AfD Niederbayern

AfD: Stellvertreter Ebner-Steiners gedenkt „Hitler-Stellvertreter“

Ein Landshuter AfD-Stadtrat und Stellvertreter der bayerischen AfD-Fraktionsvorsitzenden Katrin Ebner-Steiner in Niederbayern hat sich Mitte August im Netz an einem virtuellen Totengedenken für Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß beteiligt. Er war dabei nicht der einzige AfD-Politiker, der um den NS-Kriegsverbrecher getrauert hat.

Freitag, 18. September 2026
Thomas Witzgall
Görtemaker zeichnet Rudolf Heß’ Aufstieg, seine Rolle als Hitlers Stellvertreter und seinen späteren Mythos in der extremen Rechten nach. Straßberger gedachte kürzlich dem NS-Kriegsverbrecher
Görtemaker zeichnet Rudolf Heß’ Aufstieg, seine Rolle als Hitlers Stellvertreter und seinen späteren Mythos in der extremen Rechten nach. Straßberger gedachte kürzlich dem NS-Kriegsverbrecher

Der Nürnberger Rainer B. hat schon eine bewegte Vergangenheit in der extrem rechten Szene hinter sich: Funktionär bei der NPD, dann aktiv beim Freien Netz Süd, wenig später versuchte er sich an einem Ableger von Pegida in Franken und Dauerkundgebungen für die inzwischen aufgelöste Neonazi-Splitterpartei „Die Rechte“. Aktuell teilt er häufiger Martin Sellner und die Identitäre Bewegung, unterbrochen von Reichsbürger-Beiträgen. Sein Profilbild ziert ein gelbes Lambda.

Virtuelles Heß-Gedenken von Rainer B mit Kommentar von Straßberger Screenshot vom 18-09-2026 8-36 Uhr
Virtuelles Heß-Gedenken von Rainer B mit Kommentar von Straßberger Screenshot vom 18-09-2026 8-36 Uhr

Am 17. August erinnerte er an den Todestag von Rudolf Heß, der sich als letzter Gefangener im Kriegsverbrechergefängnis in Spandau 1987 das Leben nahm. Dazu postete er ein Foto des inzwischen aufgelösten Grabes in Wunsiedel, jahrelange Pilgerstätte von Tausenden Neonazis aus ganz Europa. Groß im Bild neben Namen und Todesdaten die Aufschrift: „Ich habe es gewagt“. Unter den virtuell Mittrauernden schloss sich auch Günter Straßberger an. Das Facebook-Profil lässt sich eindeutig zuordnen, wurde schon von dem Bezirksverband verlinkt. Es enthält private Beiträge. Hinweise, dass Dritte den Account übernommen hätten, gibt es nicht.

NS-Ritual für die „Blutzeugen“ aufgegriffen

Straßberger setzte nicht nur ein Like oder etwas anderes, was theoretisch auch im Vorbeigehen und damit unabsichtlich passieren könnte. Er kommentierte den Beitrag mit den Worten „HIER“. Rainer B. hatte das selbst so vorgegeben. Zahlreiche weitere Nutzer taten es ihm und Straßberger gleich. Diese Form des Gedenkens hat nach Auskunft zweier Professoren, die zu Tod, Trauer, Gedächtniskultur und politischem Totenkult forschen, kein Vorbild in bürgerlichen Kreisen. Auch Verbände von Reservisten oder Organisationen, die sich um Versöhnungsarbeit bemühen, kennen es selbst nicht.

Aus dem NS-Propagandafilm "Für uns". Neben dem tausendfach gerufenen "Hier" wurde es auch auf den Grabplatten der "Blutzeugen" angebracht. (C) Bundesarchiv
Aus dem NS-Propagandafilm "Für uns". Neben dem tausendfach gerufenen "Hier" wurde es auch auf den Grabplatten der "Blutzeugen" angebracht. (C) Bundesarchiv

Der einzige Bezugspunkt findet sich beim „Letzten Appell“, mit dem die Nationalsozialisten ab 1935 ihre „Blutzeugen“ ehrten. Filme aus der damaligen Zeit beim Bundesarchiv zeigen, wie der jeweilige Name des Toten von einem Redner gerufen wurde und die aufmarschierte Menge mit einem „HIER“ antwortete. Das Wort fand sich zusätzlich auf den Grabplatten der NS-Männer, die 1923 beim Hitler-Ludendorff-Putsch vor der Feldherrnhalle ums Leben kamen. Das NS-Dokumentationszentrum bestätigte auf Anfrage diese Form des Totenkultes. Laut Zentralinstitut für Kunstgeschichte, ebenfalls in der Nähe des Königsplatzes in München angesiedelt, wo der NS-Totenkult damals stattfand, sei das Ritual als „Willensbekundung zu verstehen, in der Nachfolge der ‚Märtyrer der Bewegung‘ bis zum Tod für die NS-Bewegung zu kämpfen.“

Will Umgang mit dem Grab gemeint haben, likte „großen Mann“

Straßberger gab zudem nicht nur den Kommentar ab, der in der Tradition des „Blutzeugen“-Gedenkens stand, sondern likte auch einen Kommentar, in dem sich ein Nutzer über die Auflösung des Heß-Grabes vor einigen Jahren beschwerte. Aussage: „National gesinnten Deutschen“ sei so die Möglichkeit genommen worden, „diesen großen Mann zu ehren“.

Straßberger äußerte sich gegenüber dem BR dahingehend, er hätte weder „auf nationalsozialistische Traditionen Bezug nehmen noch ein politisches Bekenntnis abgeben“ wollen. Das Like im Kommentar mit dem „großen Mann“ habe dem Umgang mit dem Grab gegolten. Warum er es überhaupt für angebracht hielt, an dem virtuellen Heß-Gedenken teilzunehmen, dazu findet sich im BR-Artikel jedenfalls kein Hinweis.

Auch Fischer trauerte mit - der Account postet auch zu einem Gemeinderat aus dem Landkreis Dillngen
Auch Fischer trauerte mit - der Account postet auch zu einem Gemeinderat aus dem Landkreis Dillngen

Für eine andere Form des Gedenkens entschied sich der Account eines Robert S. Er postete gefaltete Hände und die Reichsfarben Schwarz-Weiß-Rot. Das Profil passt zu einem AfD-Lokalpolitiker aus Traunstein, der immer wieder etwa den Aktivisten von „Die Insider“ mit fragwürdigen Postings auffällt. Vor einigen Jahren war S. noch im Vorstand des Kreisverbandes, bei der vergangenen Kommunalwahl stand er auf einem hinteren Listenplatz.

Mitgetrauert hat auch B. Fischer aus dem Landkreis Dillingen. Fischer ist von den Aktivitäten im Netz ein Heavy User im Dienste der AfD, postet aber auch schon Karten mit Deutschland in den Grenzen von 1937, in Schwarz-Weiß-Rot eingefärbt, und dem Wunsch, „Deutschland möge seine Eier wiederfinden“. Das Profil passt von den Postings her zu einem AfD-Gemeinderat aus dem Landkreis. Er ließ eine Anfrage zu seinen Beweggründen für das Heß-Gedenken unbeantwortet. Beinahe in den Stadtrat von Heilbronn geschafft hätte es ein anderer B. Fischer. Er wählt unter dem Heß-Gedenken das Umarmungsemoji.

Fridrich Luft, letzter Stadtrat der rechtsextremen BIA Nürnberg (bis 2020), gedachte Heß und beging den Wahltag in Sachsen-Anhalt so
Fridrich Luft, letzter Stadtrat der rechtsextremen BIA Nürnberg (bis 2020), gedachte Heß und beging den Wahltag in Sachsen-Anhalt so

Unter den virtuellen Trauergästen ist auch Fritz Zirngibl. Der war einst Teil der Landesspitze der Bayernpartei und Kreisrat in Kelheim, kehrte der Partei den Rücken, ist laut eigener Auskunft momentan parteifrei, aber laut seinen Postings sehr der AfD zugeneigt. Er brachte etwa das Kunststück fertig, sich im Netz an der Kampagne gegen die grüne Spitzenkandidatin in Sachsen-Anhalt, Susan Sziborra-Seidlitz, zu beteiligen, die kurz vor dem Wahltermin vom rechtsextremen Magazin „Compact“ wieder aufgewärmt wurde. Dabei ging es um die frühere Neonazi-Vergangenheit des Ehemanns der Grünen-Politikerin und ihre gleichzeitige Haltung, „nicht mit Nazis zu reden“. Zirngibl hatte da erst wenige Tage vorher ein Traurig-Emoji unter das Bild des Grabes des NS-Kriegsverbrechers gesetzt. Nach den Umfragen zu dem Zeitpunkt standen und fielen die Chancen der AfD auf eine absolute Mehrheit mit der Frage, ob es die Grünen in den Landtag schaffen würden.

Protschka und Straßberger sind am Sonntag gemeinsam auf einem „Oktoberfest“ der Generation Deutschland angekündigt
Protschka und Straßberger sind am Sonntag gemeinsam auf einem „Oktoberfest“ der Generation Deutschland angekündigt

Der AfD-Landesvorsitzende Stephan Protschka ließ im Gespräch mit dem BR offen, ob es innerparteiliche Konsequenzen gegen Straßberger gebe. Er will das davon abhängig machen, wie er insbesondere das Like für die Aussage zum Grab und dem „großen Mann“ erkläre. Beide sehen sich am Sonntag bei einem „Oktoberfest“, das die bayerische Generation Deutschland im Raum Landshut an einem nicht genannten Ort abhalten will.

Heß-Gedenken unter bestimmten Voraussetzungen strafbar

Keine Konsequenzen wegen seines privat ausgestellten Himmler-Befehls voller Blut- und Boden-Ideologie musste Daniel Halemba fürchten. Rauswerfen will der Landesverband dagegen den früheren Chef des Landesschiedsgerichts Thomas Bayer, der öffentlich die Ausrufe „Sieg“ zur strafbaren NS-Parole vervollständigt hatte und dafür rechtskräftig verurteilt ist. Protschka selbst verharmloste den Nationalsozialismus, indem er das Kofferwort „SÖDOLF“ auf den Ministerpräsidenten münzte. Das Verfahren wurde gegen Zahlung einer Geldleistung eingestellt.

Ehrungen und Gedenken für Rudolf Heß können unter Umständen selbst strafbar sein. Die Stadt Wunsiedel konnte so die Gedenkmärsche zum Todestag untersagen und Auflagen für die Nennung des Hitler-Stellvertreters bei den langjährigen Demonstrationen des Dritten Wegs Mitte November erlassen. Die Parallele zum NS-Gedenken dürfte in Neonazi-Kreisen, die sehr stark historisches Film- und Propagandamaterial konsumieren, als bekannt gelten.

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