von Oliver Cruzcampo
   

Ex-Parteichef Apfel rechnet mit NPD ab

Knapp dreieinhalb Jahre nach dem Rücktritt vom Parteivorsitz veröffentlicht Holger Apfel ein Buch namens „Irrtum NPD“, in dem er auf seine Zeit in der rechtsextremen Partei zurückblickt. Das Buch wird seinem Titel nur bedingt gerecht, offenbart für Beobachter der Szene allerdings einige interessante Einblicke.

Holger Apfel während des Verbotsverfahrens vor dem Bundesverfassungsgericht

Ein Vierteljahrhundert war Holger Apfel nach eigener Aussage in der rechtsextremen NPD aktiv – Ende 2013 endete das Kapitel dann jedoch abrupt. Der ehemalige Parteivorsitzende soll einen Unterstützer der NPD sexuell belästigt haben, der 46-Jährige schmiss hin und wanderte nach Mallorca aus, wo er seitdem eine Kneipe betreibt.

In dem nun veröffentlichten Buch will Apfel unter dem Untertitel „Ansichten – Einsichten – Erkenntnisse“ auf seine aktive Zeit in der NPD zurückblicken und der Öffentlichkeit einen Einblick in das Innenleben seiner ehemaligen Partei bieten. Um eines vorwegzunehmen: Der Buchtitel „Irrtum NPD“ bezieht sich zuallererst auf Apfels Resümee seiner Zeit in der Partei, der ehemalige Vorsitzende ist kein Aussteiger, den Leser erwartet somit auch keine ideologisch begründete Abkehr von der NPD. Das sagt Apfel auch selbst: Er sehe „vieles heute differenzierter“, sei jedoch „sicher kein um hundertachtzig Grad gedrehter Mensch“.

Apfel ohne „antifaschistischen Kniefall“

Im Gegensatz zu seiner Noch-Ehefrau Jasmin Apfel, die Anfang März ihren Ausstieg öffentlich machte. In der LVZ sprach sie ebenfalls von einem Irrtum – dem größten Irrtum ihres Lebens – und bezog sich damit auf die Zeit mit Holger Apfel, von dem sie sich seitdem getrennt hat. Die Ex-Funktionärin vermutet, dass sich seine Gesinnung „wahrscheinlich nie wandeln“ werde und glaubt, der ehemalige Parteivorsitzende könnte mit der Publikation eine Rückkehr nach Deutschland vorbereiten.

Apfels Wortwahl lässt – auch nach einer gewissen zeitlichen Distanz – erkennen, dass eine Abkehr vom rechtsextremen Gedankengut wohl nur begrenzt eingesetzt hat. „Gutmenschentum und Antifa-Zeitgeist“ heißt es etwa an einer Stelle und erinnert unweigerlich an alte Reden des Ex-Politikers. Zudem würde seiner Meinung nach eine zweite Chance in der Gesellschaft nicht „einfach [durch] den Rückzug“ ermöglicht, es werde der „antifaschistische Kniefall und die einseitige Verteufelung der Vergangenheit“ erwartet.

Später versteigt sich Apfel zu einer steilen These gegenüber Medien, seit jeher klassisches Feindbild der NPD. Diese trügen eine „Mitverantwortung an der Radikalisierung“ seiner ehemaligen Partei, denn „je größer die Ignoranz praktiziert wurde, umso mehr sahen wir uns genötigt, immer neue Tabus zu brechen.“ Apfel bezieht sich dabei auf eine in seinen Augen vorherrschende Vorgehensweise der Presse und bilanziert: „Nichts war tödlicher als die einsetzende Schweigespirale.“

Kritik an Stellvertretern

Auffällig ist, und dies zieht sich durch das gesamte Buch, wie sich der Autor an alten Weggefährten „abarbeitet“. Vor allem der Name Udo Voigt findet immer wieder Erwähnung. Der langjährige Parteivorsitzende, der Apfel 2013 bei der Wahl unterlag, muss eine Menge Kritik einstecken. „Auch wenn ich ihn wegen seines Kurses nicht mehr tragbar hielt, sah ich in ihm keinen Feind“, heißt es jedoch Richtung Ende. Es folgen seine seinerzeitigen Stellvertreter Udo Pastörs und Karl Richter, denen er „Illoyalitäten“ unterstellt und sie eins ums andere Mal kritisiert.

Mit dem ehemaligen NPD-Bundesvorstandsmitglied Thomas Wulff geht Apfel – wenig überraschend – ebenso hart ins Gericht. Der stets umstrittene Funktionär hatte sich selbst als „Nationalsozialisten“ bezeichnet und sollte daraufhin aus der Partei geworfen werden. Doch das Ausschlussverfahren wurde eingestellt, laut Apfel sei dies damit begründet worden, da Wulff nie einen Hehl aus seiner Gesinnung gemacht und 2004 trotzdem aufgenommen worden sei.

Ex-Spitzenkandidat in Bedrängnis

Anfang 2011 bestand die durchaus realistische Möglichkeit, dass die NPD neben Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern in Sachsen-Anhalt in einen weiteren Landtag einziehen könnte. Am Ende scheiterte das Vorhaben jedoch knapp, verantwortlich gemacht wurde dafür vor allem der Spitzenkandidat Matthias Heyder. Dieser soll in einem Internetforum unter Pseudonym neben Anleitungen zum Bombenbau auch zur Schändung linker Frauen aufgerufen haben, wenige Tage vor der Wahl wurde der Fall öffentlich. Ermittlungen wurden zwar aufgenommen, später jedoch aus „Mangel an Beweisen“ eingestellt. In seinem Buch schreibt Holger Apfel zu Heyder: „Im persönlichen Gespräch hatte er die Urheberschaft der indiskutablen Beiträge eingestanden.“

Neben Apfels Machtübernahme im November 2011 kam es zu dieser Zeit auch zur Selbstenttarnung des NSU fand und entfachte bekanntermaßen die Debatte um das zweite Verbotsverfahren. In Mecklenburg-Vorpommern brachte dies vor allem den ehemaligen NPD-Landtagsabgeordneten David Petereit in Bedrängnis. Der Funktionär, der später auch im NSU-Prozess als Zeuge aussagte, verantwortete seinerzeit ein Neonazi-Fanzine namens „Der weisse Wolf“, in dem es – bereits im Jahr 2002 – an einer Stelle hieß: „Vielen Dank an den NSU, es hat Früchte getragen.“

In seiner Publikation greift Apfel den Fall auf und schreibt von einem „Supergau“, der bevorstünde. Dies hätten ihm seinerzeit Udo Pastörs und Stefan Köster berichtet. Petereit selbst hätte eine innerparteiliche Klärung verweigert, so dass der Parteivorstand den heute 36-Jährigen aus der Partei werfen wollte. Pastörs höchstpersönlich wollte sich der Sache annehmen, da er laut Apfel „die Schnauze voll“ habe, „ständig wegen Verfehlungen Einzelner mit dem NSU in Verbindung gebracht zu werden.“ Doch Petereit ist bekanntlich bis heute NPD-Mitglied, es sei schlicht entschieden worden, dass der „Vorfall eine Spaltung der Fraktion oder ein Bruch mit dem Landesverband nicht wert sei“.

Lieber die Hand brechen

Die Bewertung rechtsextremer Kader geht in Apfels Buch auch über die NPD hinaus. Sascha Krolzig hätte ihm vor einigen Jahren geschrieben, dass er es bedauere, ihm einmal unbekannterweise die Hand gegeben zu haben; „lieber hätte er sie mir brechen sollen.“ Und ergänzt: „Soviel zu Kritikfähigkeit, Stil und Gewaltphantasien in dieser Szene.“

Krolzig ist seitdem mit Michael Brück und weiteren Kadern bei der Splitterpartei Die Rechte gelandet, nachdem die Kameradschaften, in denen sie zuvor aktiv waren, verboten wurden. Offenbar wollten Krolzig & Co. zuerst jedoch in die NPD eintreten, ihre Aufnahmeanträge seien allerdings abgelehnt worden. „Ihr macht Euer Ding, wir machen unser Ding“, so hätte damals laut Apfel das Credo gelautet, es sei ihnen ausschließlich um eine Instrumentalisierung gegangen.

Unbekannte Strippenzieher

Im letzten Kapitel geht der ehemalige NPD-Chef auf die Vorwürfe ein, die schließlich zu seinem Rücktritt führten – und nie gänzlich aufgeklärt wurden. Als der Vorfall mit dem „Kameraden“ geschah, hätte Apfel im Übrigen bereits seit einigen Monaten mit Rücktrittsgedanken gespielt. Er hätte den Mann „kurz über den Rücken gestreichelt und wohl am Hintern berührt“, beruft sich aber auf Alkohol und dadurch entstandene Erinnerungslücken. Er könne bis heute „nur spekulieren, wer und in wessen Auftrag bei meiner Demontage die Strippen zog.“

Wenige Seiten später endet das Buch dann recht abrupt. „Irrtum NPD“ stellt eine vor allem deskriptive Darstellung der 25 Jahre Apfels in der NPD dar, wer auf ausführliche Analysen hofft, wird von der Publikation eher enttäuscht sein. Zwar erklärt der Autor mehrfach das Wie und Warum, geht jedoch nur selten in die Tiefe. Auch charakteristisch für die NPD und ihre Funktionäre: Selbstkritik übt Apfel selten, die Schuld wird in erster Linie bei anderen gesucht.  

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