von Redaktion
   

Bürgermeister wegen flüchtlingsfreundlicher Haltung mit Knüppel niedergeschlagen?

Gestern wurde der Ortsbürgermeister von Oersdorf in Schleswig-Holstein von einem Unbekannten mit einem Knüppel niedergeschlagen und verletzt. Vermutlich, weil sich der Kommunalpolitiker zur Aufnahme von Flüchtlingen bereit erklärt hatte. Zuvor waren mehrere Drohbriefe bei dem späteren Opfer eingegangen, bereits zwei Mal musste eine Sitzung eines örtlichen Ausschusses wegen Bombendrohungen abgesagt werden.

In diesen Tagen kommt das Buch von Markus Nierth auf den Markt. Bis vor einigen Monaten war Nierth ehrenamtlicher Bürgermeister der kleinen Gemeinde Tröglitz (Sachsen-Anhalt), der bis heute wie kaum ein anderer Ort für eine rechtsextremistische Stimmungsmache gegen Mandatsträger steht, die sich für die Aufnahme von Flüchtlingen aussprechen. Immer öfter rücken Politiker ins Visier von Neonazis, das Bundeskriminalamt dokumentierte in den ersten neuneinhalb Monaten dieses Jahres 813 Straftaten gegen Amts- und Mandatsträger. Nierth fühlte sich nicht genug unterstützt und stellte sein Amt zur Verfügung. Eine Demonstration von Flüchtlingsfeinden sollte vor sein Privathaus führen, mitorganisiert von einem NPD-Kommunalpolitiker. Zuvor gab es Morddrohungen gegen den Politiker. Nierths Buch heißt „Brandgefährlich“ – bald nach seinem Rückzug brannte das Gebäude in Tröglitz, das als Unterkunft für Asylbewerber im Gespräch war.

Gestern Abend ereignete sich in Oersdorf im Kreis Segeberg ein besonders hinterhältiger Angriff auf den dortigen Bürgermeister. Nach Polizeiangaben wurde der 61-Jährige gegen 19.00 Uhr von einem bislang unbekannten Täter zunächst angesprochen und dann hinterrücks niedergeschlagen, als er einen Laptop aus seinem Auto holen wollte. Erste Ermittlungsergebnisse deuten auf einen möglicherweise rechtsextremistisch motivierten Anschlag hin. Bei dem Verwaltungschef waren in der Vergangenheit mehrere Drohbriefe eingegangen, einer davon erst am Tag des Anschlages. In einem sei mit den Worten „wer nicht hören will, muss fühlen“ der Angriff angekündigt worden, sagte ein Polizeisprecher dem NDR. Deshalb habe die Polizei die Sitzung des Bauausschusses mit sechs Beamten abgesichert, da der Bürgermeister aber etwas abseits geparkt habe, konnte der Angreifer unbemerkt zuschlagen.

Drohungen - mit Worten und Bomben

Der Kommunalpolitiker verlor das Bewusstsein und musste in ein Krankenhaus gebracht werden. Die Erstversorgung hatte zuvor ein Notarzt übernommen. Der Staatsschutz, der mittlerweile die Ermittlungen übernommen hat, führte noch am Abend erste Befragungen durch. Trotz der Einsatzkräfte vor Ort konnte der Gewalttäter fliehen.

Der niederschlagene Bürgermeister befürwortet die Unterbrigung von Flüchtlingen in dem 900 Menschen zählenden Dorf. Dieses Thema sollte auch gestern Abend auf der Tagessordnung der Sitzung stehen. Bereits seit mehreren Monaten versuchen Gegner des Vorhabens Kommunalpolitiker einzuschüchtern. Nach Angaben der Wählergemeinschaft, der der Bürgermeister angehört, seien bereits zwei Sitzungen des Bausschusses verschoben worden. Zuvor hatte es Bombendrohungen gegeben.  

Kommentare(1)

Roichi Freitag, 30.September 2016, 13:19 Uhr:
Der alltägliche Terror der Besorgtbürger.
Ein Beitrag dazu:
http://www.berliner-zeitung.de/politik/meinung/kommentar-zum-extremismus-aus-sich-im-ton-vergreifen-wird-klima-der-gewalt-24821358
 

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