Ilmenau

Anschlag auf Gemeinschaftsunterkunft: Junge Rechtsextreme vor Gericht

Nach einem Angriff auf eine Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge bei Ilmenau in Thüringen müssen sich sechs junge Männer wegen versuchten Mordes und der Beihilfe dazu vor Gericht verantworten. 

Mittwoch, 22. April 2026
Kai Budler
Drei Angeklagten wird nach dem Brandanschlag versuchter Mord, drei weiteren Beihilfe vorgeworfen.
Drei Angeklagten wird nach dem Brandanschlag versuchter Mord, drei weiteren Beihilfe vorgeworfen.

Es ist eine Tat, die an die Baseballschlägerjahre in den 1990er Jahren erinnert, sich tatsächlich aber Ende September 2025 in Thüringen abgespielt hat. Sechs junge Männer sind in einem Auto unterwegs, die Stimmung ist ausgelassen. Es fallen rassistische Sprüche, über die Boxen ertönt Rechtsrock der Neonazi-Band „Landser“, die 2003 zur kriminellen Vereinigung erklärt worden war.

Gemeinsam suchen die sechs Angeklagten ein Bruchstück einer Gehwegplatte aus, Justin B. hat eine Feuerwerksbatterie mit 19 Schuss dabei. Die rund zehnminütige Autofahrt führt von Ilmenau zur Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge im Ortsteil Gehren. Dort sollen die zur Tatzeit zwischen 18 und 21 Jahre alten Männer die Fensterscheibe des Zimmers einer dreiköpfigen Familie mit dem Stein eingeworfen und anschließend die entzündete Feuerwerksbatterie hineingeworfen haben.

„Ausländerfeindliche Motivation“

Das wirft ihnen die Staatsanwaltschaft vor und hat sie wegen versuchten Mordes bzw. Beihilfe zum versuchten Mord vor dem Landgericht Erfurt angeklagt. Direkt unter dem Fenster hatte die damals 46-jährige Mutter geschlagen, die Feuerwerksbatterie entzündete ihre Matratze und versperrte ihr den Weg zur Tür. Bei der Flucht vor den Flammen verletzte sich die Frau beim Sprung aus dem Fenster. Der Staatsanwalt geht davon aus, dass die Beschuldigten bewusst in Kauf nahmen, dass eine solche Feuerwerksbatterie in geschlossenen Räumen zu einem Brand führen und erhebliche Verletzungen verursachen kann. Bewusst hätten sie die Arg- und Wehrlosigkeit der Bewohner ausgenutzt. Die Strafverfolgungsbehörde geht von einer „ausländerfeindlichen Motivation“ aus.

Weitere Vorwürfe sind unter anderem besonders schwere Brandstiftung, gefährliche Körperverletzung beziehungsweise die Beihilfe dazu. Bereits kurz nach dem Anschlag hatte die Polizei einen damals 21-jährigen Tatverdächtigen festgenommen, ihn aber gegen Auflagen wieder auf freien Fuß gesetzt. Die Ermittlungen führten die Polizei dann auf die Spur zu den anderen fünf Männern.

Täter filmen Tat

Ende Oktober folgten Durchsuchungen im Ilm-Kreis und im Landkreis Saalfeld-Rudolstadt, alle sechs Beschuldigten wurden festgenommen. Bei der Auswertung der Handys stießen die Ermittler auf zahlreiche Videos, darunter auch Aufnahmen von der Fahrt nach Gehren und wie die Feuerwerksbatterie in die Unterkunft geworfen wurde. Darauf hatte eine Zeugin alle sechs Männer im Auto erkannt und identifiziert. Alle hatten beim Ermittlungsrichter teils ausführlich ausgesagt. Zum Prozessauftakt aber wollten sich die Angeklagten vorerst nicht zur Sache äußern, drei machten lediglich Angaben zu ihren persönlichen Verhältnissen.

Vor dem Landgericht tritt die betroffene Familie der Unterkunft im Prozess als Nebenklägerin auf und erklärte vorab: „Der Brandanschlag hat unser Leben verändert. Es hat sich wie Krieg angefühlt. Wir fühlen uns seitdem nicht mehr sicher und haben Angst, dass dies nochmal passieren könnte.“ Die drei Familienmitglieder seien froh, dass sie noch am Leben seien, aber: „Was passiert ist, kann nicht ungeschehen gemacht werden.“

Wunsch: Rechte Gewalt konsequent verfolgen

Unterstützt und begleitet werden sie seit dem Anschlag von der Betroffenenberatung ezra. Die zuständige Beraterin erläuterte vor Prozessbeginn, die staatlichen und juristischen Schritte seien für die Betroffenen von großer Bedeutung. „Wir hoffen, dass das Gerichtsverfahren zeigen wird, dass rechte Gewalt konsequent verfolgt werden kann. Dies würde dazu beitragen, das Vertrauen in staatliches Handeln zu stärken.“

Für den Prozess sind bislang zehn Verhandlungstage bis Ende Mai vorgesehen. 

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