnetz“-Seite. Chef der Gliederung ist der einschlägig vorbestrafte Thorsten Heise, der das Rechtsrock-Festival organisiert.

Neben „Oidoxie“, über die der Rechtsextremismus-Experte Jan Raabe vor dem nordrhein-westfälischen NSU-Untersuchungsausschuss sagte, sie propagiere den „führerlosen Widerstand“ und habe für den bewaffneten Arm von „Blood & Honour“, „Combat 18“, geworben, sollen im Eichsfeld laut einem Werbe-Flyer außerdem u. a. „Tätervolk“ aus Mecklenburg-Vorpommern, die 2008 einen Tonträger mit dem Namen „Nicht ohne Addi“ veröffentlichten, und der Neonazi-Barde Frank Rennicke auf der Bühne stehen. Rennicke, von dem mehrere Veröffentlichungen durch die Bundeszentrale für jugendgefährdende Medien indiziert wurden, kandidierte 2009 und 2010 erfolglos für die NPD als Bundespräsident.

Im letzten Jahr fanden 500 Rechtsrock-„Fans“ den Weg in die thüringische Provinz, obwohl die Veranstalter mit der „Lunikoff Verschwörung“ um den wegen Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung verurteilten Michael Regner ein zugkräftiges Szene-Urgestein aufboten. Damit lagen die Besucherzahlen deutlich unter denen des „Rock für Identität“, das Anfang Mai rund 3.500 Neonazis nach Hildburgshausen gelockt hatte. Das von dem umtriebigen Neonazi Tommy Frenck auf die Beine gestellte Konzert, bei dem es auch Redebeiträge des NPD-Mannes David Köckert oder des bayerischen Die Rechte-Kaders Dan Eising gegeben haben soll, ist das größte Open Air dieser Art seit mindestens sechs Jahren. Trotzdem lässt sich die lokale Zivilgesellschaft nicht kleinkriegen, während Frenck, der außerdem das Unternehmen „Druck 18“ betreibt, am Sitz seines Gasthauses „Zum Goldenen Löwen“ in Kloster Veßra für den 18. Juni die nächste Kundgebung mit „Nahkampf“ ankündigt.

Konzertzahl steigt

Der thüringische Verfassungsschutz zählte in diesem Jahr bereits 17 extrem rechte Konzerte – und damit zehn mehr als im gleichen Vorjahreszeitraum – im Freistaat. Der Geheimdienst stuft die Veranstaltungen nicht nur wegen der dort gespielten rassistischen Liedtexte, sondern auch wegen ihrer Eigenschaft als Mittel zur Mitgliederrekrutierung als problematisch ein. Die Thüringer Zahlen sind mit den Angaben auf Bundesebene, aus denen die Welt zitiert, indes schwer in Einklang zu bringen – selbst, wenn es sich in der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Fraktion der Linken nur um vorläufige Zahlen handelt. Bundesweit zählten die Schlapphütte hiernach nämlich 15 Konzerte mit 1.500 Besuchern von Januar bis März. Im gesamten vergangenen Jahr seien es 71 gewesen, an denen ca. 12.000 Rechtsrock-Begeisterte teilgenommen hätten. In Mecklenburg-Vorpommern registrierten die Sicherheitsbehörden 2015 einen Anstieg um fünf auf nun 25 Konzerte; zwei Veranstaltungen wurden im Vorfeld verboten.

Vieles deutet daraufhin, dass der Vorjahreswert 2016 übertroffen werden wird. Am 2. Juli geht das von der NPD, der antisemitischen Europäischen Aktion (EA) oder der „Gefangenenhilfe“ unterstützte „In Bewegung – das politische Fest der Nationalen“ in die dritte Runde, nachdem es 2015 nicht stattgefunden hatte. Das Rechtsrock-Open Air in Sondershausen (Thüringen), das sich mit seinem „umfangreichen Kinderprogramm“ den Charakter eines „Familienausfluges“ verpassen will, wirbt neben der unvermeidlichen „Lunikoff Verschwörung“ auch mit dem früheren NPD-Chef und jetzigen Abgeordneten im Europaparlament, Udo Voigt, und seinem Parteifreund und Organisator, Patrick Weber, als Rednern.

Nicht zu vergessen ist die wirtschaftliche Bedeutung des gesamten Rechtsrock-Sektors für die Szene. Die Umsätze lassen sich anhand der Ticketpreise schätzen, hinzu kommen mögliche Gewinne aus dem Verkauf von Getränken und Essen sowie Standgebühren der zahlreichen Devotionalien-Händler, von denen freilich die Kosten abgezogen werden müssen.