von Tim Schulz
   

Das NSU-Unterstützernetzwerk in Sachsen

Auch sechs Jahre nach der Enttarnung des NSU sehen Beobachter die bisherigen Ergebnisse kritisch: Nicht weitreichend genug seien die Erkenntnisse und Konsequenzen der Ermittlungen und Untersuchungsausschüsse. Aus diesem Grund wurde nach umfangreicher Recherchearbeit nun die Broschüre „Unter den Teppich gekehrt – Das Unterstützungsnetzwerk des NSU in Sachsen“ des Kulturbüros Sachsen veröffentlicht.

Die neu erschienene Publikation zum NSU-Unterstützerkreis in Sachsen, Foto: Kulturbüro Sachsen

Mindestens zehn Morde, ein Bombenanschlag, unzählige Raubüberfälle, die Tatorte verteilt über ganz Deutschland – das ist die Bilanz des NSU. Bei vielen ungeklärten Gewaltverbrechen steht die rechte Terrorzelle weiterhin unter Verdacht. Die Täter konnten scheinbar jahrelang unerkannt und von den Behörden unbehelligt agieren. Aber wie war dies möglich? Um dieser Frage nachzugehen, produzierte das Kulturbüro Sachsen in aufwendiger Recherche die Broschüre über das Netzwerk und Umfeld des NSU.

Vom Untergrund zu sprechen ist irreführend“

Eine Antwort auf die Frage gibt Michael Nattke, Mitarbeiter des Kulturbüros: In Auszügen aus der Publikation zeigte er auf, dass der NSU sich nicht im politischen Vakuum bewegte. Die Ermittlungen etwa, seien ein Beispiel dafür, wie sehr institutioneller Rassismus und die systematische Unterschätzung rechter Untergrundstrukturen die Perspektive der Sicherheitsbehörden verzerren können. Das betrifft nicht zuletzt auch die Opfer und deren Angehörige, die im Fall des NSU immer wieder fälschlicherweise ins Visier der Ermittler gerieten.

Viel eklatanter sei jedoch die Bewegungsfreiheit, die die Täter aufgrund der rechten Hegemonie im öffentlichen Raum genossen, obwohl sie längst in den Untergrund abgetaucht waren. Trotz ihres Abstiegs in die Illegalität konnten die Rechtsterroristen einem weitestgehend normalen Leben nachgehen, einkaufen, sich mit Mitstreitern in Kneipen treffen, sich in der Öffentlichkeit bewegen. Nattke resümiert: „Vom Untergrund zu sprechen ist irreführend.“

In der Tat machte Sachsen bereits in den 90er Jahren Schlagzeilen mit rechtsextremen Aktivitäten. Pogrome wie in Hoyerswerda, das offene Auftreten von Neonazis im öffentlichen Raum, der Versuch national befreite Zonen zu etablieren – das alles sind Beispiele für ein soziales Klima, in dem rechte Gewalt florieren konnte. Ein anderer Nutznießer dessen war die NPD, die zehn Jahre lang im sächsischen Landtag vertreten war. Davon profitierte auch die hiesige Neonazi-Szene, die nicht nur besonders groß, sondern auch gut organisiert war – und ist. Diese Mischung aus gesellschaftlicher Akzeptanz und fester Organisationsstrukturen ebnete letztendlich den Boden für rechten Terror.

Zwischen Blood and Honour, NSU und LKA

Zwar müssen sich seit der Selbstenttarnung des NSU mehrere mutmaßliche Unterstützer vor Gericht verantworten, so etwa Ralf Wohlleben oder André Eminger, jedoch stellen diese nur einen Bruchteil des bis zu 200 Personen starken Netzwerks dar. Wer konkret unterstützte die militanten Neonazis in Sachsen? Laut Danilo Starosta, ebenfalls Mitarbeiter im Kulturbüro, sticht hier ein Name besonders heraus: Thomas Starke. Nicht nur war er eine Szenegröße, die dem NSU-Kerntrio viele Türen innerhalb der Szene öffnete, sondern sorgte auch für nötige Vernetzung mit den Netzwerken von „Blood and Honour“ oder den „Hammerskins“; Für die Täter des NSU stellte er eine Art Mentor dar, so Starosta.

Starke hätte Sprengstoff für geplante Bombenanschläge der Rechtsterroristen besorgt und nach deren Abtauchen eine Wohnung in Chemnitz besorgt. Am interessantesten sind jedoch seine Verbindungen zu den Sicherheitsbehörden: Der Neonazi diente dem Berliner LKA als Informant in Sachsen, trotz Einwänden anderer Behörden und laufender Ermittlungsverfahren. Starke steht exemplarisch für die umstrittene V-Leute-Praxis und die Versäumnisse der Behörden, so Starosta.

Man geht den Schritt nicht weiter“

Kritik an den Behörden kam auch von Susann Rüthrich, stellvertretende Vorsitzende im zweiten NSU-Untersuchungsausschuss. „Man geht den Schritt nicht weiter“, so Rüthrich. Bei den Ermittlungen zeigte sich, dass die Behörden oft zu starr auf das Opferumfeld fokussiert waren und kaum neue Spuren aufnahmen. Reine Strukturdebatten reichen jedoch nicht, vielmehr muss sich auch die Mentalität innerhalb der Institutionen grundlegend ändern. Man müsse die entsprechenden Institutionen komplett „neu aufbauen.“


Susann Rüthrich während der Vorstellung der Publikation

Eine Mitverantwortung für die jahrelange Unterschätzung der Problematik trage laut Michael Nattke jedoch auch jede einzelne Person. Schon 2006 mahnten Angehörige und Opfer öffentlich, dass hinter den damals so bezeichneten „Döner-Morden“ rassistische Tatmotive stünden. Reagiert hat in Medien und Öffentlichkeit kaum jemand. Eine Lehre aus der Mordserie des NSU wäre also mehr Sensibilität gegenüber den Opfern und Zielen rechten Terrors. Denn diese wissen, wer mit den Taten gemeint ist, auch ohne Bekennerschreiben, so Susann Rühtrich.

Die Broschüre "Unter den Teppich gekehrt" kann auf der Seite des Kulturbüros Sachsen bestellt werden.

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