Donnerstag, 06. November 2014

Neonazis, Identitäre, Salafisten – Eine Nachbetrachtung der eskalierten Kölner Hooligan-Demonstration

Am 26. Oktober 2014 eskalierte in Köln eine von der Initiative „Hooligans gegen Salafisten“ (HoGeSa) unter erheblicher Beteiligung von Rechtextremisten durchgeführte Kundgebung. Sie forderte 49 verletzte Polizisten und führte zu einer intensiven Presseberichterstattung, welche die sich aus dem rechtsextremistischen Engagement in der Fußballgewaltszene ergebende Gefahr thematisierte. Nach dem Abflauen der ersten Aufregung bietet sich auf der Basis eines Erlebnisberichts eine Nachbetrachtung zu den sich darüber hinaus ergebenden Aspekten an.

Die Kölner HoGeSa-Auftaktkundgebung (Foto: Elmar Vieregge)

Die Vorgeschichte: Gegen Salafisten … oder doch gegen alle Muslime?

Den Hintergrund für die unter dem Motto „Gemeinsam sind wir stark!“ durchgeführte Demonstration bildeten mehrere bundesweite, jedoch in Nordrhein-Westfalen besonders akute Entwicklungen. Eine betrifft die Fußballfanszene, beziehungsweise rechtsextremistische Aktivitäten innerhalb diverser Hooligangruppen. Deren Aktivitäten gingen in der jüngeren Vergangenheit unter anderem aufgrund verbesserter Sicherheitsstandards innerhalb der Stadien zurück, so dass manch ein Betrachter deren Niedergang sah. Andererseits existierten die Gruppen bundesweit weiter, denn sie konzentrierten sich auf verabredete Schlägereien in Gewerbegebieten oder Wäldern. Zudem blieben weiterhin Rechtsextremisten in Teilen der an sich nicht extremistischen Hooliganszene aktiv, wie etwa der seit den 1980er Jahren den gewalttätigen Anhang Borussia Dortmunds prägende, „SS-Siggi“ genannte Neonazi Siegfried Borchardt. Und während sich die Öffentlichkeit lange Zeit nicht besonders für den Hooliganismus interessierte, kam es bei mehreren Vereinen zu faninternen Rechts-Links-Auseinandersetzungen. Das betraf unter anderem Werder Bremen, Fortuna Düsseldorf, Alemannia Aachen oder den MSV Duisburg.

Die zweite Entwicklung betrifft die islamistische Szene. Sie konnte sich insbesondere in Nordrhein-Westfalen lange Zeit nahezu ungehindert entwickeln und ihre Präsenz auf den Straßen ausbauen. Dazu gehörten Koranverteilaktionen in diversen Einkaufsstraßen, der Errichtungsversuch eines islamistischen Zentrums in Mönchengladbach, nächtliche Streifen einer „Scharia-Polizei“ in Wuppertal, das Anwerben djihadistischer Kämpfer in Dinslaken, ein verhinderter Mordanschlag auf den Pro NRW-Vorsitzenden in Leverkusen sowie ein missglückter Bombenanschlag im Hauptbahnhof in Bonn.

Die dritte Entwicklung betrifft das Spektrum der sich islamkritisch gebenden Vereinigungen, bei denen zuweilen nicht klar ist, ob sie sich nur gegen islamistische Extremisten richten oder ob sie eine Positionierung gegen den religiösen Extremismus als Tarnung für eine rassistisch fundierte Generalfeindlichkeit gegenüber Einwanderern aus muslimischen Ländern nutzen. Deren Angehörige, darunter so genannte Identitäre, sehen sich als Verteidiger des aus ihrer Sicht durch eine Einwanderungsinvasion bedrohten Europas und berufen sich auf die antiken Griechen und deren Kampf gegen persische Invasionsheere.

Zu einer Verbindung dieser Entwicklungen kam es in Mönchengladbach, wo seit 2010 Islamisten unter der Leitung des bundesweit bekannten Rheinländers Pierre Vogel ein Zentrum einrichten wollten und dafür ausgerechnet den Heimatstadtteil von Borussia Mönchengladbach wählten. Dies führte zu anhaltenden Protesten von Bürgern, aber auch von Angehörigen der dortigen Fußballfanszene. Zudem engagierte sich Pro NRW, unter anderem in Person von Dominik Roeseler. Die gespannte Stimmung eskalierte am 8. Februar 2014 als die Islamisten eine Kundgebung auf dem Marktplatz der Altstadt in der Nähe mehrerer Fußballfankneipen veranstaltete. Dabei kam es zu einer Attacke gewalttätiger Fans, die die Polizei unterband. In den folgenden Monaten gingen gewalttätige Fußballfans auch in anderen Städten gegen islamistische Veranstaltungen vor, so in Duisburg und Mannheim. Darüber hinaus organisierten Hooligans anti-islamistische Treffen in Essen und Dortmund. Zudem bildete sich die Initiative HoGeSa, bei der ein intransparentes Vorgehen auffiel, so dass unklar blieb, in welchem Ausmaß Rechtsextremisten und/oder Identitäre in ihr aktiv sind.

Die Demonstration: Fußball-Bier-Randale

In Köln meldete schließlich der mittlerweile als Pro NRW-Vertreter in den Mönchengladbacher Stadtrat eingezogene Dominik Roeseler die HoGeSa-Demonstration an. Eine zur Vorbereitung geführte Internetkampagne erzeugte umfangreiche Reaktionen, darunter auch einen Mobilisierungsaufruf der Neonazipartei Die Rechte. Während sich am 26. Oktober nur knapp 1.000 Gegendemonstranten auf dem Bahnhofvorplatz versammelten und von der Polizei vor Hooligan-Angriffen geschützt wurden, wurde dem Veranstalter der an der Rückseite des Hauptbahnhofs gelegene Breslauer Platz als Versammlungsstätte sowie ein Demonstrationsweg im angrenzenden Kunibertsviertel genehmigt.

HoGeSa-Aktivisten an ihrem Fahrzeug

Roeseler und die HoGeSa verbuchte zunächst einen großen Mobilisierungserfolg, denn es fanden sich rund 5.000 Personen ein. Wenngleich darunter auch etliche unauffällige Bürger waren, bestand der Kern aus Hooligans sowie Gelegenheitsgewalttätern. Diese Personenkreise reisten vor allem mit Regionalzügen an, wie etwa dem bei Fußballfans allseits beliebten NRW-Express, so dass sich im Bahnhof die Atmosphäre einer Auswärtsfahrt mit Randaleerwartung einstellte. Dementsprechend erfolgte ein gesteigerter Bierkonsum und es entstand eine aggressive Grundstimmung. Zwar verzichteten die Demonstranten größtenteils auf auffällige vereinsbezogene Kennzeichen, doch waren gewaltbereite Gruppen aus Köln und weiteren nordrhein-westfälischen Fußballstädten wie Aachen, Dortmund oder Essen erkennbar. Daneben erfolgte eine überregionale Beteiligung sowohl aus dem norddeutschen Raum als auch aus Rhein-Hessen oder Baden-Württemberg, etwa aus Mannheim oder Pforzheim. Dadurch ergab sich ein Großtreffen der deutschen Hooliganszene. An diesem beteiligten sich augenscheinlich viele erfahrene Fußballschläger, die in den 1980er und 1990er Jahren herangewachsen waren. Auffallend war auch die Anwesenheit von Fußballanhängern aus dem Ausland, etwa aus den Niederlanden und Belgien. Zudem fanden sich einige Personen mit nahöstlichen Gesichtszügen ein. Der Hintergrund für deren Erscheinen könnte darin bestanden haben, dass im Anbetracht der vom „Islamischen Staat“ in Syrien und im Irak verübten Massaker manche Migranten mit nahöstlichen Wurzeln jegliche anti-salafistische Initiative unterstützen könnten. Dabei könnten sie nach dem Prinzip „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“ sogar an der Seite deutscher Rechtsextremisten und/oder Fußballschläger mitlaufen. Letztendlich beteiligten sich an der Hooligan-Demonstration so unterschiedliche Personen wie Normalbürger, Freunde der rechtsextremistischen Bekleidungsmarken „Ansgar Aryan“ und „Erik & Sons“, Ausländer, bekannte Neonazis oder klassisch mit Regenschirm „flanierende“ Althools.

Während der Auftaktveranstaltung deutete sich an, dass die Organisatoren den Eindruck einer seriösen politischen Veranstaltung vermitteln wollten, denn es wurden lediglich einige unverfängliche Deutschlandfahnen sowie eine Flagge mit einem nordischen Kreuz in schwarz-rot-gold gezeigt. Der Zwiespalt zwischen dem politischen Anspruch der Veranstalter und dem sich überschneidenden rechtsextremistischen/gewalttätigen Potenzial zeigte sich nicht nur anhand der Zusammensetzung der Demonstranten, sondern auch anhand der auf einer kleinen Bühne vor einem weißen Transporter gehaltenen Reden und Musikbeiträge. So ergingen einerseits Erklärungen, nach denen eine politische Bewegung angestrebt sei, während andererseits die eigene Radikalität beschworen wurde. Zudem trat mit Hannes Ostendorf der Sänger der bei Rechtsextremisten beliebten Bremer Hooligan-Band „Kategorie C“ auf. Der identitäre Einfluss manifestierte sich durch den von großen Teilen der Demonstranten mehrmals getätigten Ausruf „Ahuu!“. Dieser entstammt dem amerikanischen Kinofilm „300“, der den von Selbstaufopferung begleiteten Kampf der Spartaner gegen eine persische Übermacht thematisierte und vor allem Identitären als Inspiration für einen eigenen abendländischen Kampf dient.

Nach der Auftaktveranstaltung bewegte sich der von Sprechchören wie „Wir wollen keine Islamistenschweine“ oder „Deutschland, Deutschland“ begleitete Demonstrationszug in Richtung des weniger als zehn Gehminuten nördlich des Bahnhofs gelegenen Ebertplatzes. Dabei dauerte es nicht lange bis zur ersten Eskalation der ohnehin grundaggressiven und leicht erregbaren Teilnehmer. Auslöser war nach Angaben der Polizei eine, von der Presseberichterstattung später kaum erwähnte, aus einem Wohnhaus erfolgte „Provokation“ von Personen, die ein Trikot des türkischen Vereins Galtasaray Istanbul präsentierten. Unmittelbar vor dem Erreichen des Ebertplatze kam es aus einer schmalen Seitenstraße zu einer weiteren „Provokation“ von Gegnern der Kundgebung, woraufhin die Demonstration erneut eskalierte. Wieder zeigte sich der Kontrast zwischen einem großen Teil der Demonstranten und den Veranstaltern. So bepöbelten Hooligans mehrere Pressevertreter, griffen einschreitende Polizisten an und beschädigten ein chinesisches sowie ein südamerikanisches Restaurant an der Einmündung der Seitenstraße. Dabei bemühten sich die vom Veranstalter eingesetzten Ordner, unter Verweis auf den politischen Charakter der Kundgebung, um eine Beruhigung der Lage, wurden aber von Gewalttätern aus den eigenen Reihen teils massiv beleidigt und bedroht. Die sich nun entwickelnde Straßenschlacht konnte die Polizei nur durch den Einsatz von Schlagstöcken und Reizgas sowie mit der Hilfe eines Wasserwerfers beenden.

Die Polizei geht mit Wasserwerfern gegen gewalttätige Demonstranten vor

Der Versammlungsleiter erklärte daraufhin die seiner Kontrolle entglittene Veranstaltung für aufgelöst. Dies hatte jedoch nur geringe Auswirkungen, denn die Protestierenden wurden von der Polizei nicht eingekesselt, sondern als weitergehender Aufzug zum Rhein und dann in südlicher Richtung zurück zur Rückseite des Bahnhofs geleitet. Auf diesem Weg griff in einem zu passierenden Parkbereich eine vierköpfige Streetfighter-Gruppe augenscheinlich migrantischer Herkunft versprengte Demonstrationsteilnehmer an, wurde aber umgehend von Hooligans zurückgeschlagen. Insgesamt zeigte sich, dass die 1.300 eingesetzten Polizisten nicht ausreichten um das gesamte Einsatzgebiet zu beherrschen. Dies begünstigte bei der Rückkehr auf den Breslauer Platz den Ausbruch einer weiteren Straßenschlacht sowie mehreren im Verlauf der Abreisebewegungen einsetzenden Scharmützeln.

Die Nachwirkungen

Die unmittelbare Auswirkung der Veranstaltung bestand in der Erzeugung einer enormen öffentlichen Aufmerksamkeit. Diese gestaltete sich jedoch für die verantwortliche Initiative HoGeSa zwiespältig. Sie erlangte zwar einen bundesweiten Bekanntheitsgrad, erlitt aber gleichzeitig einen Rückschlag für die von ihr behauptete politische Arbeit. Da die gerade erst entstandene Initiative kaum Informationen über die sie tragenden Personen preisgibt, kann derzeit nicht abgeschätzt werden, in welchem Umfang Rechtsextremisten in ihr aktiv sind und wie ernst es ihr mit der politischen Arbeit ist. Die radikalsten Teile der rechtsextremistischen Szene, insbesondere neonazistische Vereinigungen fühlen sich durch die Mobilisierung in Kombinationen mit der Straßengewalt ermutigt und werden erfahrungsgemäß versuchen, ihren Einfluss auf die Hooliganszene auszuweiten. Für die nicht gewalttätigen und sich gegenüber der Öffentlichkeit um ein seriöses Erscheinungsbild bemühenden Organisationen ist die Eskalation hingegen schädlich. Dies betrifft vor allem die durch das Engagement Dominik Roeselers belastete Vereinigung Pro NRW. Sie reagierte dann auch umgehend, indem sie ihren Funktionär auf einer am 3. November veranstalteten Gesamtvorstandssitzung scharf rügte und im Wiederholungsfall einen Parteiausschluss androhte. Roeseler bat daraufhin um Entschuldigung und kündigte an, sich zukünftig nicht mehr an HoGeSa-Kundgebungen zu beteiligen.

Im Hinblick auf die Hooligans widerlegt der 26. Oktober die Einschätzung einiger Experten, die ihre Subkultur als im Verschwinden begriffen eingeschätzt hatten. Für die Hooliganszene ist die Kölner Demonstration ein herausragendes Ereignis ihrer Geschichte. Dabei offenbart sich nun auch der breiten Öffentlichkeit die Existenz eines in ihr bestehenden rechtsextremistischen Potenzials. Andererseits zeigt sich, dass eine Instrumentalisierung von Hooligans zu unkontrollierbaren Gewaltausbrüchen führen kann, die kontraproduktiv für eine politische Arbeit sind, getreu dem Prinzip: „Die Geister die ich rief, werd’ ich nicht los“.

Aufgrund der Ausschreitungen wird es den zuständigen Behörden zukünftig leichter fallen, HoGeSa-Demonstrationen mit Auflagen zu belegen oder gar zu verbieten. Die Gelegenheit dazu könnte sich schon bald ergeben, denn die Initiative kündigte für den 15. November 2014 eine weitere Kundgebung an. Diese soll in Hannover stattfinden, dessen Hauptbahnhof der deutschlandweit wohl wichtigste Verkehrsknotenpunkt für reisende Fußballfans aller Art ist.

Fotos: Elmar Vieregge