von Marc Brandstetter
   

„Besorgte Bürger“, die zu „Landser“-Melodien spazieren gehen

Beim gestrigen zweiten „Spaziergang“ des regionalen Pegida-Ablegers in Schwerin verfestigte sich der Eindruck der letzten Wochen: Das Szenario bestimmten NPD-Anhänger und aggressive Kameradschafts-Mitglieder, die sich teilweise vermummten. Wieder mit dabei: NPD-Fraktionschef Udo Pastörs.

„Schwerin bleibt deutsch“, grölt eine Gruppe junger Männer, zumeist schwarz gekleidet, in die Nacht. Es ist zwar nur ein Slogan von vielen, die an diesem Abend von den Anhängern der rassistischen Mvgida-Bewegung auf ihrem „Spaziergang“ durch die Straßen von Schwerin skandiert werden, doch dieser bleibt im Ort. Denn er hat eine Vorgeschichte. Als Vorbild dient vermutlich ein Lied der als kriminellen Vereinigung verbotenen Rechtsrock-Band „Landser“, zumal die „Sänger“ diese Melodie auf den Lippen haben. Die Truppe um Michael „Lunikoff“ Regener glorifizierte auf ihrem ersten Demo 1992 in dem Song „Berlin bleibt deutsch“ die nationalsozialistische Vergangenheit der „Reichshauptstadt“. Zwischen den Zeilen forderten die Szenestars aber auch Taten. „Kanaken und Parasiten“ lasse man sich nicht länger bieten. „Türkenpack und scheiß Senat – raus aus unserer schönen Stadt“, reimt Regener auf Teufel komm raus.

In dieser Gesellschaft fühlte sich gestern Abend ein buntes Gemisch aus Reichsbürgern, Verschwörungstheoretikern, Antidemokraten, Kameradschaftsaktivisten und Kadern der NPD sichtlich wohl. Die wenigen Menschen, die ohne einen direkten Bezug zur rechtsextremen Szene schienen, nahmen jedenfalls keinen Anstoß an den zahlreichen vermummten und teilweise mit dicken Handschuhen ausgestatteten Neonazis. Anders die Polizei, die ein ums andere Mal einzelne „Spaziergänger“ aufforderte, ihre Vermummung abzulegen. Derweil debattierten zwei Mvgida-Unterstützer über das Land „Mecklenburg-Vorpommern als Firma“, und ein älterer Herr schimpfte wie ein Rohrspatz gegen die anwesenden Journalisten, die immer wieder als „Lügenpresse“ diffamiert wurden. Die schreibende Zunft sei nicht mehr als „Handlanger der BRD-Stasi“, stellte er mit der ihm eigenen Überzeugung fest.

NPD gibt Ton und Richtung vor

Wie bei der Premiere des Marsches, der u. a. über die Mecklenburgerstraße zurück zur Siegessäule führte, gaben sich die lokalen NPD-Spitzenfunktionäre die Klinke in die Hand. Neben dem erst am Wochenende als Landesvorsitzender bestätigten Stefan Köster, erklärten sich das frühere Landesvorstandsmitglied Michael Grewe, Torgai Klingebiel und der bekannte Neonazi und Frontmann des Hamburger NPD-Verbandes, Thomas „Steinar“ Wulff, zu „besorgten Bürgern“. Letzterer versuchte am Rande der Kundgebung auf dem Rathausmarkt, die Stadtvertreter und die Oberbürgermeisterin Angelika Gramkow (Die Linke), die ihre laufende Sitzung für den Gegenprotest unterbrochen hatten, in ein Wortgefecht zu verwickeln.

Udo Pastörs, Chef der letzten verbliebenen NPD-Fraktion, wurde von seinem Personenschützer David Böttcher begleitet. Der 62-Jährige wandte sich immer wieder von den auf ihn gerichteten Kameras ab, einige seiner Weggefährten bildeten zusätzlich einen menschlichen Sichtschutz um ihn. Möglicherweise sollte verschleiert werden, dass sich der wegen „qualifizierter Holocaustleugnung“ vorbestrafte NPD-Funktionär mit einem Megaphon in der Hand auf einen Redebeitrag vorbereitete. Seine Worte, von denen Augenzeugen berichten, kamen indes nicht bei allen Sympathisanten der islamfeindlichen Proteste an. Das Ziel der Überparteilichkeit dürfe nicht aus den Augen verloren werden, mahnen die Kritiker auf Facebook. Eine andere Rede, zu Beginn des Marsches in typischem NPD-Duktus gehalten, und vor „Überfremdung der Heimat“ bzw. vor dem „Verlust der Identität“ warnend, hatte demgegenüber hohe Zustimmung bekommen. 

Gelungene Gegenaktion

Einer anderen Kontroverse trugen die Organisatoren hingegen Rechnung. Das „Asylflut stoppen“-Transparent führten die Teilnehmer des Zuges nicht mit sich. In der Kiste blieb außerdem das letztmalige Mvgida-Frontspruchband. Möglicherweise weil dieser Schweriner „Spaziergang“ offiziell unter dem Dach des Megida-Büdnisses lief. Ohnehin setzten die selbsternannten „Verteidiger des Abendlandes“ dieses Mal eher auf selbstgemalte Pappschilder und wenige Banner – eines davon warb für die Hetzseite „PI News“. Bereitwillig griffen einige der nach Angaben der Polizei 500 Mvgida-Anhänger zu, als Schilder mit der Aufschrift „Mvgida.de“ verteilt wurden. Eine gelungene False Flag-Aktion von Gegnern der Proteste; Hohn und Spott ließen nicht lange auf sich warten.

Die Veranstalter der Mvgida-Aktionen, die sich Recherchen zufolge im NPD-Umfeld beweg(t)en, haben mit der Anwesenheit und der Unterstützung von Neonazis und NPD-Mitgliedern kein Problem. Im Gegenteil, in Mecklenburg-Vorpommern verfestigt sich die Erkenntnis: Hier marschiert die NPD Hand in Hand mit den sie unterstützenden Freien Kameradschaften unter dem Label einer Tarnorganisation, um Anschluss an gesellschaftliche Debatten zu bekommen.

Kommentare(2)

@ Redaktion Donnerstag, 29.Januar 2015, 22:23 Uhr:
Gibt es von den "Gesangseinlagen" denn ein Video oder Tondokument als Beleg?
 
Redaktion Freitag, 30.Januar 2015, 08:29 Uhr:
Brauchen sie tatsächlich ein Tondokument oder glauben sie - in diesem einen Fall - der "Lügenpresse", die vor Ort war, auch so?
 

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