Montag, 13. Februar 2017

Gleich zwei „Trauermärsche“ in Dresden

Erstmals fanden im Vorfeld des Gedenktages in Dresden gleich zwei Neonazi-Demonstrationen statt. Durch eine größtenteils interne Mobilisierung wurde eine breite öffentliche Wahrnehmung umgangen – mit Erfolg. Die Teilnehmerzahlen sind wieder gestiegen, aufgrund relativ wenig Gegendemonstranten gingen Blockadekonzepte kaum auf.

Nicht zum ersten Mal wollte Gerhard Ittner mit seinen Anhängern durch Dresden ziehen, doch dem Holocaust-Leugner kam in der Vergangenheit auch ein Gefängnisaufenthalt in die Quere. Am vergangenen Wochenende sollte es dann jedoch soweit sein. Ittner hatte für seine Veranstaltung anlässlich des „alliierten Bombenterrors“ gleich mehrere Redner angekündigt, doch er wollte offensichtlich mit den lokalen Neonazi-Strukturen keine Kooperation eingehen. Dementsprechend distanzierten sich diese von der Veranstaltung des 58-Jährigen, das Bündnis „Dresden nazifrei“ rechnete mit weit unter 100 Teilnehmen.

Nationalsozialismus - „Modell für die ganze Welt“

Am Ende versammelten sich am Zwingerteich über 150 Anhänger Ittners, darunter zahlreiche bekannte Holocaust-Leugner. Man solle sich „darauf besinnen, was Adolf Hitler dem deutschen Volk mit dem Nationalsozialismus an die Hand gegeben“ habe. Dies wäre heutzutage ein „Modell für die ganze Welt“, so Ittner. Die Polizei schritt angesichts dieser Rede jedoch nicht ein, Ittner wurde lediglich verwarnt, der Staatsschutz ermittelt.

Auch andere bekannte Szenegrößen standen dem Demo-Anmelder in nichts nach. „Der Nationalsozialismus richtet sich nie gegen andere Völker“, ergänzte laut MDR Sylvia Stolz; Bernhard Schaub, Gründer der antisemitischen „Europäischen Aktion“, führte die kruden Reden dort, sprach von einer „weißen Menschengemeinschaft“. Die Ausführungen und teilweise vollzogenen Relativierungen zum Zweiten Weltkrieg sorgten für heftige Reaktionen in den Sozialen Netzwerken und spiegelten sich auch in den Medien wider. Ittner zog mit seiner Ansammlung an Holocaust-Leugnern und deren Reden mehr mediale Aufmerksamkeit auf sich als der eigentliche, im Anschluss stattfindende, „Trauermarsch“.

Während der Route trug Ittner eine Reichskriegsflagge stolz zur Schau, eine lange Route sollte es jedoch nicht werden. Nach wenigen Hundert Metern hielt eine erste Blockade an der Marienbrücke stand, die Truppe machte kehrt marsch Richtung Ausgangspunkt.

Nicht wenige Rechtsextreme nutzten die Gunst der Stunde und zogen im Anschluss weiter Richtung Hauptbahnhof, wo dann zu 16 Uhr die lokalen Neonazi-Strukturen um Maik Müller zu ihrem „Trauermarsch“ mobilisiert hatten. Die Gruppe „durchgezählt“ kam auf 620 bis 660 Teilnehmer, eine mit 2016 vergleichbare Zahl.

Mehr Unterstützung erhofft

Der Trupp, dem sich lokale und regionale NPD-Strukturen, der Landeschef aus M-V, Stefan Köster, oder der umtriebige Kader Dieter Riefling anschlossen, mied die Altstadt. Es ging durch die für die Revisionisten wenig attraktive Südvorstadt, einige Sitzblockaden waren schlicht zu klein, die Rechtsextremen wurden daran vorbeigeleitet, eine massive Verkürzung wie rund zwei Stunden zuvor misslang.

Dresden nazifrei rechnete mit 500 bis 600 eigenen Anhängern, vierstellige Teilnehmerzahlen wie in den Jahren zuvor konnten nicht mobilisiert werden. „Nach über zwei Jahren rechter Hetze ist offenbar der Wille, sich aufzulehnen, praktisch vollständig erlahmt, resümiert das Bündnis den Verlauf des Sonnabends. „Auch die strammsten Nazis können Dresden nicht aus der eigenen Lethargie reißen“, heißt es weiter in dem Fazit.

Zwar beteiligten sich nur noch rund ein Zehntel der Anhänger am „Trauermarsch“, vergleicht man die Zahlen mit den über 6.000 aus mehreren Ländern angereisten Neonazis aus den Jahren 2009 und 2010. Doch der Strategiewechsel ist durchaus von Erfolg gekrönt. Der Revisionist Maik Müller meldete für den 18. Februar eine Demonstration an, den 11. schien man Ittners Gefolgschaft überlassen zu wollen. Erst zwei Tage vorher, um die Frist zu wahren, erfolgte schließlich die Anmeldung für den eigentlichen Tag. Beobachter hatten zwar mit einer derartigen Vorgehensweise gerechnet, doch für eine breite Mobilisierung seitens der Zivilgesellschaft reichte dies offenbar nicht (mehr) aus.