Montag, 16. Januar 2017

„Bitte zerfleischt Euch“: AfD-Verbände streiten über Sophie-Scholl-Propaganda

Eine Facebook-Seite namens „AfD Nürnberg-Süd/Schwabach“ inszenierte sich jüngst unter dem Slogan „Sophie Scholl würde AfD wählen“ als Widerstand gegen eine „verantwortungslose Herrscherclique“. Ein wüster Proteststurm ließ nicht lange auf sich warten. Die „AfD-Nürnberg“ distanzierte sich und behauptet, mit dem Profil „nichts zu tun [zu] haben“. Verwunderlich, denn es ist auf der Homepage der AfD-Bayern direkt verlinkt.

Die Seite "AfD Nürnberg-Süd/Schwabach" postete ein Bild mit Sophie Scholl. | Bild: Screenshot von der umstrittenen Profilseite.

Immer wieder setzt sich die AfD durch provokative Äußerungen in Szene. Und immer wieder werden die Aussagen anschließend relativiert bzw. geleugnet. Ein weiteres – maximal verworrenes – Musterstück für diese Sammlung politischer Ausfälle haben Mitte Januar AfD-Mitglieder aus dem Raum Nürnberg geliefert. Wer genau, ist unklar bis strittig.

Fakt ist: Am letzten Wochenende veröffentlichte die Seite „AfD Nürnberg-Süd/Schwabach“ auf Facebook ein Bild mit Porträt und Aussage der von Nationalsozialisten ermordeten Sophie Scholl. Nichts sei eines Kulturvolkes unwürdiger, als sich ohne Widerstand von einer verantwortungslosen und dunklen Trieben ergebenen Herrscherclique „regieren“ zu lassen, wird Scholl zitiert. Darunter prangt auf dem Facebook-Bild in großen Buchstaben „Sophie Scholl würde AfD“ wählen.

AfD-„Gedankenexperiment“: Sophie Scholl gegen das „Verteufeln von Meinungen“

Umgehend wendeten sich tausende Kommentare – teils scharf – gegen die Vereinnahmung der bekannten Widerstandskämpferin der „Weißen Rose“. Diese habe sich zeitlebens für Freiheit und Offenheit eingesetzt und sei für diese Werte gestorben. Die Abschottung vor Migranten und pauschale Islamkritik der AfD mit dem Kampf gegen das NS-Regime zu vergleichen, sei eine Verhöhnung Sophie Scholls. Auch sei es nicht zu akzeptieren, dass die AfD sich damit selber als Widerstandskämpferin darstelle, die sich gegen eine mit dem Nationalsozialismus vergleichbare Bundesregierung wende.

Die Reaktion der AfD auf diesen Sturm der Entrüstung ist – im wahrsten Wortsinne – vollkommen gespalten. Die Facebook-Seite „AfD Nürnberg“ distanziert sich von dem „völlig geschmacklosen Post“. Man sei derzeit dabei, juristisch zu prüfen, wie „gegen die Betreiber“ des Profils vorgegangen werden könne. Man habe keinerlei Einfluss auf Postings dieser Seite.

Die AfD-Nürnberg distanziert sich öffentlich von einer Parteiwerbung mit Sophie Scholl. | Bild: Screenshot

Ganz anders die Facebook-Seite „AfD Nürnberg-Süd/Schwabach“ selber. In einem Beitrag vom 14. Januar wird ausführlich Stellung zu dem Bild mit Sophie Scholl genommen. „Zweifelsohne“ sei der Beitrag provokativ. Alle „Kritiker“ seien aber zu einem „Gedankenexperiment“ eingeladen. Man müsse einfach „AfD“ durch die Namen anderer Parteien ersetzen und schon falle die Doppelmoral der Kritik auf, die sich einseitig auf die AfD beziehe. Man wolle weder das Andenken an Sophie Scholl beschädigen, noch sei die Kritik gerechtfertigt, die Bundesregierung werde mit der NS-Diktatur verglichen. Man lasse sich einfach nicht vorschreiben, „worüber diskutiert werden darf“.

AfD gespalten? „Nürnberg-Nord“ gegen „Nürnberg-Süd“

Irgendwas scheint faul in AfD-Mittelfranken, will man meinen. Laut Navigation auf der offiziellen Internetseite afdbayern.de gibt es in „Mittelfranken“ nämlich tatsächlich zwei AfD-Kreisverbände: Den „Kreisverband Nürnberg-Nord“, gegründet am 26. April 2013 und zuständig für die Städte Nürnberg und Schwabach, sowie den „Kreisverband Nürnberg-Süd/Schwabach“, taufrisch gegründet am 11.12.2016, laut Internetseite ebenfalls zuständig für Schwabach und eine große Zahl Nürnberger Bezirke im eher südlichen Teil der Stadt.

Diese für Außenstehende unsinnig erscheinende Mehrfachzuordnung fällt im Hauptmenü der AfD-Bayern-Seite zunächst nicht weiter auf, denn dort ist lediglich von „Nürnberg-Nord“ und „Nürnberg-Süd“ die Rede. „Nürnberg-Nord“ wird laut Webseite von Martin Sichert angeführt, der auch als Kandidat für die Bundestagswahl im Bundestagswahlkreis 244 antritt. Der – laut eigenen Aussagen – „größten kommunalpolitischen [Facebook-]Seite Deutschlands“  folgen rund 18.000 Menschen. Der ebenfalls auf der Bayern-Seite dargestellte AfD-Kreisverband „Nürnberg-Süd“ wird von der Vorsitzenden Elena Roon vertreten, die für die AfD im Bundestagswahlkreis 245 ins Rennen geht.

"Rechtswidriges sowie satzungswidriges Konstrukt einer Splittergruppe"

Weder einer der beiden Kreisverbände, noch der zuständige AfD-Landesverband Bayern haben bisher ein offizielles Statement zu diesem Zustand veröffentlicht. Trotzdem scheint das Tischtuch zwischen den – wie auch immer – AfD-Aktiven zerrissen.

In den Reihen der Facebook-Nutzer werden die Hintergründe des Streits um die AfD-Lufthoheit in Nürnberg trotzdem diskutiert. Eine Nutzerin spricht die 2013 gegründete AfD-Nürnberg direkt an: „Innerparteiliche Querelen sind ätzend, aber leider in jeder Partei vorhanden, besonders in relativ jungen Parteien. In jeder Partei gibt es halt Profilierungssüchtige. Ich hoffe für Sie, dass das Schiedsgericht nicht eine halbe Ewigkeit braucht.“

Eine weitere Kommentatorin legt dem Nürnberger Kreisverband in den Mund, mit Blick auf die „AfD Nürnberg-Süd/Schwabach“ von einem "rechtswidrigen sowie satzungswidrige[n] Konstrukt einer Splittergruppe" sowie einer "Scheingründung" zu sprechen. Andere scheinen sich über die Querelen sogar zu freuen. „Bitte zerfleischt euch gegenseitig“, sagt Nutzer "Hofmann".