„Sächsische Separatisten“
Angeklagter AfD-Mann erklärt Wehrsportübungen für harmlos
Im Dresdner Prozess gegen die mutmaßliche Neonazi-Miliz „Sächsische Separatisten“ hat der ehemalige AfD-Funktionär Kurt Hättasch seine Unschuld beteuert. Er habe weder von der Existenz einer solchen Gruppe noch von ihren angeblichen Plänen zum Aufbau eines ostdeutschen NS-Staats gewusst, geschweige denn sich daran beteiligt. Was die Bundesanwaltschaft als Wehrsportübungen und Terrortraining beschreibt, nennt der Angeklagte „Waldtage“ – und stellt es auf eine Stufe mit Kinderspielen.
Kurt Hättasch ist bemüht, die größtmögliche Fallhöhe herzustellen. Als einer von acht jungen Männern, denen die Bundesanwaltschaft die Gründung einer Neonazi-Miliz namens „Sächsische Separatisten“ vorwirft, sitzt der 26 Jahre alte AfD-Mann im Dresdner Oberlandesgericht auf der Anklagebank. Es geht um einige der schwersten Vorwürfe, die das Strafgesetzbuch kennt: Terrorismus, Hochverrat, versuchter Mord. Doch als Hättasch am Freitag beginnt, sich in aller Ausführlichkeit zur Anklage zu äußern, bewegt er sich rhetorisch im Kosmos der absoluten Harmlosigkeit. Von einem „Kindergartenausflug“ spricht er, von „Indianerspielen“, von professionalisiertem „Räuber und Gendarm“.
Laut Bundesanwaltschaft sollen sich die „Sächsischen Separatisten“ – abgekürzt „SS“, wie die mörderische Elitetruppe des NS-Regimes – im Februar 2020 gegründet haben. Mit Wehrsportübungen, Häuserkampftraining und dem Besuch von Schießständen sollen sie sich auf den „Tag X“ des von ihnen herbeigesehnten Zusammenbruchs der bundesrepublikanischen Ordnung vorbereitet haben. Mit dem Ziel, danach in einem möglichst großen Teil Ostdeutschlands eine Art NS-Staat zu schaffen, „gesäubert“ von allen Menschen, die nicht ins braune Weltbild passen. Hättasch soll 2022 zu der Gruppe gestoßen sein.
Angeklagter greift Bundesanwaltschaft verbal an
So steht es in der Anklage. Kurt Hättasch aber sagt: „Das, was hier mit mir abgezogen wird, ist eine so unfassbare Ungerechtigkeit.“ Der Mann mit der Lodenjacke und dem gezwirbelten Kaiser-Wilhelm-Schnauzbart echauffiert sich derart, dass er die Vertreter*innen der Bundesanwaltschaft irgendwann sogar duzt: „Ihr klagt hier Sachen an, das ist jenseits von Gut und Böse. Das ist einfach unverantwortlich, so zu arbeiten.“
Zwölf Punkte wolle er richtig stellen, sagt er und kündigt an, dass das sicher etliche Stunden dauern werde. Er beginnt mit seinem Verhältnis zu dem als Rädelsführer angeklagten Jörg S. Der 24-Jährige stammt aus einer Dynastie österreichischer Rechtsextremer, sein Vater wurde in Österreich jüngst erneut wegen nationalsozialistischer Wiederbetätigung verurteilt. Jörg S. hat die Anklagevorwürfe vor Gericht ebenfalls bereits bestritten. Aus seiner neonazistischen Gesinnung aber machte er dabei so wenig Hehl, dass Hättasch hinterher erklärte, er sei „etwas enttäuscht“ von seinem Mitangeklagten.
Aus Bundeswehr geworfen
Enttäuscht will er von Jörg S. auch schon kurz nach dem Kennenlernen gewesen sein. Denn obwohl sich der Neonazi als „konservativ“ bezeichnet habe, sei er nicht für eine Mitgliedschaft in der AfD oder der damals noch existierenden Jungen Alternative zu erwärmen gewesen, erzählt Hättasch. Anders als zwei andere der Angeklagten. „Das machte ihn frühzeitig für mich uninteressant.“ Der Kontakt sei immer nur lose gewesen, das Verhältnis keineswegs vertraut. Und der Helm, den ihm der nebenberufliche Militariahändler zu Beginn ihrer Bekanntschaft verkauft habe, stünde mit Wehrsport und Terror sowieso in gar keiner Verbindung. Den, sagt Hättasch, habe er auf den Schreibtisch in seinem Kinderzimmer gestellt. Um Merkzettel dranzuheften oder Blumen draufzustellen. Eine Erinnerung an seine Bundeswehrzeit. „Ich mochte den Bundeswehrhelm einfach.“
Dass er 2021 als Zeitsoldat aus der Truppe geworfen wurde, weil er zu oft mit rechtsextremen und rassistischen Äußerungen aufgefallen sein soll, erwähnt er nicht. Politik und Ideologie kommen in seinem Vortrag ohnehin nicht vor. Von Spaß redet Hättasch, von Gemeinschaft, von Lagerfeuerromantik. Und allenfalls noch davon, dass er über „Waldtage“, wie er das nennt, als „gruppenbildende Maßnahme“ bei der Jungen Alternative nachgedacht habe.
Selbstverharmlosung
Was die Bundesanwaltschaft für paramilitärische Wehrsportübungen hält, wird in der Darstellung der einstigen AfD-Nachwuchshoffnung zu unpolitischer Pfadfinderei. Ein loses Häufchen, das plaudernd durch den Wald läuft, wie früher im Kindergarten. Dazu ein paar Erklärungen, wie man sich im Dickicht orientieren oder ein gebrochenes Bein behelfsmäßig schienen könne. Keine Uniformen, auch wenn Jörg S. dem einen oder anderen schlecht ausgestatteten Mitstreiter mit Flecktarnjacken ausgeholfen habe. Aber nur, weil die so preisgünstig seien. Keine Waffen, stattdessen Bier, Bratwurst und Gitarre. Die Idee für ein Geländespiel „Flagge erobern“, sagt Hättasch, die habe er aus dem Lieblings-Fantasy-Buch seiner Jugend geklaut. Und bei alledem war er, wenn man ihm glaubt, auch noch achtsam: „Ich habe darauf hingewiesen, dass man darauf achten möge, keine Jungbäume umzutreten.“
Wie seine Mitangeklagten wurde Hättasch, damals Vorsitzender der AfD-Stadtratsfraktion im sächsischen Grimma, Mitglied im Leipziger Kreisvorstand der AfD und Landesschatzmeister der Jungen Alternative, bei Razzien im November 2024 festgenommen. Weil er dabei mit einem geladenen und entsicherten Karabiner auf einen Polizisten gezielt haben soll, wird ihm versuchter Mord vorgeworfen. Bis zu diesem Punkt – es ist Nummer elf auf seiner Liste – kommt Hättasch am Freitag nicht mehr. Auch diesen Vorwurf hat er jedoch schon vehement bestritten: Er habe die Polizei für die Antifa gehalten und seine Familie verteidigen wollen.
Ex-CDU-Finanzsenator als Finanzier
Mit den „Sächsischen Separatisten“, von deren Existenz und deren angeblichen Zielen er im Übrigen nie etwas gewusst haben will, hatte er laut seiner Darstellung da schon lange nichts mehr zu tun. Nach den ersten beiden „Waldtagen“ mit Jörg S. habe er das Interesse daran verloren – zumal er rund um den Jahreswechsel 2023/24 sein „Hausprojekt“ in Grimma gestartet habe. In der Nähe des Bahnhofs hatte er mit seinem mitangeklagten Parteifreund Kevin R. (27) und einem weiteren Gesinnungsgenossen, dem Leipziger Nils Martin K., die Immobilie übernommen, finanziert durch ein Darlehen des früheren Berliner Finanzsenators Peter Kurth (CDU). „Wir wollten das Haus für politische Veranstaltungen, möglicherweise auch als Zweigstelle des AfD-Kreisverbands nutzen“, sagt Hättasch. Die Renovierung sei ihm wichtiger gewesen als irgendwelche Aktivitäten mit Jörg S. & Co. Weshalb er auch bei dem in der Anklage erwähnten Häuserkampftraining nicht dabei gewesen sei.
Nils Martin K. sitzt im Publikum, ein schmächtiger junger Mann mit schütterem rötlichen Haar, in einem Anzug, der an einen schlecht sitzenden Konfirmationsanzug erinnert. Als Junggesellenabschied für den 27-Jährigen hat Hättasch einen Besuch auf einem Schießstand organisiert, auch das ist Teil der Anklage. Dabei soll es, wie Hättasch wortreich erklärt, ein reines Spaßevent gewesen sein, ohne Bezug zu den „Sächsischen Separatisten“. Sie hätten für den werdenden Ehemann eine Grundausbildung bei der Bundeswehr simuliert, sagt Hättasch und berichtet begeistert von allerhand Demütigungen und Schikanen. Aber Alkohol habe es selbstverständlich erst nach dem Schießen gegeben: „Man sollte eine Waffe nicht unter Alkoholeinfluss benutzen.“
Parteifreund in Zuschauerbereich
Obwohl Nils Martin K. vielleicht noch als Zeuge aussagen muss, darf er im Saal bleiben. Ein paar Plätze links hinter ihm sitzt der AfD-Landtagsabgeordnete Jörg Dornau. Er gehört dem Leipziger Kreisverband an, in dem Hättasch bis zu seiner Festnahme im Vorstand saß, und steht in Treue fest zu seinem Noch-Parteifreund. Im September 2025 wollte er für Hättasch und den ebenfalls in der AfD aktiven Mitangeklagten Kevin R. eine Solidaritätskundgebung vor dem Gefängnis veranstalten – und wurde vom Landesvorstand zurückgepfiffen. Die AfD hatte sich nach dem Auffliegen der „Sächsischen Separatisten“ um demonstrative Distanz zu den mutmaßlichen Rechtsterroristen bemüht und Ausschlussverfahren eingeleitet. Abgeschlossen sind sie bis heute nicht.
Dornau kann sich vielleicht so gut in die Angeklagten hineinfühlen, weil er selbst Ärger mit der Justiz hat. Derzeit wird gegen ihn wird ermittelt, weil er unter Verstoß gegen EU-Sanktionen einen Teleskoplader nach Belarus geliefert haben soll. In dem Land von Diktator Alexander Lukaschenko ist der AfD-Politiker an einer Zwiebelfarm beteiligt, in der auch Häftlinge arbeiten sollen. Weil er sein geschäftliches Treiben in Belarus dem sächsischen Landtag verheimlichte, musste er bereits ein Ordnungsgeld in Höhe von rund 21.000 Euro zahlen.