Andreas Püttmann

Entgrenzungen im Konservatismus – ein konservativer Publizist warnt

Der katholisch-konservative Publizist Andreas Püttmann warnt schon länger davor, dass es eine „Radikalisierung konservativer Milieus“ geben würde. Da seine persönlichen Eindrücke von dem dortigen Innenleben wichtig sind, wird er für die gemeinte politische Entwicklung zu einem wichtigen Seismographen.

Dienstag, 12. Mai 2026
Armin Pfahl-Traughber
Schon seit Längerem warnt der Publizist Andreas Püttmann von einer Radikalisierung des konservativen Milieus, Foto: Faire Medien/Flickr CC BY SA 2.0
Schon seit Längerem warnt der Publizist Andreas Püttmann von einer Radikalisierung des konservativen Milieus, Foto: Faire Medien/Flickr CC BY SA 2.0

Die Bezeichnung „Entgrenzung“ entstammt der Extremismusforschung. Gemeint ist damit die Auflösung einer Grenzziehung, die zwischen Demokraten und Extremisten erfolgt. Derartige Entwicklungen kann man gegenwärtig auch zwischen bestimmten Konservativen und bestimmten Rechtsextremisten konstatieren. Eine kritische Benennung derartiger Tendenzen wird indessen häufig als bloße Verdächtigung kommentiert und verworfen. Gegenteiligen Auffassungen unterstellt man politische Motive, häufig dann als linke Positionen gegen einen angeblich nur fiktiven Rechtsruck.

Um so bedeutsamer ist daher der Blick auf Deutungen, die aus dem demokratischen Konservativismus kommen und vor entsprechenden Prozessen warnen. Ein bedeutsamer Autor ist hier Andreas Püttmann, ein promovierter Politikwissenschaftler, der als katholisch-konservativer Publizist eingeordnet werden kann. Er warnte bereits sehr früh vor den erwähnten Entwicklungen und sieht sich in seinen Prognosen bestätigt. Dies macht für ihn ein Blick zehn Jahre zurück deutlich:

„Radikalisierung konservativer Milieus“

2016 erschien seine Abhandlung „Die Nashörner kommen – Menetekel einer rechtskonservativen Radikalisierung in vier Szenen“ (heute abrufbar unter: www.starke-meinungen.de). Anhand von Beispielen veranschaulichte Püttmann darin den angedeuteten Zusammenhang. Er blickte damals auf die „Achse des Guten“ als Internetseite, die noch anders als heute ausgerichtete AfD, die „Friedrich August von Hayek-Gesellschaft“ und allgemein das christlich-konservative und katholische Milieu.

Dazu bemerkte der Autor: „Es kann nur beunruhigen, dass im bislang ‚staatstragenden‘ bürgerlich-konservativen und christlichen Milieu eine äußerst lautstarke, engagierte, finanziell potente und gut vernetzte Minderheit im Begriff ist, eine geistige ‚Sezession‘ von der angeblich ‚linksgrün-versifften‘ Republik zu vollziehen. Sie wandelt dabei ob wissentlich oder nicht, auf den Spuren jener ‚konservativen Revolution‘ der Zwischenkriegszeit, die mithalf, die Weimarer Republik sturmreif zu schießen.“ Kurzum, es gebe eine „Radikalisierung konservativer Milieus“.

Bedenkliche Entwicklungen in der Union

Gut zehn Jahre später wurde Püttmann jüngst von der taz dazu interviewt. Dabei bestärkte er seine Eindrücke und wiederholte seine Warnungen. Auch zur CDU, der Püttmann lange angehörte, fanden sich dort kritische Statements: „Es gibt einen AfD-getriebenen Unions-Strang, für den der Begriff ‚Ansteckung‘ passt.“ Und weiter heißt es dort: „Unions-Politiker lesen ja auch Nius oder geben Tichys Einblick Interviews. Die Milieugrenzen sind fließend.“

Außerdem steht im Interview: „ … die heute entscheidende Kluft verläuft zwischen den Verteidigern der liberalen Demokratie und den autoritär Gestimmten unterschiedlicher Provenienz. Wer in der Union nicht kapiert hat, dass der ‚Hauptgegner‘ die rechten Extremisten sind, und stattdessen fast ausschließlich auf demokratischen ‚Linksgrünen‘ herumhackt, der ist aus der Zeit gefallen und läuft geradewegs in die Papen-Falle.“ Derartige Anspielungen auf die konservativen Beiträge zur Etablierung des nationalsozialistischen Totalitarismus sind unverkennbar.

Kritische Binnensicht auf ein besonderes politisches Milieu

Die Bedeutung der Einschätzungen von Püttmann kann man kaum überschätzen. Er definiert sich als katholisch-konservativer Publizist, der aber eine klare Grenzziehung gegenüber einem extremistischen Konservativismus vornimmt. Dem entgegengesetzte Entwicklungen sieht er in seinem eigenen politischen Milieu, was Püttmann zu einem bedeutsamen Seismographen für derartige Tendenzen macht.

Gerade durch seine Binnensicht kann er Entwicklungen früher als die mediale Öffentlichkeit wahrnehmen. Die Ausführungen lassen sich auch nicht als bloße „Panikmache“ abtun, stehen sie doch für bedenkliche Elemente eines schleichenden Prozesses. Auch die CDU-Führung wird bei seiner Kritik nicht ausgespart, wie die erwähnten Kommentare und Zitate veranschaulichen. „Achsenverschiebungen“ und „Entgleisungen“ sind dabei jeweils Thema (vgl. seinen Beitrag „Zwischen Christdemokratie und Rechtspopulismus“, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, Nr. 5/2025). Derartige Klarstellungen wünscht man sich von vielen demokratischen Konservativen. 

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