Montag, 14. November 2016

Wunsiedel: Neonazis können ungestört „Heldengedenken“ veranstalten

Ohne größeren Widerspruch zogen am Samstag 200 bis 250 Unterstützer der Neonazi-Partei Der Dritte Weg durch die Stadt im Fichtelgebirge, in der einst der Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß begraben lag. In der Innenstadt versuchten bis zu 400 Bürger ein anderes Bild zu vermitteln.

Neonazis vom Dritten Weg in Wunsiedel, Foto: Thomas Witzgall

Der Termin Mitte November in Wunsiedel gehört zum festen Terminplan der bayerischen Kameradschaftsszene und ihrer Unterstützer. Wie im Vorjahr wurde der Beginn so gelegt, dass der Großteil des Marsches in der Dunkelheit erfolgte und die mitgeführten Fackeln der Szenerie einen makaberen Beigeschmack gaben. Vielleicht ist er aber auch eine Reaktion auf das eigene PR-Desaster von vor zwei Jahren, als die Aktion „Rechts gegen Rechts“ mit dem Spendenlauf gänzlich andere Bilder transportierte, als von den Neonazis beabsichtigt. Bei wenig Licht verblasst das, was da eventuell am Straßenrand oder auf der Straße stehen könnte.

Neu war dieses Jahr nur der Startpunkt und die Route. Der Sammelplatz lag in der Goethestraße nördlich der Altstadt. Die Teilnehmer nutzten zur Anreise auch dieses Jahr wieder Reisebusse. Zwei sollen aus Süd- bzw. Ostbayern gefahren sein, einer aus Brandenburg. Mit 200 bis 250 Teilnehmern blieb der Aufmarsch von der Größenordnung im Rahmen des Vorjahres. In Dreierreihen mit jeweils zwei Fackeln in der Mitte ging es durch das nasskalte Wunsiedel.

Vom Charakter her blieb es eine Veranstaltung mit Binnenwirkung, wie auch Martin Becher vom Bayerischen Bündnis für Toleranz gegenüber dem Bayerischen Rundfunk analysierte. Entsprechend waren die Inhalte gestaltet.

Unterricht in der NS-Weltsicht

Von Walter Strohmeier, „Stützpunktleiter Ostbayern“, gab es eine Art Einführung ins Weltbild. Der Einzelne lebe durch seine Ahnenkette. Nur durch deren Fortführung würde die Verschiedenartigkeit der Völker gewahrt. Alles andere wäre ein Abstreiten eben jener Ahnenkette, was für Strohmeier einem „Verbrechen gegen die Natur“ gleichkäme. Jeder Anwesende würde „Jahrtausende unseres Volkes“ mittragen, verbunden über Eltern, Großeltern etc.. Dem Zitat des NS-Volksschullehrers Hans Belstler aus dessen Beitrag „Du steht im Volk“ aus dem Jahr 1943 folgend, verkörpere jeder Anwesende in der 25. Generation das angeblich biologische Erbe von 33 Millionen Vorfahren. Weiter gingen weder Strohmeier noch Belstler zurück, würde doch dann recht schnell deutlich, wie konstruiert und geradezu willkürlich dieses Volk tatsächlich ist.

Wem das Andenken besonders galt, wurde ebenfalls recht schnell deutlich. Ungestraft, ohne Widerspruch oder Aufschrei, würden laut dem vorbestraften Schläger Strohmeier die „Totenschänder unserer Heldenahnen“ davonkommen, wenn sie Gräber auflösen, Denkmäler und Geburtshäuser einreißen und alte Greise vor Gericht zögen. Eine deutliche Anspielung auf Hitler, Heß und diverse Angehörige der Wachmannschaften der Konzentrations- und Vernichtungslager.

Katz und Maus

Die Reden in Wunsiedel kennzeichnet auch immer wieder ein gewisses Spiel der Neonazis mit den Auflagen der Behörden. Bezüge auf Heß sind eigentlich in jeder Form untersagt, was die einzelnen Kader nicht davon abhält, möglichst diverse Assoziationen und Anspielungen einzubauen.



Thomas Wulff, der sich erneut offen als „Nationalsozialist“ vorstellte, erinnerte beispielsweise wieder an Jürgen Rieger, dem führenden Akteur der Heß-Märsche bis 2004. Am Kopf der Demonstration wurde ein Banner getragen mit der Aufschrift „Dein Heldengrab ist überall“. Dieser Satz kehrt im Song „Deine Asche Dein Grab“ der rechtsextremen Band Stahlgewitter als Refrain beständig wieder und ist Heß gewidmet. Beständig wurde Wunsiedel als „Märtyrerstadt“ bezeichnet.

Anderes Wunsiedel

Der Dritte Weg konnte wie im Vorjahr ohne größere Interventionen von außen seine Sicht der Welt den Teilnehmern vermitteln. Widerspruch zeigte sich nur in Form von Bannern am Rand des Weges. Bei der Zwischenkundgebung war nur eine einzelne Ruferin in der Ferne zu vernehmen, die daran erinnerte, wem und was hier gedacht wurde.

Die Einwohner von Wunsiedel hatten ihre Aktionen „gegen“ diesen Aufmarsch wieder weiter weg von den Neonazis in die Innenstadt verlegt. Anstatt eines Fackelmarsches gab es passend zum Martinstag einen Umzug mit Laternen. Dort nahmen laut Bayerischen Rundfunk bis zu 400 Personen teil.

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