von Felix Benneckenstein
   

„Der blinde Fleck“: Staatsversagen auf der Kinoleinwand

Mit einem Sprengstoffanschlag tötete der Neonazi Gundolf Köhler am 26. Oktober 1980 zwölf Menschen und sich selbst, mehr als 200 Menschen verletzt er zum Teil schwer. Aus wahlkampftaktischen Gründen wurde ein rechtsextremer Hintergrund schnell ausgeschloßen. Doch der Journalist Ulrich Chaussy hatte schon damals Zweifel an der offiziellen Version — und wird dafür nicht nur bedroht, sondern gerät sogar ins Visier des Münchner Staatschutzes. Heute kommt der Reporter als Held zurück — gespielt durch Benno Fürmann in einem Thriller, der die engagierte Arbeit von Chaussy minutiös rekonstruiert und zugleich verstehen lässt, wie der NSU funktionieren konnte.

Filmplakat-Ausschnitt Der blinde Fleck (Foto: Ascort GmbH 2014)

München, 26. September 1980: Der in der Wehrsportgruppe Hoffmann organisierte Neonazi Gundolf Köhler tötet am Haupteingang des Oktoberfestes, dem größten Volksfest der Welt, mit einer Bombe 12 Menschen und – vermutlich versehentlich — sich selbst. Weit über 200 Menschen wurden verletzt, 68 davon schwer. Schnell wird aus Wahlkampfgründen ein rechtsextremer Hintergrund ausgeschlossen, der Fall politisch instrumentalisiert und letztlich als „Wahnsinns-Tat“ eines „sexuell frustrierten Einzeltäters“ abgeschlossen. Der BR-Journalist Ulrich Chaussy glaubt die These schon damals nicht, recherchiert, bleibt hartnäckig, erntet Erfolge. Aber er wird dafür eben auch verspottet, bedroht und gerät in das Visier des Münchner Staatsschutzes. Heute kommt Chaussy zurück: Als Held. Gespielt durch Benno Fürmann, in einem Thriller, der verstehen lässt, wie NSU funktionieren konnte.

Der schwerste Terroranschlag in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland kommt, in Starbesetzung und als Polit-Thriller, in die Kinos. “Der blinde Fleck” bringt dabei alles mit, was ein Kinofilm mit Blockbuster-Ambitionen braucht: Liebe, Sex, Tragödien, Spannung und eine charismatische Hauptfigur. Prominent besetzt ist das Werk unter anderem durch Heiner Lauterbach, Benno Fürmann, Nicolette Krebitz und Miroslav Nemec. Bemerkenswert an dem Film ist vor allem, dass ihm er den Sprung zwischen Spielfilm, Pietät und einer nötigen Distanz zu den Tätern exzellent gelingt. So kann die Befürchtung, dass etwa den Tätern und ihren geistigen Mittätern zu viel, oder wahlweise den Opfern und ihren Angehörigen zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird,getrost ad acta gelegt werden. Nur ein einziges Mal, für wenige Sekunden, werden Neonazis überhaupt martialisch dargestellt: Bei der Verhaftung des „Wehrsport-Gruppe-Hoffmann“-Chefs Karl-Heinz Hoffmann. Die weitere Aufmerksamkeit des Filmes gilt ausschließlich der akribischen Aufarbeitung durch einen engagierten und unbeirrbaren Journalisten, der sich im echten Leben wie in seiner Filmrolle nicht an Verschwörungstheorien, sondern an Fakten orientiert.

Nicht nur deshalb sind einige Fachjournalisten längst überzeugt: Wer verstehen will, wie tief die Spannungen zwischen Verfassungsschutz und Zivilgesellschaft 1980 wie 2011 lagen und wer begreifen möchte, wie offen die politische Polizei und der Verfassungsschutz gegen ihre eigenen Gesetze arbeiten, um neonazistische Morde zu verschleiern, der muss diesen Film gesehen haben.

Der Logik folgend, dass jeder Film unbedingt eine Hauptfigur, einen „Helden“ haben muss, ist dies dann zweifelsohne niemand anderes als der BR-Journalist Ulrich Chaussy. Er führt die Zuschauer durch den Film, sein Leben und die vielen Ungereimtheiten bei diesem als „Tat eines Einzeltäters“ verkauften Neonazi-Attentat. Dadurch hat der Film eine ganz andere Chance, das Attentat sachlich richtig und vor allem den Opfern und ihren Angehörigen würdig zu schildern.

Gespielt wird Chaussy in einer fantastischen schauspielerischen Leistung von Benno Fürmann. Im Verlauf der Handlung erlebt der Journalist nicht nur mauernde Behörden, die trotz offensichtlicher Sachlage nicht an einer Klärung des Falles interessiert sind. Mehr noch: Weil er genau die Zweifel, die heute längst anerkannt sind, laut äußerte, nahmen ihn die Behörden ins Visier. So etwa der Münchner Staatsschutz für Linksextremismus (Heute: K43) der Polizei. „Sie wären nicht der erste Linke, der eine Bombe legt“, wird dem Journalisten im Münchner Polizeipräsidium erklärt, nachdem die Politpolizei die Stürmung seiner Wohnung durch ein Sondereinsatzkommando im Zusammenhang mit den Ermittlungen zum Oktoberfestattentat angeordnet hat. Durch die Jagd der Behörden auf einen Journalisten bekommt der Film den Charakter eines echten Geheimdienst-Thrillers.

Obwohl stets für Spannung gesorgt ist, bleiben Actionszenen weitgehend aus. Das Attentat selbst wird nicht nachgespielt. Immer wieder bringen den Zuschauer kurze, unkommentierte Originalaufnahmen vom Oktoberfest 1980 in die Situation hinein. Fahrgeschäfte, Bierzelte, ein Knall. 13 tote Menschen. Damit beginnt die Geschichte des Films — und der bis heute anhaltende Versuch einer spektakulären politischen Relativierung eines neonazistischen Attentats.

Mitten im Wahlkampf inszeniert die damalige bayerische Strauß-Regierung, die gerade an der Übernahme der Regierung Deutschlands bastelte, eine schnelle und wahlkampftaugliche Presseerklärung. Der Anschlag kann nur von Linken ausgeübt worden sein, soviel stand jedenfalls fest. Die CSU missbraucht schamlos die Opfer des Attentats, um vor allem am Stuhl des FDP- Innenministers Gerhart Baum zu sägen. Baum hatte die damaligen Anzeichen der zunehmenden Radikalisierung der Neonaziszene von der Altnazi-Partei FAP bis zur paramilitärischen Wehrsportgruppe Hoffmann nähmlich frühzeitig erkannt und entsprechend mit Repressionen und Verboten reagierte.

Es ist eben diese brisante Mischung aus politischen Machtspielen, einem Verfassungsschutz, der ebenso wie die Polizei aus politischen Gründen an einer echten Aufarbeitung nicht interessiert ist und einer Neonaziszene, die öffentlich die „Wolfszeit“ ausruft und längst den bewaffneten Aufstand auch öffentlich plant, die Chaussys journalistischen Ehrgeiz scheinbar unaufhaltsam geweckt hat. Und das, was Ulrich Chaussy in seinem Leben nun alles widerfahren soll, ist nicht fiktiv. Ulrich Chaussy hat mit dem Regisseur Daniel Harrich gemeinsam das Drehbuch erarbeitet — auch, wenn er selbst sich an die Rolle des Protagonisten erst gewöhnen musste, wie er sagt.

“Der blinde Fleck” kann, während ausgerechnet in München der Prozess gegen eine rechtsterroristische Organisation läuft, die offensichtlich zu keiner Zeit der Gefahr ausgesetzt war, durch die Behörden erkannt zu werden, nicht aktueller sein. Das ist auch die Auffassung von Ulrich Chaussy: „Damals, 1980, waren die weitgehend gleichen Mechanismen des Wegschauens, des Ausblendens, des nicht wahrhaben Wollens bereits voll entwickelt, die wir jetzt im Fall NSU mit Erschrecken und Scham erkennen“.

Der Film startet am 23. Januar in den Kinos.

Zuerst erschienen beim Störungsmelder.

Kommentare(2)

Irmela Mensah-Schramm Donnerstag, 09.Januar 2014, 08:38 Uhr:
Das Erschreckende ist, dass heute noch immer wieder Menschen für ihr mutiges Engagement gegen die Neonazis kriminalisiert werden.
Im Vergleich zu tatsächlich rechten Straf - und Gewalttaten, werden Anti-NaziaktivistInnen vorschnell in die "linksextremistische", d.h. fast schon "linksterroristische" Ecke gedrängt!
Nachdem ja nun hinreichend bekannt geworden ist, wie der Verfassungsschutz, den man eigentlich eher nur noch als "Verfassungsschmutz" bezeichnen kann, abenteuerlich die Naziszene unterstützt hatte (V-Leute etc...........), sich heute als "Saubermann" darstellt und glaubt, die Öffentlichkeit überzeugen zu können.
Das versteht man unter "DemokratischerGrundordnung" ...........
 
Jupp Donnerstag, 09.Januar 2014, 14:41 Uhr:
Ist das eigentlich ein gutes oder ein schlechtes Zeichen, wenn der VS von einer politischen Seite jeweils als Unterstützer der anderen Seite dargestellt wird?-)
 

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