Mittwoch, 01. Juli 2015

Flüchtlingshelfer in Freital: Von Baseballschlägern und Jagdszenen

Der Ort Freital steht seit Tagen wie kein anderer Ort für das „hässliche Deutschland“. Dutzende Asylgegner mobilisieren massiv zu Protesten, wenige Aktivisten halten dagegen. Eine junge Frau, die anonym bleiben möchte, berichtet von der Lage vor Ort.

Asylfeindliche Demo in Freital, Foto: Marcus Fischer

Im Februar 2015 wurde bekannt, dass das Leonardo-Hotel in Freital zukünftig als Flüchtlingsunterkunft genutzt werden soll. Daraufhin gründete sich die „Bürgerinitiative“ „Freital wehrt sich – Nein zum Hotelheim“ in Freital; innerhalb kürzester Zeit verzeichnete die entsprechende Facebook-Seite über 1000 Unterstützer. Der Tonfall auf dieser Seite war von Beginn an rassistisch und menschenverachtend.

Die von der „Bürgerinitiative“ initiierte Unterschriftensammlung gegen die Nutzung als Flüchtlingsunterkunft erhielt über 800 Unterschriften und lag in verschiedenen Freitaler Geschäften aus, in Baumärkten, im Fitnessstudio und Lebensmittelmärkten.

Mobilisierung über Facebook

Im Laufe der Zeit entstanden weitere Seiten auf Facebook mit dem Ziel, gegen das Heim, gegen Asylsuchende und ihre Unterstützer vorzugehen und zu hetzen: „Frigida“, „Bürgerwehr FTL“ und „Widerstand Freital“.

Am 6. März kam es schließlich zur ersten Demonstration der sogenannten Bürgerinitiative: Aus dem Stand beteiligten sich daran ca. 1.500 Personen. Während dieser Versammlung kam es zu Ausschreitungen: Etliche Menschen versuchten in Kleingruppen zur Sammelunterkunft durchzubrechen. Zuvor hatten die Teilnehmer der rassistischen Demonstration die genehmigte Route verlassen und versuchten im Verlauf des Abends, zur Asylsuchendenunterkunft zu ziehen.

In den folgenden Wochen kam es jeweils freitags zu Protesten in Freital gegen die Asylpolitik; die Teilnehmerzahl ging nach der ersten Demonstration stark zurück, in den letzten Wochen kamen nur noch rund 300 Personen zusammen.

Unabhängig davon fanden immer wieder spontane Proteste vor der Geflüchtetenunterkunft statt, an der sich bis zu 100 Personen beteiligten. Während dieser Aktionen wurden Flüchtlinge, die sich vor der Unterkunft aufhielten, von den Asylgegnern fremdenfeindlich bedroht und beleidigt („Verpiss dich, du hässliche Fotze“ etc.).

Unterstützung durch Lutz Bachmann

Die fremdenfeindliche Initiative kündigte während ihrer wöchentlichen Veranstaltung am 19. Juni eine Sommerpause an. Gleichzeitig zu dieser Protestveranstaltung fand im Kulturhaus Freital eine öffentliche Bürgerrunde mit Innenminister de Maizière statt, an der auch Pegida-Chef Lutz Bachmann und Tatjana Festerling teilnahmen. Vor dem Gebäude protestierte die „Bürgerinitiative“ gemeinsam mit AfD- und NPD-Stadträten gegen die aus ihrer Sicht verfehlte Asylpolitik.

Am darauffolgenden Montag wurde bekannt, dass die Freitaler Flüchtlingsunterkunft, in der bis dato rund 100 Personen lebten, als vorübergehende Erstaufnahmeeinrichtung genutzt werden soll. Daraufhin wurden auf diversen Facebook-Seiten sofort Asylgegner mobilisiert und dazu aufgerufen, ihren Unmut vor Ort zu äußern. Auch Lutz Bachmann befand sich unter den Protestierenden. Bewohnern der Unterkunft wurde schließlich von der Polizei empfohlen, aus Sicherheitsgründen die Fenster zu schließen.

Es fanden sich ca. 40 Unterstützer vor Ort ein, um die Flüchtlinge vor rassistischen Übergriffen zu schützen.

Auch am darauffolgenden Tag wurden über Facebook-Seiten Asylgegner mobilisiert. Die Polizei war – im Gegensatz zum Vortag – mit einem größeren Aufgebot vor Ort, die Gegner skandierten in Hörweite der Unterkunft fremdenfeindliche Parolen. Nach Beendigung der Versammlungen und Abzug der Asylgegner planten die auch an diesem Abend zahlreich erschienen Unterstützer (ca. 200) der Flüchtlinge die gemeinsame Abreise nach Dresden.

Auf Verfolgungsjagd

Da der ursprüngliche Abreiseort der Dresdner Unterstützer, ein Freitaler Bahnhof, von einer ca. 40 Mann starken Gruppe, dem Anschein nach aus der Hooligan-Szene belagert wurde, entschied sich die Polizei, die abreisenden Menschen zu einem anderen Bahnhof zu leiten. Auch dort fanden sich in den Nebenstraßen Rechtsextreme ein, um die Abreisenden zu attackieren. Es flogen Böller, auf der Hauptstraße wurden Jugendliche durch offensichtliche Hooligans gejagt. In sämtlichen Nebenstraßen des Bahnhofs fanden sich Kleingrüppchen Neonazis ein, die mühsam von der Polizei in Schach gehalten wurden.

Am nächsten Tag wurde bekannt, dass angereisten Unterstützern Autoreifen zerstochen wurden und es eine Verfolgungsjagd von Freital nach Dresden gegeben habe, in dessen Folge einem Aktivisten die Autoscheibe mit einem Baseballschläger zertrümmert wurde.

Vergangene Woche traf ein Bus mit weiteren Flüchtlingen ein. Die Aktivisten vor Ort nahmen die Neuangekommenen in Empfang und solidarisierten sich mit ihnen, während die Asylgegner in Hör- und Sichtweite Parolen skandierten („Kriminelle Ausländer raus. Und der Rest? Auch!“, „Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen“). Auch diesmal war die Polizei zahlreich vor Ort und verhinderte, dass Rechtsextreme auf das Gelände der Unterkunft gelangen konnten.

Unterstützung erhielten die Aktivisten etwa durch die Dresdner Band Banda Comunale und einige Zeit wurde gemeinsam mit den Geflüchteten der Unterkunft gesungen, getanzt und gelacht. Im späteren Verlauf des Abends und nach Beendigung der Veranstaltung wurden erneut Flaschen auf Aktivisten geworfen, dabei wurde eine Person verletzt.

Antilopen Gang kommt nach Freital

Die täglichen Aufmärsche der Rassisten vor der Geflüchtetenunterkunft führten zu einem großen Medienecho, viele Menschen zeigten sich solidarisch mit den Asylbewerbern und unterstützen die Aktivisten vor Ort.


Über 500 Personen besuchten das Konzert der Antilopen Gang, Foto: Marcus Fischer

Die bisher größte Solidaritäts-Veranstaltung fand vergangenen Freitag statt, an der bis zu 550 Personen teilnahmen, die sich gegen die rassistischen Aufmärsche stellten. Der Auftritt der Antilopen Gang sorgte für eine ausgelassene Stimmung, während auf der anderen Seite der Polizeiabsperrung Rechtsextreme ihre üblichen Parolen skandierten. Unterstützung erhielten sie diesmal von einer Gruppe aus ca. 30 Personen aus dem Dresdner Hooligan-Spektrum. Auch an diesem Abend gab es Verhaftungen, da mehrfach Hitlergrüße gezeigt worden seien.