von Oliver Cruzcampo
   

Berlin: „Wir sind das Volk“ wird blockiert

Neonazis und Flüchtlingsgegner wollten am Samstag in Berlin-Marzahn gegen geplante Containerdörfer für Asylbewerber auf die Straße gehen. Zwar kam eine große Anzahl Teilnehmer zusammen – Blockaden durch weit mehr linke Demonstranten verhinderten den Marsch jedoch. Die Polizeiführung muss sich eine fatale Fehlentscheidung ankreiden lassen.

Da Unterkünfte für anreisende Asylsuchende immer knapper werden, sollen in Berlin insgesamt sechs Containerdörfer entstehen, eines davon in Stadtteil Marzahn. Für die rechtsextreme Szene ein gefundenes Fressen: Seit Wochen wird mobilisiert. Dazu kommt der Umstand, dass Anwohner in den Prozess nicht mit eingebunden wurden, Versammlungen über die geplanten Container sollen erst in einigen Wochen stattfinden – zu spät.

„Gegen Asylmissbrauch den Mund aufmachen“, heißt es in den Aufrufen zu der Anti-Asyl-Demonstration. Dazu gesellte sich das derzeit in ganz Deutschland in den Medien präsente Hogesa-Motto „Gemeinsam sind wir stark“. 1.000 Teilnehmer wurden erwartet, 800 versammelten sich am Samstagnachmittag ab 14 Uhr in der Raoul-Wallenberg-Straße in Marzahn.

Stimmung wird aggressiver 

Ab 15 Uhr war eine Wegstrecke von knapp acht Kilometern vorgesehen, bis zum Alice-Salomon-Platz sollte es gehen. Doch auch die linke Szene hatte massiv mobilisiert. Rund 2.500 Gegendemonstranten blockierten große Kreuzungen um die Flüchtlingsgegner, die sich so bis 17 Uhr die Beine in den Bauch stehen mussten. Da die Blockaden seitens der Polizei nicht geräumt wurden und kaum Bewegung aufkam, wurden vor allem vereinzelte Neonazis zunehmend aggressiver.

Einige Dutzend Gegendemonstranten waren auf die andere Straßenseite durchgedrungen und lieferten sich Wortgefechte mit den Heimgegnern. Deren Anzahl hatte sich bereits merklich reduziert, auch Durchhalteparolen liefen größtenteils ins Leere. Man wolle notfalls bis 23.59 Uhr vor Ort verharren, wurde übers Mikrofon durchgegeben.

Plötzlich setzte sich der Zug jedoch langsam in Bewegung. Nach 150 Metern war der Aufmarsch zwar an der Kreuzung zur Landsberger Allee angekommen, doch die Blockaden hatten Bestand. Am dem Moment geriet die bis zu dem Zeitpunkt ruhige Lage außer Kontrolle. Die Teilnehmer machen eine Wende und kehrten zurück Richtung Ausgangspunkt.

Polizei verliert Kontrolle

Allerdings schien die Polizei einige Absperrungen nicht mehr aufrecht zu erhalten. So konnten sich mehrere Hundert Gegendemonstranten in raschem Tempo direkt auf die Neonazis und Asylgegner zubewegen. Die Lage drohte zu eskalieren. Kurzzeitig standen sich die beiden verfeindeten Lager unmittelbar gegenüber. Lediglich rasch installierte Polizeiketten verhinderten Schlimmeres.


 „Wir sind das Volk“?

Im abschließenden Polizeibericht heißt es: „Nach Abmarsch des Aufzuges wurde dieser von bis zu 1.000 Teilnehmern der Gegenkundgebungen begleitet. Aus der Gruppe der teilweise vermummten Gegendemonstranten heraus wurden Knallkörper, Steine und Flaschen auf die Teilnehmer des Aufzuges geworfen. Auch einige Teilnehmer des Demonstrationszuges warfen Steine auf die Gegendemonstranten.“

Mit Mühe und Not leitete die Polizei die verbliebenen Neonazis und Asylfeinde zur knapp ein Kilometer entfernten S-Bahn-Station Raoul-Wallenberg-Straße. Ein eigens gerufener Sonderzug transportierte die „Anwohner“ schließlich ab, nachdem die Versammlung kurz vor 18 Uhr für beendet erklärt worden war.

Neonazis skandieren: „Wir sind das Volk“

Die selbsternannte „Bürgerbewegung“ wird den Verlauf des Samstags kaum als Erfolg verbuchen können. Zwar ist es den Organisatoren anfangs gelungen, etliche Anwohner zur Teilnahme zu bewegen, doch viele Sympathisanten dürfte das massive Polizeiaufgebot abgeschreckt haben. Eine Wegstrecke konnte nicht gelaufen werden, lediglich zum Abtransport der verbliebenen Teilnehmer. Bereits am Montag soll es um 19 Uhr an der Kreuzung Landsberger Allee / Blumberger Damm das nächste Treffen geben.

Wie bereits auf vergangenen Veranstaltungen von Asylgegnern wird zunehmend darauf geachtet, die Zusammenkünfte möglichst bürgerlich darzustellen. Anfangs ging der Plan durchaus auf. Jedoch dominierten Rechtsextreme und gewaltbereite Hooligans zunehmend die Veranstaltung, die äußere Wahrnehmung und nicht zuletzt skandierte Sprüche wie „Wir sind das Volk“ waren vor Skurrilität kaum zu überbieten.

Die NPD mobilisierte zwar zur Teilnahme, hielt sich am Samstagnachmittag jedoch bewusst zurück. Landeschef Sebastian Schmidtke bewegte sich unauffällig in der Menge. Zuvor hatte das frischgebackene Mitglied des NPD-Bundespräsidiums unumwunden zugegeben, die „Bürgerbewegung“ unter anderem logistisch oder dem Bereitstellen von Neonazis als Ordner zu unterstützen.

Kommentare(5)

kritiker Sonntag, 23.November 2014, 23:58 Uhr:
@ O.Cruzcampo
"Seit Wochen wird mobilisiert". Ja, das stimmt, aber von den betroffenen Anwoh-
nern und nicht von der "rechtsextremen Szene".
"Dazu kommt der Umstand...."
Nicht nur die betroffenen Anwohner, sondern sogar ein betroffenes Bezirksamt
(Pankow) erfuhren von den abenteuerlichen Plänen des Senats erst durch die
Medien, das BA Pankow wurde erst am 20.10. (!) offiziell vom Senat informiert.
Soviel zur gelebten Demokratie und hochgelobten Bürgerbeteiligung.
Auch Bürgerversammlungen sollen erst dann stattfinden, wenn die Container
stehen und bezogen sind, also wenn Bürgereinwendungen unmöglich sind.
Wieviel Angst muß doch der Senat von Berlin vor der wahren Meinung der be-
troffenen Anwohner und deren Reaktionen haben.
"Einige Dutzend Gegendemonstranten waren....durchgedrungen".
"So konnten sich mehrere hundert Gegendemonstranten ...direkt...zubewegen"
"Aus der Gruppe der teilweise vermummten (!) Gegendemonstranten heraus..."
Da zeigten die "Demokraten", harmlos Gegendemonstranten genannt,mal
wieder ihr wahres (teilweise aus Feigheit vermummtes) Gesicht : durch Polizei-
ketten gewaltsam dringen, Steine und Flaschen auf Menschen werfen, sich
vermummen, friedliche Bürgerdemos blockieren !
Und, werter O.C., ist es unverschämt und beleidigend, besorgte und von der
Obrigkeit absichtlich uninformierte Anwohner ständig als Asylfeinde oder Gegner zu bezeichnen. Auch Ihre Beschimpfung der Polizei ist unangebracht.
 
O. Cruzcampo Montag, 24.November 2014, 13:36 Uhr:
@ Kritiker

Sicherlich werden auch Anwohner zur Teilnahme aufgerufen haben, aber eben auch die rechtsextreme Szene. Genauso die NPD.

Etliche Neonazis waren ebenfalls vermummt. Wie Sie dem verlinkten Polizeibericht entnehmen können, sind auch aus der Gruppe der Asylgegner Steine geworfen worden.

Auf den Plakaten steht "Nein zum Heim". Dutzende grölten "Wir wollen keine Asylantenheime" oder auch "Antifa, Hurensöhne" etc. - das klingt für mich nicht nach "unverschämt und beleidigend", wie Sie es schreiben, sondern nach dem, wie es im Text heißt.

Wo habe ich konkret die Polizei beleidigt?
 
Roichi Montag, 24.November 2014, 14:31 Uhr:
@ kritiker

Du willst doch nicht ernsthaft einen Naziaufmarsch, und das war es nunmal leider, damit begründen, dass der Senat schlecht informiert.
Nicht der Senat war Ziel der Kamerraden, sondern Menschen, die nicht in die Ideologie passen.

" Ja, das stimmt, aber von den betroffenen Anwoh-
nern und nicht von der "rechtsextremen Szene"."

Es wurde von der Szene mobilisiert und angemeldet. Die Szene stellt Ordner, die Szene stellt den Großteil der "besorgten Anwohner" auch wenn diese von sonstwo kommen.
http://blog.zeit.de/stoerungsmelder/2014/11/23/proteste-gegen-neonaziaufmarsch-in-marzahn_17765
Schon interessant, wer bei dir alles anwohnt.

"Da zeigten die "Demokraten", harmlos Gegendemonstranten genannt,mal
wieder ihr wahres (teilweise aus Feigheit vermummtes) Gesicht "

Einzelne Leute haben also Mist gebaut. Und deshalb sind jetzt alle anderen gleich mit dran.
Sehr aufschlussreich.

"Steine und Flaschen auf Menschen werfen, sich
vermummen"

Nun, das machen deine Kamerraden auch so.
Wo also willst du die Empörung hernehmen?
Aus der Ablehnung von Gewalt ja wohl nicht.
 
SchwarzerStern Montag, 24.November 2014, 15:45 Uhr:
danke für die abschliessenden worte.
was vergessen wurde zu erwähnen, ist dass die "besorgten" bürger, nicht nur steine, sondern genauso auch böller, und flaschen geworfen haben - wer nun damit angefangen hat kann ich nicht sagen, allerdings muss sich niemand wundern wenn so gegenreaktionen provoziert werden (und ja, ich meine auch unsere seite damit). die polizei, wahscheinlich genervt von ihrem eigenen fehler, wurde dann zum schluss noch einmal etwas "sportlich", kesselte den vorderen teil der gegendemo, der ca. 50m von den nasen entfernt stellung bezog, und ganz "chaotisch" transparente zeigte um so den unmut gegenüber den nazis zum ausdruck zu bringen (auch wenn diese gerade zur abfahrt bereit standen). dann begann die polizei teilnehmer der gegendemo zusammen zuschieben, während die seitlichen abgänge durch die polizei, und ihre autos blockiert wurden - als man dann "bemerkte", das die eigenen kräfte die lage an den besagten stellen nur verschärften, zog man diese kräfte kurzerhand ab, verteilte noch etwas pfefferspray wie bonbons zum fasching, und freute sich diebisch über die getroffenen personen.
weiterhin ist es auffällig, dass die taktik der zu beginn meist anonymen bürgerinitiativen, mit handzetteln im briefkasten der anwohner (übliche parolen wie "unhygienisch", "die sind alle kriminell", typische sozialneid-problematiken, usw. sind dort zu lesen), etc., doch eine von rechts angewandte taktik ist, die auch in marzahn/hellersdorf super funktioniert hat.
alerta!
 
Jupp Montag, 24.November 2014, 22:09 Uhr:
Wie schön! Die Bullen haben mal wieder den schwarzen Peter. Egal, wie sie es machen, sie machen es aber auch immer falsch, die Deppen! Kann doch gar nicht so schwer sein, jedes Mal, wenn sich mehrere hundert oder tausend "Bürger" treffen, um sich gegenseitig zur Randale aufzuputschen, alles im Griff zu haben. Wenn die endlich mal wegblieben, dann könnte jede Seite problemlos ihre Friedfertigkeit beweisen. Bis dahin wird das allerdings nichts...
 

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