Freitag, 09. Juni 2017

„Sächsische Verhältnisse“ in Meißen?

Im Rahmen des Literaturfestes in Meißen wurde gestern mit dem Buch „Unter Sachsen – Zwischen Wut und Willkommen“ eine kritische Bestandsaufnahme rechter Tendenzen im Freistaat vorgestellt. Vorab war es zu teils heftigem Widerstand seitens Lokalpolitikern und Bürgern der Stadt gekommen.

Weit mehr als die ursprünglich erwarteten 200 Besucher fanden sich im Ratssaal des Meißener Rathauses ein, die Lesung zog bundesweit viel Aufmerksamkeit auf sich. Unbeabsichtigt viel, wie Daniel Bahrmann, der Veranstalter, anmerkte. Zwischenzeitlich war sogar unklar, ob die Veranstaltung überhaupt stattfinden könne. Die Stadt argumentierte mit vorgeschobenen, verwaltungsrechtlichen Gründen: Der Ratssaal stehe nicht für politische Veranstaltungen zur Verfügung und der Inhalt der Diskussion sei vorher nicht abgesprochen worden. Nebenbei wurden den Veranstaltern zusätzliche Auflagen vorgesetzt.

Für widersprüchlich hält dies der tragende Kulturverein, schließlich finde in den gleichen Räumlichkeiten auch traditionell der politische Aschermittwoch statt und das Programm des Festivals sei vom Oberbürgermeister persönlich mit vorgestellt worden. „Wenn wir als Bürger dieser Stadt grundsätzlich und speziell auch zum Literaturfest auf den Anspruch verzichten würden, uns im Rathaus offen zu artikulieren, so wäre das doch ein fatales Zeichen“, erklärte Walter Hannot, Vorsitzender des Meißener Kulturvereins.

„Es konnte kein bequemes Buch werden“

Für Aufsehen sorgte vorab eine Reaktion des CDU-Politikers Jörg Schlechte. Das Buch nannte er „Dreck“, eine Lesung im Ratssaal für ihn undenkbar. Schlechte ist Mitglied in der Stadtratsfraktion der CDU. Noch zumindest, denn nach wiederholten fremdenfeindlichen Ausfällen und der – laut CDU-Mitteilung – Bedrohung einer Landtagsabgeordneten auf Facebook eröffnete der CDU-Stadtverband ein Ausschlussverfahren gegen den umstrittenen Lokalpolitiker.

Rückendeckung bekommt Schlechte dabei unter anderem von seinem Ex-Stadtratskollegen und Pegida-Mitorganisator Thomas Tallacker, der mit nicht weniger rassistischen Aussagen in sozialen Medien von sich reden machte und mittlerweile auch in die AfD eingetreten ist.

Ohne Gegenrede lief die Veranstaltung jedoch nicht ab: Mehrfach kam es zu Störungen durch Zwischenrufe, eine Person beklagte sich über eine öffentliche „Denunzierung“. Aus dem Publikum kamen Kritik und Vorwürfe über die angeblich einseitige Betrachtungsweise, das vermeintliche „Sachsen-Bashing“ bis hin zu Besuchern, die „Systempropaganda“ hinter dem Werk witterten und sich von „Gutmenschen und Bahnhofsklatschern“ distanzierten. Auch Daniel Z., eine der beiden Personen, die 2015 einen Brandanschlag auf eine geplante Flüchtlingsunterkunft in Meißen verübt hatten, war gestern Abend zugegen.

Von Pegida, Dönernazis und der CDU

Dabei wurde „Unter Sachsen“ jedoch mehrheitlich positiv aufgenommen. Die Autoren wurden gelobt für die differenzierte und kritische Recherche zu einem gesellschaftlich bedeutenden Thema. Über 40 verschiedenen Autoren, viele, die selbst in Sachsen leben oder eine starke Verbindung zum Land haben, beschäftigen sich in dem Werk mit Themen wie Pegida, dem NSU und dem Vorwurf der Relativierung des Problems durch die sächsische CDU.

Daneben setzten sie sich aber auch satirisch mit dem hiesigen Lokalpatriotismus oder dem Phänomen döner-essender Neonazis auseinander. Nicht oberlehrerhaft, sondern gespickt mit persönlichen Erfahrungen will der Band der Frage nachgehen, warum gerade in Sachsen fremdenfeindliche und rassistische Tendenzen im Vergleich zu anderen Bundesländern relativ stark zutage tritt.

Dass diese Sichtweise tatsächlich beim Leser ankommt, beweisen die vielen zustimmenden Wortmeldungen während der „Fragerunde“, welche sich schnell zu einer lebhaften Diskussion – obwohl diese ja eigentlich untersagt war – entwickelte. Bemerkenswerterweise wurden die Vorwürfe, etwa in Bezug auf eine einseitige Darstellung Sachsens, auch mit Gegenargumenten aus dem Publikum beantwortet. Kritik erntete vor allem die Stadt: Der Stadtrat Andreas Graff (Die Linke) äußerte sein Unverständnis über die Einschränkung der Veranstaltung und zweifelte die Entscheidung als undemokratisch an.

Trotz oder gerade aufgrund der Vorgeschichte der Veranstaltung zeigte sich Veranstalter Bahrmann jedoch erleichtert: Einerseits über den mehr oder weniger reibungslosen Ablauf der Lesung und andererseits über die Offenheit und Diskussionsfreude des Publikums.