Sonntag, 14. Februar 2016

„Trauermarsch“: Comeback in Dresden?

Am Vorabend des 13. Februar, des eigentlichen Jahrestages der Bombardierung Dresdens durch die Alliierten im letzten Kriegsjahr, zogen 550 bis 650 Neonazis durch Elbflorenz. Damit kamen deutlich mehr Teilnehmer als zunächst erwartet – aber auch weitaus weniger als zur Hochzeit der revisionistischen Proteste. Wie ist diese Demonstration einzuschätzen?

"Trauermarsch" 2014 (Foto: Marcus Fischer, Archiv)

In den letzten Jahren hatte der ehemals wohl wichtigste Termin für deutsche Neonazis, aber auch aus dem europäischen Ausland, seine Attraktivität fast gänzlich verloren. Die Dresdner Zivilgesellschaft formierte einen bis dahin unbekannten starken Protest; Blockaden verhinderten den Zug der braunen Geschichtsklitterer durch die sächsische Großstadt. Vor zwei Jahren kündigten die Organisatoren des „Trauermarsches“ an, nicht mehr durch Dresden marschieren zu wollen – und kapitulierten damit vor dem gesellschaftlichen Widerstand. Die Erfahrung der vergangenen Jahre habe gezeigt, hieß es in einer Mitteilung des extrem rechten Aktionsbündnisses, dass „ein Aufzug 2014 unmöglich gemacht werden wird“. Dafür liefen gut 500 am Vorabend des 13. Februar durch Dresden

Bedeutungsverlust

Bereits damals hatten die Aktivisten mit einem stetigen Teilnehmerrückgang zu kämpfen. Während sich der „Trauermarsch“ ab dem Jahr 2000 zum identitätsstiftenden Selbstläufer für die Szene entwickelte – 2009 und 2010 gingen rund 6.500 Revisionisten auf die Straße – und die „Macher“ sogar eine „Aktionswoche“ mit verschiedenen Veranstaltungen um diesen Termin zu etablieren versuchten, brachen die Unterstützerzahlen zuletzt drastisch ein.

In diesem Jahr feierte die von dem früheren NPD-Landtagsabgeordneten René Despang für das „Aktionsbündnis gegen das Vergessen“ angemeldete Demonstration ein von Beobachtern kaum für möglich gehaltenes Comeback. Statt der zunächst erwarteten 200 Neonazis marschierten nach Angaben der Initiative „Durchgezählt“ zwischen 550 und 650 Personen am Abend des 12. Februar durch den Stadtteil Prohlis. Eine entsprechende Ankündigung hatte Despang am 11. Februar auf Facebook öffentlich gemacht, wo er von einer „Pflichtveranstaltung für jeden Nationalisten in und um Dresden“ sprach. Zuvor war bereits die interne Mobilisierung publik geworden.

Taktik: Ausweichen auf Vortag

Damit überstieg die Zahl der Neonazis die Teilnehmer an den Gegenprotesten, denen in diesem Jahr keine Blockade gelang. Das Bündnis „Dresden nazifrei“ führte dies neben der kurzen Mobilisierungszeit auch auf das Verhalten der sächsischen Polizei, der 1.000 Beamte zur Verfügung standen, zurück, die nach eigenen Angaben eine größere Gruppe von Personen stoppte. Diese hätte sich auf der Dohnaer Straße stadteinwärts bewegt. Ein Protest in Hör- und Sichtweite des Neonazi-Aufzuges sei indes möglich gewesen.

„Wir haben das Beste draus gemacht und den Nazis unsere Meinung gesagt. Die Demo war klein, aber laut und das war super!“, bilanzierte „Dresden nazifrei“. Trotzdem zeigte sich die Initiative insgesamt nicht zufrieden. Von den Tausenden Besuchern eines „Deichkind“-Konzertes hätten zu wenige an den Protesten teilgenommen. Dresden drehe sich immer dann gepflegt weg, „wenn es gilt, konkrete, klare, Kante gegen Rechts zu zeigen“.

Letztes Jahr noch Innenstadt, dieses Jahr schon Prohlis. Jedes Jahr ein Stück weiter draußen - das Stadtzentrum haben...

Posted by Dresden Nazifrei on Freitag, 12. Februar 2016


Erfolg oder Augenwischerei?

Die Szene versucht ihrerseits die Aktion wie gewohnt als „Erfolg“ zu vermitteln – Wunschdenken oder Realität? Freilich, 2016 brachte das Neonazi-Aktionsbündnis mehr Menschen nach Dresden, die zudem weitgehend ungestört die vorgesehene Strecke laufen konnten, aber die Größe früherer „Trauermärsche“ oder die montäglichen Pegida-Veranstaltungen mit zuletzt rund 8.000 Unterstützern sind in weiter Ferne. Die Innenstadt bleibt außerdem „nazifrei“. Mit gut 13.000 Teilnehmern setzte die demokratische Menschenkette, die für Miteinander und Toleranz steht, ein Ausrufezeichen. Zu dem an die Verbrechen der Nationalsozialisten erinnernden „Mahngang Täterspuren“ fanden sich darüber hinaus 2.000 Interessierte ein. Die Zivilgesellschaft lebt, auch wenn die Geschichtsklitterer einen Teilerfolg verbuchten.