Dienstag, 02. Februar 2016

Rassenkunde auf getarnter Thügida-Demonstration in Sonneberg

Rechtsextreme mobilisierten am Sonntag zu einer Veranstaltung gegen eine geplante Erstaufnahmeeinrichtung im thüringischen Sonneberg. Etwa 700 Personen schlossen sich nach kruden rassistischen Reden einem „Spaziergang“ an.

Fotogalerie der Demo in Sonneberg, Fotos: Thomas Witzgall
Fotogalerie der Demo in Sonneberg, Fotos: Thomas Witzgall
Fotogalerie der Demo in Sonneberg, Fotos: Thomas Witzgall
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Fotogalerie der Demo in Sonneberg, Fotos: Thomas Witzgall
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Fotogalerie der Demo in Sonneberg, Fotos: Thomas Witzgall
Fotogalerie der Demo in Sonneberg, Fotos: Thomas Witzgall
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Fotogalerie der Demo in Sonneberg, Fotos: Thomas Witzgall
Fotogalerie der Demo in Sonneberg, Fotos: Thomas Witzgall
Fotogalerie der Demo in Sonneberg, Fotos: Thomas Witzgall

Im Stadtteil Wolkenrasen der Stadt Sonneberg steht wenige Gehminuten vom Bahnhof entfernt seit elf Jahren ein ehemaliges Pflegeheim leer. Das Land Thüringen würde das Gebäude gerne als Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge nutzen. 600 Personen könnten dort Platz finden, der Eigentümer befürwortet das Projekt. Viele Anwohner verfahren jedoch nach dem Motto „Lieber weiterhin nichts als Flüchtlinge“. Sie machen Bedenken, wie etwa die Nähe zu einer Förderschule, geltend. Landrat und Bürgermeister positionieren sich ebenfalls gegen das Projekt.

Diese Stimmung nutzten nun bekannte Neonazis für eine Demonstration. Vorgeschoben als Anmelderin wurde eine bislang politisch unbeschriebene Frau aus Sonneberg. Erst am Samstag meldete InSüdthüringen, dass auch der bekannte Neonazi-Kader Axel Schlimper „als einer der Redner angekündigt sei.“ Zu dem Zeitpunkt hatten bereits viele rechtsextreme Seiten zu der Veranstaltung aufgerufen. Die fränkische Szene rief zu einem Aktionswochenende auf, Samstag nach Bamberg und tags darauf eben nach Sonneberg.

Antilopen und Flüchtlinge raus

Vor Ort am Sonntag wurde schnell klar, wo die Organisation lag. Schlimper, Kopf der Thüringer Sektion der Europäischen Aktion (EA), einer Sammlungsbewegung auch von Holocaustleugnern, bereitete den LKW als Bühne vor, verlas die Auflagen und war zugleich erster Redner. Nach ihm kam ein nicht namentlich vorgestellter Rentner zu Wort, nach eigener Auskunft wohnhaft in Mannheim und zufällig zu Besuch in Coburg. Es stellte sich heraus, dass es sich dabei um den ehemaligen NPD-Vorsitzenden Günter Deckert handelte, bekannt für sein Vorantreiben der Revisionsmuskampagne und verurteilter Leugner der Shoah. Letzter Redner und Einpeitscher während der Demonstration war dann der Greizer NPD-Funktionär David Köckert. Die mutmaßliche Anmelderin kam nicht zu Wort. Trotz Angebots eines offenen Mikros wollte kein Anwohner etwas sagen. Nachbarn schlossen sich der Versammlung in größerer Zahl an und blieben – trotz offenkundiger neonazistischer Ausrichtung der Veranstaltung.

Schlimper macht von Beginn an klar, dass es sich um eine Thügida-Veranstaltung handelte. Er bezeichnete die Bundesrepublik als „überbevölkert“ und stellte die Ernährung in Krisenzeiten in Frage. Er bezeichnete sich offen als rechtsradikal und rassistisch, weil er den Menschen über seine Herkunft definiere. Rassismus sei ein Teil der kosmischen Schöpfung, den er bewahren wollte. Rechtsextrem wollte er dagegen nicht sein. Nach seinem Verständnis würde das bedeuten, eine Herkunft besser als eine andere zu sehen. Damit spielte er auf das neurechte Konzept eines Ethnopluralismus an, dass die nationalsozialistische Sichtweise des überlegenen Ariers in weiten Teilen der Szene abgelöst hat.

In diesem Zusammenhang sah er den Islam als „absolut sinnvolle Religion an“ und als „sinnvoll und richtig“, wenn die Männer dort ihre „Frauen zu Hause einmauern und unter den Schleier zwingen“. Nur für Europa sei das nichts. Sein Beispiel zu Erklärung, warum „Islam und Europa“ getrennt werden müssten: Antilopen seien tolle Tiere und er würde sie nie ausrotten wollen. Sie gehörten aber nicht in seinen Vorgarten, weil es weder gut für die Tiere noch für den Garten sei, so der für seine rassistischen Sichtweisen bekannte EA-Aktivist. Dieses angebliche Naturgesetz übertrug er biologistisch auf den Menschen und hatte offensichtlich die Flüchtlinge im Sinn. In einzelnen Städten lebten die Deutschen laut Schlimper bereits in Reservaten. Für alle diese Aussagen gab es Applaus.

Ex-NPD Chef spricht von zweibeinigem Ungeziefer

Der ehemalige NPD-Vorsitzende Günter Deckert startete gleich zu Beginn mit der Bezeichnung „exotische Eindringlinge“. Er griff Schlimpers Forderung nach geschlossenen Grenzen mit einem rassistischen Beispiel auf. Wer in seinem Haus die Türen offen lasse, ziehe „zweibeiniges Ungeziefer“ an. Er bediente weiter völkische Vorstellungen und setzte auf Sozialneid gegenüber geflüchteten Menschen. Die Flüchtlingskrise schaffe Arbeitsplätze für Sachkundige von „arabischen und Negerdialekten“.


Der ehemalige NPD-Vorsitzende Günter Deckert, als zufällig vor Ort anwesender Rentner präsentiert, Foto: Thomas Witzgall

Köckert, der sich als Vertreter von Pegida bezeichnete, hatte weitgehend mit technischen Problemen zu kämpfen. Medien bezeichnete er als „Schweinepresse“. Auf der Demonstration stimmte er immer wieder Parolen wie „Wir wollen keine Asylantenheime“ und „Widerstand“ an. Auch dort waren extrem Rechte Zeichen präsent. Eine Fahne der neonazistischen Kleinstpartei Die Rechte wurde offen mitgeführt. Tommy Frencks Bündnis „Zukunft Hildburghausen“ nahm gleich mit zwei Bannern teil, ebenso wie Gruppen aus Nordfranken. Auch rechte Mode war zwischen den weitgehend bürgerlich gekleideten Teilnehmern auszumachen. Eine Frau spielte makaber mit den Empörungen, die das auf der Pegida-Veranstaltung in Dresden entstandene Galgenfoto bundesweit ausgelöst hatte. Ein Beleg, wie abgestumpft weite Teile der „besorgten Bürger“ eingestellt sind.

Gegen die rechte Veranstaltung protestierten auf einer eigenen Kundgebung und später am Straßenrand etwa 150 Personen. Die Polizei meldete gegen Ende nur kleinere Zwischenfälle und Verstöße gegen das Versammlungsgesetz.