Mittwoch, 11. Januar 2017

Merck-Gesellschafter: In einem Boot mit Holocaustleugnern

Der Merck-Konzern ist das älteste pharmazeutisch-chemische Unternehmen der Welt und beschäftigt 50.000 Menschen. Eine TV-Dokumentation enthüllt: Markus Stangenberg-Haverkamp, Merck-Gesellschafter und Sohn des Konzern-Chefs, ist Teil eines rechtsextremen Netzwerks.

Merck, Foto: Screenshot

Der Merck-Konzern ist das älteste pharmazeutisch-chemische Unternehmen der Welt und beschäftigt 50.000 Menschen. Eine TV-Dokumentation enthüllt: Markus Stangenberg-Haverkamp, Merck-Gesellschafter und Sohn des Konzern-Chefs, ist Teil eines rechtsextremen Netzwerks.

Frau Woj, die Aufdeckung rechtsextremer Seilschaften des Merck-Sohnes Markus Stangenberg-Haverkamp sorgt bereits vor der Ausstrahlung ihrer Dokumentation „Das braune Netzwerk“ für Aufregung. Was steckt dahinter?

Im Ergebnis unserer einjährigen Recherche können wir nachweisen, dass Markus Stangenberg-Haverkamp tief in rechtsradikale Kreise verstrickt ist.

Welche Verbindungen konnten Sie offenlegen? 

Wir zeigen, dass Markus Stangenberg-Haverkamp eine Art Doppelleben führt. Unter seinem bürgerlichen Namen ist er Mitglied der Gesellschafterversammlung von Merck, dem ältesten pharmazeutischen Konzern der Welt mit einem Jahresumsatz von mehr als 12 Milliarden Euro. In seinem bislang verdeckten Leben ist er in internationalen Kreisen von Rassisten und Holocaustleugnern aktiv. Darunter im „Deutschen Kolleg“ (siehe Infokasten) von Reinhold Oberlecher und Horst Mahler.

Wie genau ist Stangenberg-Haverkamp in diese Netzwerke eingebunden?

Er gehört seit Jahren zum „Deutschen Kolleg“, nahm im Jahr 2006 in Teheran an einer sogenannten Holocaust-Konferenz teil. Ebenfalls vor Ort waren Rechtsextremisten aus 30 Ländern. Stangenberg-Haverkamp bot sich dort als Dolmetscher an.

Haben Sie den Merck-Konzern mit Ihren Erkenntnissen konfrontiert? Wie hat er reagiert?

Ja, das haben wir, auch mit Details. Merck bezeichnete die Verbindungen als „private Angelegenheit“ von Markus Stangenberg-Haverkamp. Merck erklärte: „Private Angelegenheiten von Anteilseignern sind ohne Relevanz für das Unternehmen“.

Mit dem Outing Stangenberg-Haverkamps ist es Ihnen gelungen, die Verbindungen von Rechtsextremen in exklusive Wirtschaftskreise aufzudecken. Welche Agenda verfolgen diese Kräfte?

Die Allianz von Rechtspopulisten, Antidemokraten und der Neuen Rechten arbeitet am Entstehen einer außerparlamentarischen Bewegung. Das Volk soll auf die Straßen getrieben, Aufruhr gesät werden. Im Hintergrund agieren Strategen wie Oberlercher oder auch Götz Kubitschek. Sie entwickeln die Strategien und versorgen das gesamte rechte Lager mit der nötigen Ideologie. Das ist das braune Netzwerk, welches wir aufdecken wollen. Radikalste Kräfte und pseudo-gemäßigte Agitateure ziehen in Wahrheit an einem Strang.

Eine der Gruppen, die Identitäre Bewegung, wurde zuletzt für die gescheiterte Besetzung der CDU-Zentrale in Berlin belächelt. Ein Fehler?

Ja! Die Identitäre Bewegung erreicht in den sozialen Netzwerken zehntausende meist junge Menschen. Sie sammeln junge Rechte, sind gebildet, presseaffin und fallen nicht weiter auf. Nicht umsonst suchen einzelne AfD-Vertreter demonstrativ deren Nähe. Auch das zählt zur Strategie.

Die Erfolge der AfD zeigen: Das rechte Lager ist im Aufwind. Warum gerade jetzt?

Das große Glück der Rechten ist die sogenannte Flüchtlingskrise. Sie greifen Vorurteile auf und drängen so in die Mitte der Gesellschaft. Im Grunde wollen sie jedoch die Abschaffung der Demokratie, auch wenn sie das so deutlich niemals sagen würden.

In der breiten Öffentlichkeit sind die Netzwerke der Neuen Rechten kaum bekannt. Werden sie unterschätzt?

Die Gesellschaft insgesamt und auch die Medien schauen zu wenig hin. Netzwerke wie das „Deutsche Kolleg“, das eigentlich eher eine Kampfgemeinschaft in Vereinsform darstellt, sind eher unbekannt.

Haben Sie im Zuge Ihrer Recherchen mit den Sicherheitsbehörden kooperiert?

Nein. Wir haben mit denen nicht zusammengearbeitet. Aus dem einfachen Grund, dass wir denen nicht trauen.

Wie schwierig war es, eine TV-Dokumentation mit diesem Inhalt zu realisieren?

Grundsätzlich finde ich, dass in den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten eine starke Entpolitisierung stattfindet. Politische Filmstoffe zu verkaufen, wird immer schwerer. Das hat auch mit der immer gleichen Quoten-Diskussion zu tun. Das muss unbedingt kritisiert werden, insbesondere vor dem Hintergrund einer hochgradig besorgniserregenden politischen Entwicklung.

Die TV-Dokumentation „Das braune Netzwerk“ wird am Mittwoch (11. Januar 2017) um 22.10 Uhr im WDR ausgestrahlt.

Der Artikel erschien zuerst beim vorwärts /Autor: Robert Kiesel