Montag, 30. November 2015

Abgrenzung zu Gewalt: Rechtspopulisten betreiben „Augenwischerei“

Noch immer ist in vielen Medien im Zusammenhang mit den rassistischen Demonstrationen der Pegida-„Bewegung“, ihrer Ableger oder sonstiger vermeintlicher Bürgerinitiativen verharmlosend von „besorgten Bürgern“ die Rede. Dabei sind viele „Spaziergänger“ nicht besorgt, sondern wütend. Sie billigen Gewalt gegen Schwächere, insbesondere Flüchtlinge, tragen diese mit und befeuern sie, wie eine neue Studie belegt.

Hohe Ablehnung von Flüchtlingen bei hoher Gewaltakzeptanz (Foto: Oliver Cruzcampo, Archiv)

Rechtspopulistische Ansichten sind in der deutschen Bevölkerung weit verbreitet. Dies geht aus einer durch das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld vorgenommenen Neuauswertung der Daten der „Mitte-Studie“ aus dem letzten Jahr hervor. Befragt wurden seinerzeit 2.000 repräsentativ ausgewählte Personen über 16 Jahren. Hiernach zeigt fast jeder zweite Deutsche, nämlich 42 Prozent, eine gewisse Tendenz zu entsprechenden Einstellungsmustern. 20 Prozent vertreten deutliche rechtspopulistische Einstellungen, die wiederum in den ostdeutschen Bundesländern weitaus verbreiteter sind. Hier liegt das eindeutig rechtspopulistische Potential bei 28 Prozent, im Westen sind es hingegen zehn Prozentpunkt weniger (18 Prozent). Interessanterweise sind sich viele dieser Menschen ihrer politischen Ausrichtung nicht bewusst. Sie verorten sich vielmehr in der gesellschaftlichen Mitte.

„Anhand der Daten kann man nachvollziehen, was Bürger in die Arme von Rechtspopulisten treibt“, sagt Andreas Zick, einer der Autoren der heute erschienenen Studie „Wut, Verachtung, Abwertung. Rechtspopulismus in Deutschland“: „Wut auf die Veränderungen etwa durch Einwanderung, Verachtung für `die da oben´ in Politik, Wirtschaft und Medien sowie Abwertung all derer, die schwächer sind, denen aber unterstellt wird, den eigenen Status vermeintlich zu bedrohen.“ Durch dieses Statement sind die von den Forschern verwendeten Kriterien zur Erfassung rechtspopulistischer Einstellung umrissen: Die Abwertung sozialer Gruppen, ein „Law-and-Order-Autoritarismus“, Misstrauen in die Demokratie, Antisemitismus, die Befürwortung von Etrabliertenvorrechten, Nationalismus, eine Anti-EU-Haltung sowie eine „kollektive Wut und Gewalt“.

Keine Bevölkerungsgruppe immun

Verbreitet sind rechtspopulistische Einstellungen in allen Bevölkerungsgruppen. Bei älteren Menschen über 60 Jahren neigt mehr als die Hälfte zum Rechtspopulismus (52 Prozent). Auch Jüngere, in dieser Alterskohorte werden die 16-bis-30-Jährigen erfasst, zeigen mit 39 Prozent eine höhere Affinität, während die mittleren Jahrgänge zwischen 31 und 59 Jahren mit 36 Prozent am Ende der Statistik liegen. Unter Frauen ist Rechtspopulismus in der Tendenz weiter verbreitet als unter Männern (45 Prozent zu 38 Prozent). Der Lebensmittelpunkt, also ob Stadt oder Land, ist unerheblich.

Die Bildung der Befragten spielt hingegen eine wichtige Rolle. Je niedriger diese ist, desto höher ist die Zustimmung zu den verschiedenen Bestandteilen der Rechtspopulismus-Skala. „So neigt unter Befragten, die maximal einen Hauptschulabschluss besitzen, mehr als die Hälfte zu einer tendenziell rechtspopulistischen Haltung, während dies bei Befragten mit Fachabitur oder Abitur nur 20 Prozent sind. Ähnlich klar sind die Unterschiede in Abhängigkeit vom Einkommen. Unter Einkommensschwachen ist Rechtspopulismus deutlich weiter verbreitet, aber auch in der Mittelschicht tendieren 44 Prozent dazu, während unter Wohlhabenden dies nur ein Viertel tut“, stellen sie Sozialwissenschaftler fest.

Hohe Gewaltakzeptanz

Die von Rechtspopulisten stets wie ein Monstranz vorangetragene Abgrenzung zu Gewalt ist kaum glaubhaft. Selbst wenn nur Wenige tatsächlich gewalttätig sind – in der Regel junge Männer – lässt das Datenmaterial eine gewisse Billigung von Gewalt zur Absicherung des eigenen Status erkennen. 16 Prozent aller Befragten gaben an, sie seien „voll und ganz“ oder „eher“ bereit, sich mit körperlicher Gewalt gegen Fremde durchzusetzen. Fast ein Viertel der Deutschen (23 Prozent) äußerten Verständnis für die Wut der Bürger gegen die Zuwanderung, sieben Prozent sogar für die Gewalt gegen Flüchtlingswohnheime. 16 Prozent sehen es als unzumutbar an, neben einem „Asylantenheim“ zu wohnen. Ralf Melzer von der Friedrich-Ebert-Stiftung und einer der Herausgeber der Studie sagte dazu: „Die nahezu täglich brennenden Unterkünfte für Geflüchtete sind ein Ausdruck dieser Gewaltbereitschaft.“

„Rechtspopulismus ist nicht nur gesellschaftsfähig geworden, er ist auch in der Mitte der Gesellschaft angekommen, beziehungsweise war schon immer dort“, lautet das Fazit der Studie, die außerdem weitere lesenswerte Beiträge von Gideon Botsch, Frank Decker, Eva Groß, Alexander Häusler, Andreas Hövermann, Christoph Kopke, Daniela Krause, Beate Küpper, Alexander Lorenz, Simone Rafael, Rainer Roeser, Olaf Sundermeyer und Andreas Zick sowie ein Interview mit Bundesjustizminister Heiko Maas bietet. Das Misstrauen in Demokratie und Abwertung ganzer Gruppen gehe mit Wut und der Bereitschaft zu Gewalt einher.