Sonntag, 08. November 2015

AfD-Demo in Berlin: Bundessprecherin Petry beschwört „gesunde deutsche Identität“

Die AfD hatte gerufen – und Tausende kamen nach Berlin. Obwohl bei der als Höhepunkt der „Herbstoffensive“ der Bundespartei konzipierten Demonstration mit Björn Höcke die Galionsfigur des radikaleren Flügels fehlte, schlugen die Redner harte Töne an. Besonders Alexander Gauland gab den Einpeitscher, aber auch Bundeschefin Frauke Petry wusste, welche Themen sie zur Freude ihrer Anhänger ansprechen musste. Beobachter berichten von Angriffen vermummter Neonazis am Rande der Demonstration.

Fotogalerie der NPD-Demo in Berlin
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„Frauke, Frauke!“ hallte es aus Tausenden Kehlen vor dem Berliner Hauptbahnhof. Dort war die Rede der Bundessprecherin der Alternative für Deutschland, Frauke Petry, gerade kurz unterbrochen worden. Unbekannte hatten wohl die Stromzufuhr gekappt. Nach wenigen Minuten konnte die Vorsitzende der sächsischen AfD-Fraktion ihre Vorstellung fortsetzen. Mehrfach griff sie die „Konsensparteien“ an, diese hätte keine Argumente und würden deshalb die „Antifa“ gegen ihre Partei mobilisieren.

Die 40-jährige gefiel sich nicht nur in der Opferrolle, sondern stilisierte sich gleich zur Retterin unserer Demokratie. „Die Alternative für Deutschland ist das demokratische Rückgrat Deutschlands“, verkündete sie zur Freude ihrer offensichtlich aus allen Ecken der Republik angereisten Anhänger, die sie immer wieder mit Sprechchören wir einen Popstar feierten. Am Ende sprach die Parteiführung von „7.000 oder mehr Teilnehmern“, die offiziellen Angaben beliefen sich indes auf ca. 5.000 Demonstranten. Angesichts der neuen Umfragen, die die Partei bundesweit bei acht Prozent sehen, können die „Blauen“ vor Kraft kaum laufen.

„Gesunde deutsche Identität“

Vor allem in der Sozialpolitik grenzte sich Petry scharf von ihrem eher wirtschaftsliberalen Vorgänger Bernd Lucke, der die AfD mittlerweile im Streit verlassen hat, ab. Immer wieder beschwor sie die „einfachen Leute“, die Ängste der Mittelschicht. Die Asylpolitik der Bundesregierung zerstöre den Sozialstaat. Besonderen Jubel rief ihre Forderung nach einer „gesunden deutschen Identität“ hervor, seit „70 Jahren“ dürfe man nicht mehr über „diese“ Identität diskutieren. Viele Menschen hätten Angst, die Identität würde durch eine „Masseneinwanderung“ verändert.

Der Redebeitrag der Bundessprecherin war zugleich Abschluss und „Höhepunkt“ des Aufzuges der AfD unter dem Motto „Asyl braucht Grenzen. Rote Karte für Merkel“ durch die Bundeshauptstadt. Im Rahmen ihrer „Herbstoffensive“ hatten die Rechtspopulisten zuvor bereits in Städten wie Rostock oder Erfurt ihre Parteigänger auf die Straße gebracht, um gegen die ihrer Meinung nach verfehlte Asylpolitik der Großen Koalition zu demonstrieren. Und genau wie bei den vorherigen Terminen mischten sich auch einige Neonazis und Hooligans unter das ansonsten meist bürgerlich wirkende Publikum. Verschiedene Augenzeugen berichten u. a. auf dem Kurznachrichtendienst Twitter von Übergriffen gewaltbereiter und vermummter Neonazis auf Gegendemonstranten.

Scharfmacher Gauland heizt die Stimmung an

Mit schiefem Gesang der Nationalhymne endete die Veranstaltung, die um 13 Uhr in der Nähe des Roten Rathauses begonnen hatte. Dort hatte Petrys Kollege aus Brandenburg, Alexander Gauland, die versammelten AfD-Sympathisanten in Stimmung gebracht. Der frühere Herausgeber der „Märkischen Allgemeinen“ nahm sich neben den Medien – die Menschen hätten genug vom „beitragsfinanzierten Reschke-Panorama-Fernsehen“ – ebenfalls die Asylpolitik vor. Er sprach von „Zustrom“, „Völkerwanderung“ oder vom Widerstand gegen eine „Unterwerfung unter islamische Traditionen“. Die ankommenden Menschen verglich er mit den „Barbaren“, die einst den Untergang des Römischen Reiches herbeigeführt hätten.

Der AfD-Demozug in Berlin (Foto: ENDSTATION RECHTS.)

Der NASA-Aufklärer Snowden [sic!] hätte kein Asyl bekommen, dafür würden nun Hundetausende nach Deutschland strömen, so Gauland weiter. Deutschland sei keine Demokratie mehr, Bundeskanzlerin Merkel stelle sich über das Gesetz. Durch das Programm führte der Landessprecher aus Mecklenburg-Vorpommern, Leif-Erik Holm, der immer wieder den Vergleich mit dem November 1989 bemühte, als die DDR-Bürger bekanntlich mit den Füßen abstimmten und die sozialistische Diktatur zum Einsturz brachten.

„Systematischen Abschaffung Deutschlands“

Die Teilnehmer der Demonstration, die trotz Ankündigung ohne Blockaden durch das Herz von Berlin führte, beschworen genau wie ihre Führung fortwährend den Geist der friedlichen Revolution. Gleichzeitig richteten sich die Sprechchöre aber ebenso gegen die „Lügenpresse“, auch Merkel müsse weg und die „Antifa“ solle sich lieber um Jobs bemühen. Einer glaubte gar, einen Masterplan zur „systematischen Abschaffung Deutschlands“ erkannt zu haben. Dass der VW-Skandal gerade jetzt, in diesen Tagen, auffliege, könne kein Zufall sein.