Dienstag, 19. Januar 2016

„Trauern“ bei Neonazis nicht mehr in Mode

Noch vor einigen Jahren gehörten sogenannte Trauermärsche zu den „Höhepunkten“ in den Demonstrationskalendern der extremen Rechten. Der Aufzug in Magdeburg trat bald an die Stelle von Dresden, wo zivilgesellschaftlicher Widerstand den Neonazis ihre Pläne mehr und mehr durchkreuzte. Doch an diesem Wochenende fanden sich in der Hauptstadt von Sachsen-Anhalt nunmehr noch 230 „Trauernde“ ein.

Der Trauermarsch in Magdeburg (Foto: Presseservice Rathenow)

In den letzten Wochen und Monaten verging kaum ein Tag, an dem in Deutschland nicht irgendwo Neonazis aufmarschierten. Die überwiegende Mehrheit der Aktionen richtet sich gegen Flüchtlinge, ihre Unterstützer oder „die Politik“. Neben Dresden, wo selbsternannte „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ Stimmung machen, hetzen in Mecklenburg-Vorpommern gleich mehrere Gruppierungen – einige davon aus dem direkten Umfeld der NPD. Identitätsstiftende Termine zum „Arbeiterkampftag“ am 1. Mai oder zu bestimmten Terminen der Geschichte gerieten offensichtlich ins Hintertreffen.

Rückläufige Teilnehmerzahlen

Im Schatten des „Trauermarsches“ von Dresden – in der sächsischen Landeshauptstadt sorgte wachsender zivilgesellschaftlicher Widerstand für zunehmenden Unmut auf Seiten der Neonazis – entwickelte sich Magdeburg zu einem der wichtigsten Aufmarschgebiete der Szene. Noch vor fünf Jahren kamen in der Ottostadt 1.200 Geschichtsklitterer zusammen, danach gingen die Teilnehmerzahlen stetig zurück. Nach Polizeiangaben bestand das überschaubare Häufchen am vergangenen Samstag noch aus 230 Personen. Die zumeist schwarz gekleideten jungen Männer waren offenkundig fast vollständig der Neonazi-Szene zuzurechnen. Mit Sigrid Schüßler, einer früheren NPD-Funktionärin, gehörte ein bekannteres Gesicht zur Spitzengruppe des Aufmarsches, der mindestens ein Mal blockiert wurde.

Neonazis folgen mehr oder weniger interessiert einer Rede (Foto: Presseservice Rathenow)

Für den Teilnehmerschwund dürfte neben dem gesellschaftlichen Gegenwind ein Verwirrspiel um die Organisatoren beigetragen haben. Das „Bündnis gegen das Vergessen“ zog sich zurück und konzentrierte seine verbliebenen Kräfte auf die Demonstration in Dresden Mitte Februar. Mit Andy Knape, bis vor rund eineinhalb Jahren Vorsitzender der NPD-Nachwuchsorganisation Junge Nationaldemokraten, tritt einer der wichtigsten Strippenzieher des „Trauermarsches“ nicht mehr öffentlich in Erscheinung. Dass ferner Anhänger des lokalen Pegida-Ablergs Magida die Fühler nach dem eigentlich traditionellen Termin ausgestreckt hatten, sorgte szeneintern für Unmut.

Aufmarsch von Gewalt begleitet

Die Polizei sprach in ihrer Pressemitteilung von einem weitgehend störungsfreien und friedlichen Verlauf. An den Aktionen der demokratischen Kräfte zu deren Höhepunkt die „Meile der Demokratie“ mit gut 10.000 Besuchern gehörte, beteiligten sich mehr als 160 Initiativen, Vereine, Schulen oder Kirchengeneiden. Im Neustädter Bahnhof seien allerdings 40 Neonazis auf 80 Gegendemonstranten getroffen, die sich im und um das Gebäude aufgehalten hätten. Um eine direkte Konfrontation zu vermeiden, hätten die Beamten Platzverweise gegen linke Aktivisten ausgesprochen, die teilweise „mittels einfacher körperlicher Gewalt“ durchgesetzt worden seien.Demonstrationsteilnehmer mit Combat 18-Tattoo (Foto: Presseservice Rathenow)

Nicht der einzige Zwischenfall. Wie die taz berichtet, seien in Ochersleben bei Magdeburg zehn Teilnehmer des Aufmarsches von rund zwei Dutzend Linksautonomen überfallen worden. Während sechs Angreifern die Flucht gelang, wurden vier Opfer teilweise schwer verletzt. Ein 34-jähriger Mann sei mit lebensbedrohlichen Kopfverletzungen notoperiert worden. Offenbar hatten sich die mit Eisenstangen und Baseballschlägern bewaffneten Gewalttäter hinter einem Gebäude in der Nähe des Bahnhofs versteckt.

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