Mittwoch, 22. Februar 2017

Die Wortverdreher von der AfD

Populisten sind nicht nur Faktenvereinfacher, was grundsätzlich ja nicht schlecht ist, sie sind oft auch Fakten- und Wortverdreher. Heraus kommen dabei kleine Lügen und Unterstellungen, die euphemistisch als „alternative Fakten“ bezeichnet werden. Zum Themenkomplex Integration gab es hierzu von der AfD-Europaabgeordneten Beatrix von Storch wieder ein schönes Beispiel. Ein Kommentar.

Screenshot des Tweets von Beatrix von Storch

Am 5. Februar twittere die AfD-Europaabgeordnete Beatrix von Storch voller Empörung: „Jung. Muslimisch. Aktiv. JUMA. Zu Gast bei der CDU. Offiziell: Sie wollen keine Integration. Sie lehnen das ab...“

Junge Muslime wollen also keine Integration? Frau von Storch verlinkte in ihrem Tweet ein YouTube-Video von einer Veranstaltung der CDU/CSU-Bundestagsfraktion zum Thema „Deutschsein“ vom 18. Mai 2015.

Gekürztes Video verlinkt

Von Storch verlinkt aber nicht das Originalvideo der Veranstaltung, sondern nur einen 63-sekündigen Ausschnitt von der Plattform YouTube. Zu sehen ist darin eine junge Muslima mit Kopftuch, die auf die Frage, ob die Diskussion über Integration mit der Lebenswelt junger Muslime übereinstimmt, folgendes antwortet:

„Der Diskurs über Integration allgemein ist ziemlich unbeliebt bei JUMA, weil wir uns natürlich nirgendwohin integrieren müssen.“

Wer die junge Frau ist, die in dem Videoausschnitt akzentfrei Hochdeutsch spricht, wer oder was JUMA ist, all das wird bei von Storch nicht weiter erläutert. Die kurze Passage wird lediglich genutzt, um die Aussage „Offiziell: Sie wollen keine Integration“ zu treffen, obwohl dies so überhaupt nicht gesagt wird.

Heimat Deutschland

Bereits der Videoausschnitt wirbt mit dem englischen Titel, dass Muslime keine Integration wollten. Die Kommentare aus allen Teilen der Welt auf YouTube sind eindeutig. Tenor: Dann sollen die Muslime doch in ihre Heimatländer gehen.

Wohin geht jedoch ein Muslim, wenn Deutschland das Heimatland ist?

Die junge Frau, die in dem Video zu sehen ist, heißt Leila El-Amaire. Sie ist Studentin der Rechtswissenschaften aus Berlin, wo sie 1991 auch geboren wurde. In einem YouTube-Video von 2016 erklärt sie, die auch als Poetry-Slammerin aktiv ist, die Bedeutung der Kunstfreiheit im deutschen Grundgesetz. Sehenswert ist dieses Video aktuell für alle jene, die mit Kunstinstallationen im öffentlichen Raum ihre Probleme haben, beispielsweise Bussen in Dresden.

JUMA ist eine mehrfach ausgezeichnete Initiative junger Muslime, die dazu beitragen soll, das Selbstverständnis und die demokratische Partizipation von jungen Muslimen in Deutschland zu stärken und in der Öffentlichkeit ein differenziertes Bild des Islam und der Muslime zu schaffen. Die dort aktiven Jugendlichen und jungen Erwachsenen sind meist in Deutschland geboren und aufgewachsen, sind fester Bestandteil dieses Landes.
Indem Beatrix von Storch unterstellt, dass die bei JUMA aktiven jungen Deutschen, denn um solche handelt es sich, keine Integration wollten, diese gar ablehnten, verdreht sie die Fakten, erzeugt sie einen „alternativen Fakt“. Denn ein in Deutschland geborener und aufgewachsener Deutscher muss sich, ungeachtet seiner Religion, in Deutschland selbstverständlich nicht integrieren.

Die Gefolgschaft der AfD goutiert von Storchs „alternativen Fakt“ mit Applaus. Dabei zeigt das Beispiel sehr schön, was „alternative Fakten“, insbesondere solche über Menschen, sind: vor allem niederträchtig.

Konter von El-Amaire

Denn Beatrix von Storch spaltet bewusst. Sie unterstellt indirekt, dass Deutsche, nur weil sie den muslimischen Glauben haben, einen speziellen Integrationsbedarf hätten.

Wer aber von einer in Deutschland geborenen Frau wie Leila El-Amaire, die die deutsche Sprache besser beherrscht und das Grundgesetz besser verinnerlicht hat als wohl etliche AfD-Anhänger, fordert, sich zu integrieren, der sollte erst einmal vor der eigenen Türe kehren. Der muss nämlich bei denen weitermachen, die auf AfD-Kundgebungen „Volksverräter“ und „Lügenpresse“ brüllen und die die grundlegenden Leitgedanken des deutschen Staates eben nicht verinnerlicht haben.

Die Betroffene „Integrationsverweigerin“ hat den Videoausschnitt übrigens schon im Dezember sehr elegant gekontert – in Form einer fiktiven Tagesschau auf der Facebook-Seite von iSlamm, die absolut sehenswert ist