Sonntag, 10. Januar 2016

Kommentar: Nachdenken über Einsiedel

In einem ländlich gelegenen Stadtteil von Chemnitz regen sich seit Monaten heftige Proteste gegen die Errichtung einer Flüchtlingsunterkunft. Zwar hieß es zu Beginn der Proteste, man richte sich nicht gegen Kriegsflüchtlinge und Familien, dennoch müssen nun Frauen und Kinder unter Polizeischutz in ihre neue Bleibe gebracht werden.

Einsiedel - es gibt auch eine andere Meinung. Plakat in der Nähe des Rathauses (Foto: ENDSTATION RECHTS.)

Noch bevor ein einziger Flüchtling an der Peripherie von Chemnitz zu sehen war, erreichte Einsiedel bereits die überregionalen Schlagzeilen: Mehr als 1.000 Menschen gingen wöchentlich auf die Straße, um gegen Flüchtlinge zu demonstrieren, die es noch gar nicht gab. In dieser Woche war es nun so weit; die ersten Familien aus Afghanistan stiegen aus dem Reisebus und setzten ihre Füße auf den Boden des einstigen Pionierlagers "Palmiro Togliatti".

Kurz darauf war auf dem Facebook-Auftritt der "Bürgerbewegung Pro Chemnitz" das Foto eines schmächtigen kleinen Mannes zu sehen, hinter dem Zaun stehend und arglos lächelnd vor seinem neuen Zuhause. "Zum Abschuss frei gegeben!" schrieb eine Facebook-Nutzerin in die Kommentarspalte, wenig später wurde der Kommentar gelöscht und es sind nur noch die unverdächtigen spöttischen Sprüche von Teilnehmern wie dem "NPD Kreisverband Mittelrhein" nachzulesen. 

Ich aber denke immer wieder an diesen Satz "Zum Abschuss frei gegeben" und an den kleinen dünnen Mann, der vielleicht gar nicht weiß, was seine Ankunft in Einsiedel in meiner Stadt, in Chemnitz, zu Tage fördert. Seit wir in Chemnitz vermehrt darüber sprechen, dass wir Menschen aus anderen Ländern hier aufnehmen werden, ist es, als sei etwas Hässliches in den Menschen ans Licht gebracht. Missgunst, Häme, Gehässigkeit und Hass zeigen sich nun unverhohlen. Es ist zweifellos ein Verdienst von Pegida, dass sich dafür niemand mehr schämt. Ich möchte Einsiedel verstehen. Ich möchte wissen, warum die Menschen, die dort protestieren, so viel Ablehnung gegen Andere empfinden, die sie noch nicht einmal kennen, die teilweise noch nicht einmal vor Ort sind.

Über die Facebook-Gruppe "Einsiedel sagt NEIN zur EAE" verabrede ich mich mit Betreibern des sogenannten Info-Standes, der im Dauer-Einsatz bereit steht, um den besorgten Bürgern ein Forum zu bieten. Als ich am frühen Abend mein Auto auf dem Parkplatz des Getränkemarkts abstelle, wirkt alles wie ausgestorben. Ich gehe durch den Ort bis zum Info-Stand, dort brennt schon ein Feuerchen und ein paar Leute sind zu sehen. Ich werde gleich namentlich begrüßt, man habe sich über mich informiert. Ich bekomme Kaffee und eine junge Frau hantiert mit einer Selfie-Stange, um mich zu filmen. Der Hauptredner der Mittwochsdemo stellt sich mir vor. Es geht nun darum, weshalb auf einmal für Flüchtlinge Geld da sei und für Deutsche nicht. Eine Frau bemängelt etwa die Qualität der Kinderspielplätze. Ein Mann sagt, es sei doch nicht in Ordnung, dass in einer Schule aufgerufen wird, für ein syrisches Kind Spenden zu sammeln, wenn die deutschen Kinder so viel Geld in der Schule für Sachen bezahlen müssen. Ich versuche zu antworten, doch ich komme nicht dazu. Dass niemand gezwungen wird, für das syrische Kind zu spenden kann ich noch sagen, die Konsequenzen des Urteils für Lernmittelfreiheit auszuführen ist leider zu komplex für die Gesprächssituation.

So ist es mit vielen Dingen: Es werden Themen angesprochen, über die man sich in Ruhe unterhalten müsste, weil sie nicht mit drei Worten beantwortet werden können. Doch es geht hier nicht ums Unterhalten, es ist kein Austausch gefragt. "Ich hör hier mal auf, ist sinnlos", sagt die Frau mit der Selfiestange und beendet ihren Dreh. Sie trifft es damit ganz gut. Es gibt nur eine Möglichkeit, in dieser Situation bei den Leuten gut anzukommen: Man müsste ihnen zustimmen. Und das kann ich nicht. Einer, dem das leichter fällt, steht auch mit in dem Pulk - Nico Köhler vom CDU-Kreisverband Chemnitz. Er ist bereits eingetaucht in die heimelige Lagerfeuer-Atmosphäre am Info-Stand und sprach in einem Interview von einer "gigantischen Solidarität", die er dort erlebe. Die gibt es tatsächlich - unter den Deutschen, die einer Meinung sind, dass Flüchtlinge hier nichts zu suchen haben.

Für Nico Köhler ist das alles eine Frage der Sozialisation. Er kennt die Leute eben von früher, aus dem Plattenbaugebiet "Fritz Heckert"  - das verbindet. Dass die Verbindungen aus dem "Heckert-Gebiet" bis zu Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe führten - da nimmt man es hier nicht so genau.

Wie Nico Köhler habe ich auch mal in einem Plattenbau der Karl-Marx-Stadt gewohnt. Wer in Chemnitz aufwächst, lernt meist auch irgendwann Leute mit 88-Kennzeichen und Thor-Steinar-Pullover kennen. In meinem Fußballverein gab es die zum Beispiel auch. Ich habe mir dann einen neuen Verein gesucht. Man hat immer eine Wahl. Nachdem das Gespräch am Info-Stand von allen Beteiligten als ausreichend nutzlos empfunden wurde, um es zu beenden, werde ich noch zum Pionierlager gefahren. Wie es sich wohl anfühlen muss, jetzt da drin zu sitzen, überlege ich. Und wie lächerlich es ist, dass 500 Menschen demonstrieren, weil 40 Flüchtlinge aus Afghanistan dort hinter einem Zaun "hausen". Dann beginnt die Demo und alle gehen auf ihren Posten, die Wortführer Richtung Mikrofon und ich an den Rand. "Moment", heißt es dann, "können wir noch zusammen ein Foto machen?". Eher nicht, denke ich. "Damit passiert überhaupt nichts Schlimmes, ich war neulich erst bei der Zwickauer Oberbürgermeisterin Pia Findeiß zum Gespräch und wir haben auch ein Foto gemacht!". Super Argument, denke ich, Pia Findeiß hat auch schonmal unwissentlich mit dem NPD-Funktionär Jens Gatter ein gemeinsames Foto bei einem Schwimmwettkampf gemacht. Also kein Foto.

Die Kundgebung verläuft unspektakulär, das Publikum ist heterogen; kahle Muskelmänner in Sportjacken wie alte Ehepaare mit Hund. Die Menschen, die bei zwei Grad und Schneeregen ausharren, fühlen sich verraten. Von der Politik, die ihnen Ausländer vor die Nase setzt, obwohl sie keine wollen. Von der Presse, die immer ein paar Demonstranten weniger zählt, als sie selbst. Und seit dieser Woche auch noch von der Polizei, die hat nämlich am Vortag eine Sitzblockade vor dem Heim abgeräumt, bei der einige Besorgte versuchten, Familien aus Afghanistan den Weg in ihre Unterkunft zu versperren. Ein Redner tönt: "Wir haben den Polizisten letztes Jahr Blumen geschenkt und nun behandeln sie uns so!" Buh-Rufe aus dem Publikum begleiten die Empörung und die Demonstranten beklagen so den Verlust ihrer vermeintlichen Verbündeten.

Nun beginnt der sogenannte Schweigemarsch. Der Zug setzt sich in Bewegung, vorbei an einer übergroßen Pyramide. Auf einem der ersten Protestflyer, die von "Einsiedel sagt Nein" verbreitet wurden, stand die Befürchtung geschrieben, man dürfe bald zu Weihnachten keine Schwibbögen mehr aufstellen. Da steht die Einsiedler Pyramide wie eine rotierende Trutzburg im Schneeregen als sei sie das Symbol des hiesigen Widerstands gegen die Bedrohung durch "Invasoren". Sie wird bedroht durch Menschen wie den schmächtigen kleinen Mann hinter dem großen Eisenzaun. Ich gehe zurück zu meinem Auto. Der Parkplatz des längst geschlossenen Getränkemarktes ist nun rappelvoll mit Autos. Offensichtlich müssen manche Einsiedler mit dem Auto anreisen, um zu protestieren. Neben mir parkt ein Opel mit 88-Kennzeichen als wäre ich in einem schlechten Film.