von Oliver Cruzcampo
   

Berlin: Rudolf Heß-Marsch mehrfach blockiert

Über 800 Neonazis reisten am Samstag nach Berlin-Spandau, der Todestag vom Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß jährte sich zum 30. Mal. Doch einen Marsch vorbei am ehemaligen Kriegsverbrechergefängnis verhinderten Gegendemonstranten, die geplante Route musste aufgrund von Blockaden massiv verkürzt werden. In der rechtsextremen Szene gibt es offenbar Überlegungen, den Marsch alljährlich durchzuführen.

In der Anmeldung war die Rede von 500 Teilnehmern, die am Samstag im Berliner Stadtteil Spandau erwartet würden, doch eine breite Mobilisierung in der Szene, auch im Ausland, deutete bereits auf mehr Neonazis hin, in rechtsextremen Kreise war die Rede von einem „Pflichttermin“.

Gegen 12 Uhr versammelten sich die ersten Versammlungsteilnehmer unter dem Motto „Mord verjährt nicht, gebt die Akten frei – Recht statt Rache!“, als der Zug später losmarschierte war die Zahl auf rund 850 Personen angestiegen. Vorab hatten Gerichte strenge Auflagen erteilt, eine Klage war größtenteils erfolglos. Die Demonstranten durften Rudolf Heß weder „in Wort, Schrift oder Bild“ verherrlichen.

Nach 300 Metern erste Blockade

Ursprünglich sollte es auf einer relativ langen Strecke u. a. auch am ehemaligen Kriegsverbrechergefängnis Spandau vorbeigehen, dort beging Rudolf Heß am 17. August 1987 Suizid, danach wurde das Gefängnis abgerissen. Doch soweit kamen die Heß-Anhänger nicht. Bereits nach rund 300 Metern musste der Aufzug aufgrund einer Blockade gestoppt werden. Nach langer Wartezeit in der prallen Sonne zog die Demo schließlich einmal um den Block, zurück am Bahnhof Spandau vorbei, lief einmal über eine Brücke und zum Treffpunkt zurück. Mehrere Tausend Neonazi-Gegner blockierten immer wieder die Route und protestierten in unmittelbarer Sicht- und Hörweite.

240 vor allem aus Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen anreisende Personen schafften es aufgrund von Störungen im Bahnverkehr gar nicht erst nach Spandau und verharrten im einige Kilometer entfernten Falkensee. Die Neonazis entschlossen sich, vor Ort eine Spontandemonstration durchzuführen, auf einem Video ist zu sehen, wie ein Teilnehmer gerade zum szenetypischen „Bürger lasst das Glotzen sein, auf die Straße, reiht euch ein“, ansetzen wollte, jedoch bereits nach dem ersten Wort harsch von einem weiteren Teilnehmer angegangen wurde, die Parole passte wohl nicht ins Konzept. Das wenig später skandierte „Ruhm und Ehre der deutschen Nation“ offenbar schon. Unter den Teilnehmern, die es nicht nach Berlin schafften, waren viele Kader aus Dortmund, in etwa Siegfried Borchardt oder auch der stellvertretende Bundesvorsitzende der Splitterpartei Die Rechte, Christoph Drewer. Der stellvertretende NPD-Bundesvorsitzende Thorsten Heise, Sven Skoda und Die Rechte-Funktionär Sascha Krolzig sollen Reden gehalten haben.

Lederhandschuhe für Neonazi-Gegner?

In Berlin waren hingegen viele Anhänger der NPD anzutreffen. Bundesvize Stefan Köster war genauso zugegen wie der stellvertretende Landesvorsitzende der NPD Baden-Württemberg, Dominik Stürmer, die neue RNF-Chefin Antje Mentzel, die bei DS-TV als Emma Stabel auftretende Nele S. sowie etliche JN-Anhänger. Der ehemalige Berliner Landeschef Sebastian Schmidtke war in die Organisation eingebunden, trat zudem als Redner auf. Als es später zu einer kurzzeitigen Rangelei mit Gegendemonstranten kam, wollte der NPD-Bundesorganisationsleiter eine Person verfolgen, sah in letzter Sekunde davon ab. Ein Ordner neben Schmidtke hatte sich da bereits Lederhandschuhe übergestreift.

Angemeldet wurde die Demonstration vom langjährigen Szene-Kader Christian Malcoci, der jedoch am Samstag nicht anzutreffen war. Als Versammlungsleiter fungierte Christian Häger, der dem verbotenen „Aktionsbüro Mittelrhein“ zuzurechnen ist. Häger hielt sich jedoch auffällig im Hintergrund, überließ vor allem Schmidtke das Agieren in der Öffentlichkeit. Später am Bahnhof traten neben Schmidtke und dem Historiker und ehemaligen Mitarbeiter der sächsischen NPD-Landtagsfraktion, Olaf Rose, drei weitere Redner auf. Das Publikum hatte aufgrund der teilweise langen Beiträge zunehmend das Interesse verloren.

35 Festnahmen

Später soll es zu vorübergehenden Festnahmen von Neonazis gekommen sein. Auf einem Foto ist der mecklenburgische Kader Michael Grewe zu sehen, wie er von drei Polizisten abgeführt wird. Laut Pressemitteilung der Polizei wurden insgesamt 35 Neonazis festgenommen, zwölf wegen Verstößen gegen das Verbot vom Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen.

Zudem wird in der Szene offenbar darüber diskutiert, die Heß-Veranstaltung jährlich in Berlin durchzuführen. Bereits jetzt heißt es auf einschlägigen Seiten, dass die nächste Demo im August 2018 erneut in Spandau stattfinden solle. Denn trotz Blockaden und verkürzter Route hat die Szene es geschafft, seit vielen Jahren einen der größten Neonazi-Aufmärsche in Berlin durchzuführen und wird versuchen, daran anzuknüpfen.

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