Freitag, 12. Februar 2016

Warum demonstrieren?

Der 13. Februar, Jahrestag der Bombardierung von Dresden, ist seit vielen Jahren ein Pflicht-Termin. Für Neonazis aus ganz Europa, die den Tag für die Verharmlosung der Verbrechen des Nazi-Regimes nutzen. Und für Demokraten, die ihnen nicht die Stadt überlassen wollen. Auch ich bin jedes Jahr nach Dresden gefahren. Dieses Jahr fahre ich in den Urlaub. Warum eigentlich? Warum bin ich müde zu demonstrieren, obschon ich überzeugt bin, dass es wichtig ist?

Die SPD-Politikerin Hanka Kliese während der Sitzblockade im Februar 2011

In meiner Stadt, Chemnitz, wird auch seit den 1990er Jahren gegen Nazi-Aufmärsche demonstriert. Im Jahr 2003 kam Christian Worch, um gegen die Wehrmachtsausstellung zu protestieren. Es gab einen überwältigenden, klugen Gegenprotest, getragen von vielfältigen Vereinen und Institutionen. Der damalige, eher gesetzte Oberbürgermeister Peter Seifert (SPD) sprach von einem "Lauti" des Alternativen Jugendzentrums aus über Zivilcourage und ich traf die Eltern meiner Freunde auf der Demo. Heute wäre es jeden Montag möglich, gegen Pegida zu demonstrieren. Und jeden Samstag könnte man "Heimat und Tradition", die auf Flyern einen thematischen Gemischtwarenladen von "gegen TTIP" bis "ein einheitliches Schulsystem" abdecken, etwas entgegensetzen. Das macht aber kaum einer. Ich auch nicht mehr.

Ich habe Wolfgang "Thierse blockierse" gehuldigt, ich habe einen Strafbefehl wegen Teilnahme an einer Sitzblockade kassiert. Ich habe mir wie tausende andere Menschen in Dresden jedes Jahr die Füße starr gefroren und bin mit dem wärmenden Gefühl nach Hause gegangen, nicht zugelassen zu haben, dass unwidersprochen bleibt, was die Neonazis propagieren. Ich möchte meiner Tochter einmal sagen können: Ich habe das nicht geduldet.

Inzwischen beschleicht mich auf Demonstrationen das Gefühl, zu wenig zu tun dabei. Protest, sobald er ritualisiert wird und nur des Protests wegen stattfindet, verliert seine Wirkung. Wer mich kennt, weiß: Es bereitet mir wenig Freude, neben einer MLPD-Flagge zu stehen und auch unter der Fahne von "Cuba SI" fühle ich mich als Freundin der Menschenrechte nicht zuhause.

Die Gegendemo ist tot. Es lebe die Gegendemo!

Doch das ist gar nicht das Problem, denn das sind Randerscheinungen. Schwerer wiegt: Ich empfinde es als sinnentleert, mehrere Stunden in der Kälte auf einen Zug von Neonazis, Rassisten und Frustrierten zu warten um ihnen dann ein monotones "Nazis raus" entgegenzuschmettern oder sie mit meiner neonfarbenen Gewerkschaftstrillerpfeife auszupfeifen.

Gegendemonstrationen sind wahrscheinlich - leider - nicht der passende Rahmen für das Anbringen differenzierter Gegenargumente, ich weiß. Aber. Darf´s ein bisschen mehr sein als "Alerta Antifascista!"? Ja! Um nicht missverstanden zu werden: "Nazis raus!" und "Alerta Antifascista!" finde ich besser als auf dem Sofa sitzen.

Gegendemo ist, was wir draus machen. Kreativer Protest, wie in Wunsiedel, wo aus einem Nazi-Aufmarsch ein Spendenlauf gemacht wurde, kostet sehr viel Zeit und Kraft. Wir brauchen einen Protest, der mehr zum Nachdenken inspiriert und nicht allein von der Gewissheit lebt, dass wir die Guten sind. Das wird auf Dauer nicht genügen. Die Gegendemo ist tot. Es lebe die Gegendemo!