Generation Deutschland Landesverband Bayern
Die AfD-Jugend greift zentrale Motive der Dolchstoßlegende auf
Die „Generation Deutschland“ in Bayern, die Jugendorganisation der bayerischen AfD, erinnerte kürzlich an den Jahrestag der Unterzeichnung des Versailler Vertrags 1919. Für den Nachwuchs um den Vorsitzenden Franz Schmid war es die Gelegenheit, die Verschwörungserzählung, die wie eine Hypothek über der Weimarer Republik lag, neu aufzuwärmen und auf die aktuelle Situation zu übertragen.
Es dürfte unter den vielen Jahrestagen einer sein, dem in der heutigen Bundesrepublik kaum Bedeutung beigemessen wird, sofern er ohne technische Hilfe überhaupt bekannt ist: die Unterzeichnung des Versailler Friedens 1919. Der bayerischen „Generation Deutschland“ war er ein eigenes Posting samt längerer Erklärung wert, die vom Tonfall auch gut von erzreaktionären Demokratiefeinden zu Zeiten der Weimarer Republik hätte stammen können.
Die Rede ist von einem brutalen Diktat, einem Knebelvertrag, der ein ausgeblutetes und gedemütigtes Deutschland hinterlassen habe, mit geraubten Gebieten und einer mit Füßen getretenen „Ehre der Nation“. Während „deutsche Soldaten noch kämpften“, so die AfD-Jugend, hätten „feige Politiker“ ihnen in den Rücken gestochen und „den Untergang“ unterschrieben.
Gerade das letzte Bild dürfte unzweifelhaft Erinnerungen an die „Dolchstoßlegende“ wecken, auch wenn sich die enge zeitliche Verbindung zwischen den „kämpfenden Soldaten“ und den unterzeichnenden Politikern nicht mehr auf die offiziellen Kampfhandlungen des Ersten Weltkrieges, sondern auf die Grenz- und Nachkriegskämpfe der Freikorps in Polen und dem Baltikum beziehen könnte. Eine Klarstellung fehlt hier.
Die Fakten zur Legende hat der britische Historiker Richard J. Evans in seinem Buch „Das Dritte Reich und seine Verschwörungstheorien“ zusammengetragen. Das Bild des unbesiegbaren Helden, der nur durch Verrat gestürzt werden konnte, war den Deutschen aus der Nibelungensage um Hagen und Siegfried gut vertraut.
Revolution ohne Einfluss auf militärische Niederlage und Bedingungen der Westmächte
Der Vorwurf, den kämpfenden Soldaten in den Rücken zu fallen, sei erstmalig den Initiatoren der Reichstagsresolution von 1917 gemacht worden, die einen Frieden ohne Annexionen gefordert hatten. Der „Siegfrieden“ mit großen Gebietsgewinnen und Entschädigungen blieb dagegen bis ins Frühjahr 1918 offizielles Ziel der deutschen Militärs, als das deutsche Heer in Frankreich zur letzten Offensive überging.
Nach dem Scheitern zerfiel die Moral, und spätestens im Juli löste sich die deutsche Front zusehends auf, während die materielle Überlegenheit der deutschen Kriegsgegner durch ankommende amerikanische Truppen von Tag zu Tag anwuchs. Ein schneller Frieden sollte aus Sicht der Militärs das monarchische System erhalten. Auf Basis ihrer Überlegenheit hatten sich die Westmächte auf verschärfte Bedingungen für einen Waffenstillstand verständigt. Die in Deutschland ausbrechende Revolution vom November 1918 hatte auf die militärische Niederlage und die bereits verschärften Waffenstillstandsbedingungen keinen entscheidenden Einfluss.
Die „Dolchstoßlegende“ war Teil einer Kampagne mit Begriffen wie „Novemberverbrecher“, mit der die demokratiefeindliche Rechte die politischen Entscheidungsträger der jungen Weimarer Republik als Verräter hinstellte. Sie war laut Evans nicht zwangsläufig antisemitisch, allerdings anschlussfähig an Kampagnen von Gruppen wie den Alldeutschen, die während des Krieges jüdische Deutsche als „Drückeberger“ hinstellten. Eine eigens vorgenommene Untersuchung, die das Gegenteil bewies, wurde lange unter Verschluss gehalten, sodass die Erzählung lange vonseiten der Behörden unwidersprochen blieb.
Bei aller auch von damaligen demokratischen Politikern geäußerten Kritik an den Bedingungen des Versailler Friedens verwischt der Landesverband der Generation Deutschland auch ein weiteres Detail: Nicht der Erste Weltkrieg mit den mörderischen Materialschlachten, Grabenkämpfen und dem Einsatz von Giftgas ist für ihn die „Urkatastrophe“, sondern der unterzeichnete Friedensvertrag.
Eine solche Argumentation ist anschlussfähig an spätere revanchistische Deutungen, wonach der Krieg 1918 nicht militärisch verloren, sondern politisch abgebrochen worden sei. Unter diesem Deutungsmuster fanden sich Teile der militärischen, politischen und wirtschaftlichen Eliten später wieder, als erneute Aufrüstung und Eroberungspolitik vorbereitet wurden.
"Erfüllungspolitiker der Besatzungsmacht"
Mit der Reminiszenz ist die bayerische AfD-Jugend im Landesverband nicht allein. Führenden Funktionären scheint das Deutsche Reich näher zu sein als die Bundesrepublik. Der frisch wiedergewählte Landesvorsitzende Stephan Protschka sorgte 2019 für einen Skandal, als er einen Gedenkstein stiftete, der unter anderem an den „Selbstschutz Oberschlesien“, ein rechtsextremes Freikorps, erinnerte. Namhafte Historiker forderten damals seinen Rücktritt als Bundestagsabgeordneter. Der Stein wurde später entfernt. Protschka störte sich nur an der Mitfinanzierung durch die NPD-Jugend.
Sein niederbayerischer Parteifreund Oskar Atzinger griff im Landtag bereits zweimal zum Vorwurf „Erfüllungspolitiker der Besatzungsmacht“ (wer den angeblichen "Bevölkerungsaustausch" verkenne), als er sich für den Posten des Vizepräsidenten bewarb. Nicht wenige der so bezeichneten führenden Persönlichkeiten der Weimarer Republik fielen Anschlägen von Rechtsextremisten zum Opfer.
Bei der AfD-Jugend blieb es nicht bei der einfachen Erinnerung. Heute erlebe man angeblich dasselbe: ein „Diktat aus Brüssel“ durch „globale Eliten und Systemparteien“. Konstruiert wird anhand einer geschichtsverfälschenden Opfererzählung eine angeblich existenzielle Krise, für die demokratische Institutionen und politische Gegner verantwortlich gemacht werden, beziehungsweise äußere Mächte und innere Verräter.
Der Historiker und Rechtsextremismusexperte Volker Weiß über sein neues Buch „Das deutsche demokratische Reich“, die systematische Umdeutung der Geschichte durch rechtsextreme Kräfte, das Projekt einer „nationalen Widergeburt“ und antiuniversalistische Querfronten. Zum Interview: is.gd/3PoYXe
— Philosophie Magazin (@philosophiemagazin.bsky.social) 22. Februar 2025 um 13:52
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Diese Anspielungen auf eine Vergangenheit, die es „so nicht gab“, passen zu den Aussagen aus dem Buch „Das Deutsche Demokratische Reich“ von Volker Weiß. Die AfD erinnere nicht falsch, sondern deute strategisch um, teils auch mit sich widersprechenden Bezügen. Gelobt werden an der DDR die geschlossenen Grenzen, angebliche ethnische Geschlossenheit und Staatsdisziplin. Gleichzeitig stellt man sich aber in die angebliche Tradition der Demokratiebewegung, die eine Diktatur der „Altparteien“ zu überwinden habe.
In Teilen des Milieus wird mit Motiven von Volksgemeinschaft, ethnischer Homogenität und autoritärer Ordnung gespielt, während die NS-Verbrechen zugleich relativiert oder ideologisch auf die „linken Nazis“ ausgelagert werden. Das Kaiserreich bietet die Projektionsflächen der nationalen Einheit, des militärisch geprägten Obrigkeitsstaates mit Großmachtstatus, demokratisch etikettiert, ohne im heutigen Sinn ein parlamentarischer Verfassungsstaat zu sein.
Diese Versatzstücke haben dabei folgenden Kern: Antiliberalismus, Antiwestlichkeit, Nationalismus und den Wunsch nach autoritärer Ordnung. Die bayerische AfD-Jugend hat die Postings auf ihren Kanälen, nachdem sie dort mehrere Tage online waren, ohne Erklärung offline genommen.