von Redaktion
   

Insolvenz, Hass, Rücktritte: Trotzdem schließt Sachsens Ministerpräsident eine Koalition mit der AfD nicht aus

Der sächsische Landesverband der Alternative für Deutschland (AfD) versinkt im Chaos. Erst musste Landeschefin Frauke Petry Privatinsolvenz anmelden, dann machte ihre Vize Thomas Hartung mit menschenverachtenden Aussagen auf Facebook auf sich aufmerksam. Mittlerweile hat der promovierte Literaturwissenschaftler seine Ämter niedergelegt und verzichtet auf die Kandidatur bei der Landtagswahl im August. Trotzdem möchte Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) eine Koalition mit der Chaos-Truppe nicht ausschließen.

AfD - Wir sind die Guten (Foto: Oliver Cruzcampo, Archiv).

Frauke Petry ist Kummer gewohnt. Ihre Leipziger Firma „Purinvent GmbH“ ging bereits im letzten Oktober Pleite, anschließend folgte für die Vorsitzende des sächsischen Landesverbandes der Alternative für Deutschland (AfD) der Gang in die Privatinsolvenz. Während die Co-Sprecherin der Bundes-AfD mit ihrem Unternehmen unter einem anderen Namen einen Neuanfang wagen will, hofft sie auf ein zweites Standbein in der Politik. Zur Landtagswahl kandidiert die 38-Jährige als Spitzenkandidatin ihrer Partei, die im Freistaat einen auffällig rechten Kurs eingeschlagen hat.

Dass ihr nun ihre eigene Truppe die Wahlchancen verhagelt, damit hätte die Chemikerin kaum gerechnet. Ausgerechnet ihr Stellvertreter Thomas Hartung sorgte in den letzten Wochen für negative Presse. Erst letzte Woche hatte das Meinungsforschungsinstitut „Forsa“ die marktliberalen Euro-Kritiker bei acht Prozent gesehen, damit könnte es vorbei sein – die menschenverachtenden Aussagen des sächsischen Parteivize dürften auf die Erfolgsaussichten durchschlagen.

Menschenverachtendes Weltbild

Auf Facebook äußerte sich der Literaturwissenschaftler, der mit einer Arbeit zu „Science Fiction in der DDR zwischen 1980 und 1990“ promoviert wurde, abfällig über einen spanischen Lehrer mit Down-Syndrom. Wörtlich sagte der AfD-Politiker, den seine Partei auf Listenplatz zwei am 31. August in das Rennen um Parlamentssitze schicken wollte: „Was sagt uns das: Sei nur blöd genug, reise in der Welt herum, die Dummen wenden sich schon ganz allein dir zu. […] Wo soll das hinführen, wenn es als normal gezeigt wird?“

Thomas Hartung (Screenshot, Facebook)

Die Reaktionen folgten auf den Fuß, und Hartung gab sich kleinlaut. In einer Pressemitteilung entschuldigte er sich „aufrichtig bei dem spanischen Lehrer Pablo Pineda und allen direkt und indirekt betroffenen Bürger[n]“. Er habe „unabsichtlich Schaden“ über die AfD gebracht und wiederholt gegen deren Grundsätze verstoßen, sagte er weiter. Auf einer außerordentlichen Vorstandssitzung diskutierte die Landesparteispitze die politischen Folgen von Hartungs Entgleisung.

TU Dresden kündigt Zusammenarbeit

Dort jedenfalls scheint es hoch hergegangen zu sein. Im „Einvernehmen mit dem Landesvorstand“ legte der 53-Jährige danach seine Ämter als sächsischer AfD-Vize und als Pressesprecher der Partei nieder, verkündete Petry. Außerdem stellte er seinen zweiten Listenplatz zur Verfügung. Die Maßnahmen reichte indes nicht, um den Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Die TU Dresden teilte mit, Hartung erhalte keinen neuen Lehrauftrag. Der bestehende sei ohnehin ausgelaufen. Anstehende Veranstaltungen übernehme ein Kollege, hieß es von der Universität.

Auf seiner Webseite hat sich der bisherige AfD-Spitzenmann zu dem von ihm verursachten Skandal bislang nicht eingelassen. Dort datiert der letzte Eintrag des Autors, Referenten und Medientrainers (Eigenbeschreibung) auf Mitte Mai. In früheren Statements hatte der gebürtige Erfurter sein Weltbild offenbart: In einem Interview mit „Dresden Fernsehen“ unterstrich er, die AfD wolle die „deutsche Kultur und Identität bewahren und verteidigen“. Der Geschasste  ist kein Einzelfall. In Mecklenburg-Vorpommern macht die Affäre um Landeschef Holger Arppe, gegen den die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der Volksverhetzung ermittelt(e), der Organisation von Bernd Lucke zu schaffen. Drei Kreisvorsitzende warfen bereits das Handtuch.

Tillich hält Tür für Chaos-Truppe offen

„Linke und NPD schließen wir aus, alles andere wartet bis nach der Wahl.“ Mit diesem Satz sorgte derweil der Ministerpräsident von Sachsen, Stanislaw Tillich, für Aufsehen. Er kenne die AfD-Vertreter nicht, sagte der CDU-Mann in einem Zeit-Interview.

Dabei reicht ein Blick in die Gazetten, um sich ein Urteil über die Euro-Kritiker und ihr Personal in seinem Bundesland zu bilden.

Kommentare(6)

Björn Freitag, 27.Juni 2014, 14:31 Uhr:
Wieso sollte er auch eine Koalition ausschließen, wo die SPD doch sogar nach der nächsten Wahl eine Koalition mit der Linkspartei eingehen möchte, die zumindest in Teilen vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Ganz im Gegensatz zu AfD.
 
Irmela Mensah-Schramm Freitag, 27.Juni 2014, 18:55 Uhr:
Prost Mahlzeit!
Eines steht fest: Die sächsische Landesregierung ist nicht mehr zu retten!
 
TW Freitag, 27.Juni 2014, 19:54 Uhr:
Ach komm Tillich, das mit der NPD meinst du doch nicht wirklich ernst ?!
 
Kabal Freitag, 27.Juni 2014, 21:39 Uhr:
"Chaos-Verband" ... Das ist jetzt aber ein ganz besonders schwerer Fall von "wishfull thinking" seitens ER.

1) Dass Hartung sich nicht im Griff hat, ist sicher ärgerlich für die AfD in Sachsen. Das ist - oder besser: war - aber ein individuelles Problem. Der Mann ist erst mal abgestellt. Eine Schwalbe macht noch keine Führungskrise.

2) Dass Petry pleite ist, betrifft sie zuerst mal persönlich. Wer ein unternehmerisches Risiko eingeht (statt direkt vom siebenjährigen Germanistik-Studium ins warme Nest der Politik zu wechseln wie unsere derzeitige Arbeits(!)-Ministerin) kann verlieren. Das ist keine Schande.
Und hat mit der AfD wenig bis null zu tun.
 
Bürger Samstag, 28.Juni 2014, 00:48 Uhr:
" In früheren Statements hatte der gebürtige Erfurter sein Weltbild offenbart: In einem Interview mit „Dresden Fernsehen“ unterstrich er, die AfD wolle die „deutsche Kultur und Identität bewahren und verteidigen“. "

Und was soll daran so verwerflich sein?
 
Irmela Mensah-Schramm Sonntag, 29.Juni 2014, 13:03 Uhr:
Was ist das bloß für eine Logik?
Das in Sachsen nunmal der Verfassungssch(m)utz lieber linke Aktivitäten und Menschen beäugelt und beschnüffelt,, kann doch niemanden mehr wundern, so auch nicht, dass nun die rechte Partei AfD - sich ein wenig salon-fähig gebend nicht beobachtet wird, passt wiederum auch zum sächsischen Verfassungsch(m)utz!
Ach wie 'herrlich': Dann sind sie ja dann alle im sächsischen Landtag "brüderlich" vereint: Die CDU, die den Nazis selbstverständlich am 17. Juni 2014 im Landesparlament "Asyl" gewährte, die NPD und die AfD!
Da macht doch das Blockieren noch mehr Spaß am 13.2. u.s.w.!
 

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