Samstag, 05. Juni 2010

Über Habitus, Ideologie und Praxis: Im Gespräch mit Henning Eichberg (Teil 1)

Im Sommer 2009 besuchten Robert Scholz und Mathias Brodkorb Henning Eichberg in Dänemark. Eichberg gilt als der vielleicht wichtigste Stichwortgeber für die heutige ethnopluralistische Programmatik der NPD, wechselte nach eigenen Angaben jedoch schon in den 1970er Jahren die politischen Seiten von ganz rechts nach ganz links und gehört heute der dänischen Linkspartei an. Über eben diese Wanderung zwischen den politischen Welten sprachen wir mit Eichberg. Was das mit der „Extremismustheorie“ zu tun hat, können Sie im nachfolgenden Interview erfahren.


ENDSTATION RECHTS.: Herr Eichberg, zu Beginn die unvermeidliche Frage: Wie kamen Sie eigentlich zur politischen Rechten?

Henning Eichberg: Ich wurde mit meiner Familie 1945 aus Schlesien vertrieben, wuchs dann in der DDR auf und gelangte 1950 durch illegalen Grenzübergang nach Westen. Dort wollte ich gern ankommen. 1962-64 ging ich für zwei Jahre zur Bundeswehr und wurde Reserveoffizier.
Also Entheimatung. Das verarbeitete ich in einem klassisch-rechten Muster. Mit dem Jahr 1961 begann ich für Nation Europa und den Deutschen Studentenanzeiger (DSA) zu schreiben. Drei Themen standen im Vordergrund meiner Schreiberei. Erstens: Für die deutsche Einheit, gegen die Abtrennung der deutschen Ostgebiete; dann: Rechtfertigung der deutschen Bundeswehr gegen die Militärkritik; und schließlich: gegen die Linke, Antikommunismus. Das war ein klassisches Muster rechter Denkweise. Die Bewältigung der NS-Vergangenheit, die das Thema Nr. 1 der Alten Rechten war, war unter meinen Themen zwar deutlich unterrepräsentiert. Dennoch hatte das ganze einen defensiv-restaurativen Grundton.

ENDSTATION RECHTS.: Sie kommen selbst auf die „Alte Rechte“ zu sprechen, gelten doch aber – jedenfalls in Deutschland – als einer der Repräsentanten und ideologischen Köpfe der „Neuen Rechten“. Wie hat sich dieser Wandel bei Ihnen vollzogen?

Eichberg: Hier mischten sich ideologische und habituelle Aspekte. Insgesamt bin ich der Überzeugung, dass das Ideologische in der Politik weit überschätzt wird. Sehen Sie sich nur das Jahr 1968 an! Die Aufruhrbewegung kam mit einer Plötzlichkeit und Wirkung, die die gesellschaftliche Analyse weiterhin vor ein Rätsel stellt. Wie konnte es dazu kommen – national und international? Die Unruhe glich einer Energie-Explosion – und dann war nach ein paar Jahren wieder Schluss damit. Bisher ist das Phänomen 1968 meist ideengeschichtlich erörtert worden. Das reicht aber nicht aus. Was wir brauchen, ist ein materialistischer Zugang. Aber was ist Materialismus? Der materialistische Zugang betrifft das Verhältnis von habitueller Praxis und Ideen zueinander. Also: denken wir uns eine basale gesellschaftlich-körperliche Erfahrung, die sich in Aktion umsetzt, und im ideologischen Überbau dann in allerlei Theorien, Manifeste, Visionen, Ideologien und Revolutionsphilosophien übersetzt wird.
Was nun meine eigene Person angeht, überlagern sich mehrere Erfahrungen: Ich begann als Schüler und Student absurde Literatur zu schreiben, Gedichte und kafkaeske Kurzgeschichten. Ab 1968 setzte ich das, was ich damals “Pop-Lyrik“ nannte, in die Kulturseiten der rechten Studentenzeitschriften actio und student. Diese Literatur wich aber im sprachlichen Duktus ab vom rechten Stil. Und es brachte mich in meinem Hamburger Umfeld – Universität, Literatenkreise – in Zusammenhänge, die links waren. Das war also eine vorpolitische oder unterpolitische, habituelle Seite des Widerspruchs.

Parallel hierzu entwickelte sich mit der Studentenbewegung eine Gesellschaftskritik, eine Empörung, die bei mir “ankam“ und die sich ab 1967 dann in meinen Aufsätzen niederschlug. Die Kritik richtete sich gegen die “Konsumgesellschaft“, gegen “die Herrschenden“ und das “Establishment“. Diese neue Oppositionsbeziehung drängte auf die Dauer das Feindbild “die Linke“ in den Hintergrund. Inhaltlich begab ich mich damit auf den Weg zur Strukturkritik und zum Sozialismus – was immer darunter zu verstehen war. Diese Wende führte jedenfalls ab 1968 zu Kontroversen mit Konservativen im rechten Lager.

Und dann ist da noch die dritte Erfahrung: Im Jahr 1966 begegnete ich in einem Zeltlager den französischen Nationalisten der Fédération des Étudiants Nationalistes und eben auch Alain de Benoist. Hier war man nicht konservativ, sondern “revolutionär“ und bezog sich auf sozialistisch-syndikalistische Traditionen. Hier verstand ich erstmals, was den Unterschied zwischen den „Alten“ und der „Neuen Rechten“ ausmachte.

ENDSTATION RECHTS.: Aber in welcher Form fanden diese Erfahrungen nun bei Ihnen eine gemeinsame Gestalt? Wie konnten Sie das alles miteinander vereinbaren?

Eichberg: Der Übergang zu dieser neuen Konfiguration war zunächst weniger ideologischer Art als vielmehr habituell. Er zeichnete sich mehr in Sprache und Intonation ab als in expliziten Inhalten. Wahrscheinlich ist das Habituelle ohnehin wirkungsvoller als alles andere. 1967/68 traf die eine Fundamentalopposition (rechts) auf die andere Fundamentalopposition (links). Gemeinsamer Nenner war die Konfrontation mit der Entfremdung und ein daraus folgender widerständiger Habitus. Wahrscheinlich konnte man genau deshalb miteinander sprechen. Dass das durchaus möglich war, erlebte ich in meinem Umkreis in Hamburg, wo ich in Kreisen von Schriftstellern umging, die in Konkret veröffentlichten. Vor allem aber hatte das Französische 1968 seine Wirkung. Im Sommer 1968 war ich in Strassburg, wo meine nationalistischen Freunde mich mit Anarchisten und europäischen Föderalisten in Verbindung brachten. Und sie zeigten mir auf der Straße: Hier standen wir, dort die Trotzkisten, dort die Anars, und von dort drüben kam die Polizei… Ich bekam auch jenes situationistische Manifest in die Hand, das die Entfremdung der Gesellschaft des kapitalistischen Spektakels und die Empörung der Jugend beschrieb; es war von der Studentenvertretung der Universität Strassburg herausgegeben worden und galt als der einzige Text, der die Explosion des Mai 68 vorwegnahm. Vielleicht liegt hier auch der Kern des Radikalismusbegriffs. Radikal ist eine Fundamentalopposition – über die sich reden lässt. Das bildet einen Unterschied zum Extremismus, dem es um die Ausrottung des anderen geht, darum Gewalt. Insofern gehörte ich damals zum Rechtsradikalismus, aber nie zum Rechtsextremismus.

ENDSTATION RECHTS.: Wenn Sie in der Kritik und Ablehnung der „Entfremdung“ einen gemeinsamen, vielleicht sogar habituellen Konsens zwischen „Neuer Linker“ und „Neuer Rechter“ ausmachen, was waren dann damals – also in den 1960er Jahren – die substanziellen Unterschiede zwischen „links“ und „rechts“?

Eichberg: Es gab da einen Zwischenschritt. Im Vordergrund stand für mich auf der Rechten, wie gesagt, zunächst Deutschland, die deutsche Einheit, besonders mit Blick auf das an Polen verlorene Ostdeutschland. Die deutsche Frage – mit dem biographischen Hintergrund der Vertreibung 1945 und dem Leben meiner Familie in der DDR bis 1950 – war es, die mich nach rechts brachte.
Nach und nach rückte jedoch Europa immer mehr ins Blickfeld. Das geschah zunächst über die Zeitschrift Nation Europa, für die ich ab 1961 schrieb, über die Lektüre von Sir Oswald Mosleys Buch Die europäische Revolution (von 1950) und über den Europäismus des Jean Thiriart, der gegen Mitte der sechziger Jahre in meinem Hamburger Umkreis Anhänger fand. Ab 1966 wurde die Europa-Orientierung verschärft und lebendig gemacht durch meine Begegnung mit den jungen französischen Nationalisten um die Zeitschrift Europe Action, aus der später die Nouvelle Droite hervorging.
Vom – französisch inspirierten – Europa-Gedanken führte auch eine Linie zur rassistischen Versuchung. Der saß ich zwar nicht gänzlich auf, sie schlug sich aber vereinzelt doch in meinen Schriften von 1967-70 nieder. Europas “weiße“ Identität – da lag eine rassische Deutung nur allzu nahe. Aber das blieb bei mir marginal, während die Vorstellung von einem “Europäischen Sozialismus“ eine stärkere Dynamik entwickelte.
Dass es sich bei der Europa-Orientierung letztlich um eine Flucht vor der deutschen Identität handelte, also um eine Flucht vor dem Volk, wurde mir erst später deutlich. Mein letzter Europa-Artikel erschien in den Burschenschaftlichen Blättern 1974. Damals kamen mir schrittweise Bedenken wegen des Mangels an Demokratie in der Europa-Schwärmerei.

ENDSTATION RECHTS.: Ihre erste Metamorphose, vom Alten zum Neuen Rechten, war also vor allem habituell begründet. Und diejenige vom „Rechten“ zum „Linken“?

Eichberg:
Ganz so einfach und eindeutig war der Übergang, wie gesagt, nicht. Es gab vielmehr diese Zwischenphase, die ich selbst die „faschistische Versuchung“ nenne, und die war gefährlich. Weiterhin stand nämlich für mich – und für das ganze Milieu, in dem ich mich damals politisch bewegte – der Feind links. Und die Kombination der beiden Richtungen – gegen links und gegen die Herrschenden – ist die klassische faschistische Option. Genauer: die Option der faschistischen Bewegungen. (Die faschistischen Regimes dagegen alliierten sich ja mit den Herrschenden.) Dem Bewegungsfaschismus kam ich damals nahe. Hinzu kam eine gewisse Faszination der Gewalt, die ich von der Neuen Linken und der Dritte-Welt-Solidarität übernahm. Die blieb zum Glück ästhetisch und wurde nie praktisch.

Außerdem stellte sich mir damals nicht ernsthaft die Demokratiefrage. Mein Beitrag zur Demokratiediskussion (im Deutschen Studentenzeiger im Juli 1968) war eher abwehrend und richtete sich gegen das linke Konzept der umfassenden “Demokratisierung“. Insofern war ich zwar kein Antidemokrat, hatte aber von der Zentralität der Demokratiefrage nichts begriffen. All das zusammengenommen – Feindbild, Gewalt, Mangel an Demokratiebewusstsein – bedeutete, dass ich eine offene Flanke zum Faschismus hatte, in meinem damaligen Verständnis: zum Linksfaschismus, zum Bewegungsfaschismus (immerhin im Unterschied zum Systemfaschismus). Dazu hatten meine Begegnungen mit den französischen Nationalisten 1966 wesentlich beigetragen, besonders auch die Lektüre zum “europäischen Sozialismus“ von Jean Mabire, der vom europäischen Faschismus von Pierre Drieu La Rochelle inspiriert war. Mit der faschistischen Versuchung war insofern auch das Thema Europa verbunden. Es gibt eine Affinität zwischen dem politischen Europa und dem Faschismus, weil beide nicht vom Volk, sondern von oben her gedacht sind. Das bildete übrigens einen Hintergrund dafür, dass ich mich dann später und gerade als Linker nicht mehr für das Projekt des politischen „Europa“ erwärmen konnte.

ENDSTATION RECHTS.: Mit Blick auf die Faschismus-Studien Sternhells könnte man also sagen, dass Sie umgekehrt den Faschismus von rechts startend zu seinen ursprünglich linken Wurzeln hin durchschritten haben. Aber wie kam es dazu?

Eichberg: Der eigentliche Perspektivenwechsel im Inhaltlichen, im ideologischen Überbau sozusagen, machte sich an der Bedeutung unterdrückter Völker und ethnischer Minderheiten fest. Hier spielten meine Irland-Reise 1971 und der Kontakt mit irischen Republikanern eine wichtige Rolle. Aber bereits 1968 war ich über die französischen Nationalisten auf das “Europa der Stämme“ aufmerksam geworden und hatte in Nation Europa darüber geschrieben. Und über das antikommunistische Engagement war ich ausserdem, besonders durch Vermittlung von Wolfgang Strauss, der einst in Workuta gesessen hatte, auf die bevorstehende Erhebung der osteuropäischen Völker gestoßen – was damals noch eine Träumerei war. Da ging es besonders um die Ukrainer, und während meines Aufenthalts in Stockholm 1968 war ich in engem Kontakt mit Esten und dem Baltischen Komitee. Die “Gesellschaft für bedrohte Völker“ wurde mir bald nach ihrer Gründung zur Inspirationsquelle. Erst damit wurde die Verbindung hergestellt zwischen Volk und Demokratie, nämlich über die Selbstbestimmung. Das berührte sich mit dem positiven Bezug auf die antikolonialen Bewegungen in der Dritten Welt (“Trikont“), den ich mit der Neuen Linken teilte. Und auf die Bewegungen in der Vierten Welt. Das Thema hieß nun nicht mehr Großraum und staatliche Einheit, sondern revolutionärer Nationalismus der kleinen Völker, Nationaldemokratie und Selbstbestimmung. Das nannte ich in den frühen siebziger Jahren “Ethnopluralismus“ (im Jungen Forum 1973) und “Sache des Volkes“ (1974), später auch “Balkanisierung für jedermann“ (1979). Hinzu trat dann schließlich noch die Umweltfrage. Als Nationalrevolutionär verfolgte ich damals eine Position „jenseits von links und rechts“, doch dieser Dritte Weg blieb eine Illusion.

In der zweiten Hälfte der siebziger Jahre liefen diese Übergänge dann bei mir persönlich schrittweise auf eine neue Identität bei der Neuen Linken hinaus. Das wurde gefördert zunächst durch die Auflösungserscheinung der marxistisch-leninistischen Orthodoxie, also die Öffnung der Ex-Maoisten und Spontis, und dann durch Rudi Dutschkes Wendung zur nationalen Frage. Sie machten es möglich, dass meine Artikel zur nationalen Frage jetzt in Zeitschriften des linkssozialistischen, antiautoritären und anarchistischen Spektrums erschienen. Meine politische Position speiste sich damals also aus vier Elementen: dem Verständnis der nationalen Frage als demokratische Selbstbestimmung und Abkoppelung vom westlichen Kapitalismus, dem Traum von einem genossenschaftlichen Sozialismus, der Demokratie als Kernfrage (dass mir dies erst so spät aufging, hatte ich auch mit der Neuen Linken gemeinsam; entsprechendes gilt für die Friedensfrage) sowie der grüne Frage. Und bei alledem stand immer der Kampf gegen die Globalisierung und den Neoliberalismus als Klammer und Quelle der Entfremdung im Hintergrund.

ENDSTATION RECHTS.: Das klingt nun alles aber sehr „ideologisch“ und nicht mehr habituell. Also waren die programmatischen Veränderungen doch entscheidender für den Gesinnungswandel?

Eichberg:
Das ist wohl richtig. Und doch nicht ganz. Der Übergang von der Rechten zur Linken war mehr als ein Ideologiewechsel. Er war nicht zuletzt ein Milieuwechsel, der die Veränderung des Habitus ermöglichte oder erleichterte. Mehrere Umzüge spielten dabei eine Rolle: 1968 von Hamburg nach Bochum (womit Beziehungen zur Alten Rechten und zur CDU abrissen), 1970 nach Stuttgart und 1976 nach Murrhardt, 1982 dann nach Dänemark. Diese milieumäßigen Auswanderungen machten mir Veränderungen möglich, an denen sich zum Beispiel Alain de Benoist aufgrund seiner Sesshaftigkeit in Paris vergeblich abkämpfte; er blieb bis heute im rechten Milieu verankert.
Der Übergang nach Murrhardt 1976 lässt sich z.B. klar an meinen Publikationen der späten siebziger Jahre ablesen. Milieu und Thematik war nun bestimmt durch Bürgerinitiativen und alternative Stadtzeitungen, Umweltfragen und Anti-AKW-Bewegung, Lokalpolitik, Kritik der Autogesellschaft und Kritik der Stadtplanung, Jugendhaus und örtliche Alternative Liste, Volksentscheid und Volksabstimmung, Basisdemokratie. Neue Themen überlagerten die alten.
Damit verschwand die nationale Frage jedoch keineswegs. Sie nuancierte sich jedoch und stellte sich auf andere Weise. Das zeigte sich dann an meinem Milieuwechsel nach Dänemark 1982. Nun waren Milieu und Thematik bestimmt von Volkshochschule und linkem Volksbegriff (dänisch folk), Grundtvigianismus und “volklicher“ Kulturkritik, Insellagern und dänischer Hippiekultur, unorthodoxer Linker, Socialistisk Folkeparti, Dritte-Welt-Solidarität und skandinavischem “Linksnationalismus“.

Wie auch immer, politische Position und Identität ist mehr als nur Meinung und mehr als ein Gebilde von Ideen. Meinungen sind Überbauten über einer Basis von Habitus (Körperlichkeit, Sprache und Praxisformen) und Milieu (Netzwerken und Relationen) und gesellschaftlichen Erfahrungen (“Entfremdung“). Diese sind durch reine Ideengeschichte nicht zu erfassen. Aber der Wandel von Ideen lässt Rückschlüsse auf basale Veränderungsprozesse zu.

ENDSTATION RECHTS.: Sie haben uns nun gesagt, dass Ihre neue „linke Identität“ aus vier konkreten Punkte bestand: nationale Selbstbestimmung, Demokratie, Sozialismus, Ökologie. Wir wissen aus der Geschichte, dass entsprechende Orientierungen je nach den historischen Gegebenheiten allerdings mal von Rechten und mal von Linken vertreten wurden. Daher folgende Frage: Was macht denn sozusagen überhistorisch einen Linken zu einem Linken und was einen Rechten zu einem Rechten? Könnten Sie das definitorisch auf den Begriff bringen?

Eichberg: Also zunächst mal: überhistorisch ist die Aufteilung zwischen Rechts und Links sicher nicht. Sie taucht erstmals auf im Zusammenhang mit der französischen Revolution und ist insofern gebunden an die moderne Demokratie. Außerhalb der modernen Volkssouveränität gibt es kein „rechts“ und „links“.
Im deutschen Vormärz waren dann erstmals links diejenigen, die für die Veränderung eintraten, die Revolutionäre und Republikaner, Demokraten und Sozialisten, die „Progressiven“ und „Volksfreunde“. Auf der anderen Seite stand ihnen die „Partei der Beharrung“ gegenüber. Der nationalrevolutionäre „Turnvater“ Friedrich Ludwig Jahn nannte sie in seiner lebendigen, knorrigen Weise die „Hemmänner der Zeit, die Herren von Sonst, Bleibe und Rückwärts“. Die Anhänger von Thron und Altar, die Monarchisten und Kirchentreuen, die Adelspartei, die Reaktion, die Konservativen – sie alle saßen rechts.
Diese Aufteilung der politischen Ideen gab jedoch nur so lange einen eindeutigen Sinn, als verfassungspolitische Fragen bestimmend waren. Die Rechts-Links-Achse war inhaltlich gebunden an die Alternative von Republik oder Monarchie, von Demokratie oder aristokratischer Elitenherrschaft. Sobald diese Frage ihre Zentralität verlor, sobald sie überlagert oder ersetzt wurde durch die soziale Frage, durch die nationale Frage und später durch die ökologische Frage, wurde es zunehmend schwerer, die Inhalte von Rechts und Links zu bestimmen.

ENDSTATION RECHTS.: Mit „überhistorisch“ meine ich eine Ideenwelt, die schon vor der modernen Demokratie von Relevanz war, egal ob sie „links“, „rechts“ oder wie auch immer genannt wurde. Das, was Sie „moderne Demokratie“ nennen, trat ja nicht urplötzlich und von selbst in die Welt, sondern hatte bereits Vorformen, die irgendwann zum Durchbruch kamen. Die Worte „links“ und „rechts“ wurden also erst im Rahmen der bürgerlichen Revolution so verwendet, wie von Ihnen beschrieben, allerdings mitnichten existieren die begrifflichen Konzepte erst seit dieser Zeit. Soweit also zu einem bloßen Missverständnis. Habe ich das ansonsten richtig verstanden? „Links“ bedeutet für Sie, von unten zu denken, vom „Volk“, ausgehend vom Emanzipationsaspekt? Und „rechts“ bedeutet für Sie, in Hierarchien und von oben zu denken, ausgehend vom Herrschaftsaspekt?

Eichberg: Ja, das ist unter den Bedingungen der modernen Demokratie der grundlegende Widerspruch. Mit anderen Worten: Rechts denkt man von der Macht aus, sei es von der Macht des Marktes und des Produzierens oder von der Macht des Staates – und des Kriegs. Links denkt man vom Volk aus – wer immer das sei – und das ist der Blickwinkel von Kritik, Empörung, Veränderung oder auch – mit Peter Sloterdijk zu sprechen – Zorn. Zwischen diesen Grundhaltungen gibt es Übergänge und auch Mischformen, aber keinen Dritten Weg.

Zum zweiten Teil des Interviews (ab 6. Juni 2010).